Migration im TheaterBist du schwul oder Türke?

Das große Thema unserer Zeit ist die Migration. Es erreicht nun endlich auch die deutschen Bühnen. Eine Reise zu den zentralen Orten des "postmigrantischen Theaters". von 

Das Stück der Saison: "Verrücktes Blut" am Ballhaus Naunynstraße in Berlin.

Das Stück der Saison: "Verrücktes Blut" am Ballhaus Naunynstraße in Berlin.  |  © Ute Langkafel/Maifoto

Reden wir doch erst einmal übers Aussehen. Denn darum geht’s doch, wenn man über Migranten am Theater spricht, oder? Also: Helle Haut hat die Frau auf der Bühne, ihre blonden Haare sind zum Pony verfranst. Typisch deutsches Theater, denkt man. Wahrscheinlich kommt sie aus der Mittelschicht. Und Bühnendeutsch? Ja, das kann sie auch. Die Blonde ist die einzige Schauspielerin und erzählt eine fast vergessene deutsche Auswanderergeschichte vom anderen Ende der Welt. Eine Migrationsgeschichte mit umgekehrten Vorzeichen. Wir sind in Papua-Neuguinea, wo alles um 1900 begann, mit deutschen Missionaren, deutschen Handwerkern und Händlern. Sie kamen nach Vunapope, sprachen von Jesus, machten Geschäfte und heirateten einheimische Frauen.

Die Blonde auf der Bühne erklärt das so: »Die Weißen«, sagt sie und malt auf einer Schultafel einen großen Kreis weiß aus, »nahmen sich die Frauen«, ein zweiter Kreis, direkt daneben, als Umriss auf dunkler Oberfläche, »und die bekamen Kinder«, und sie malt einen dritten Kreis, den Kinderkreis. Erste Generation, zweite Generation, dritte Generation. Die aus der dritten Generation heißen Hilde und Günter, Maria und Alfred, und von ihnen handelt das Theaterstück. Von den letzten dreißig, mit denen bald ein unverwechselbares Kauderwelschdeutsch aussterben wird. Es ist das Einmaleins der Migration als theatrale Methode. In Bremerhaven, Kleines Haus, bordeauxrote Wände, Abschluss des Festivals »Odyssee: Heimat« . Der Niedergang einer deutschen Auswanderertradition als Bühnenstück. Gespielt in einem Deutschland, in dem die Debatten um Multikulti und Migration im vergangenen Jahr einen grotesken Höhepunkt erreichten , in dem jeder fünfte den berühmten Migrationshintergrund hat und in dem die Theatermacher sich lange Jahre nur zögerlich tastend auf die riesengroße Themenwiese namens Migration trauten.

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So war es bis zu dieser Spielzeit. Doch dann brach etwas auf. Aus vereinzelten Diskussionsflicken wurde binnen einer Saison ein deutschlandweiter Debattenteppich. Das Thema Migration kletterte in der Aufmerksamkeitspyramide schnurstracks an die Spitze. In Bremerhaven machten sie Heimat, Identität, Migration zum Leitfaden. Das Theater Heidelberg lud die Türkei als Gastland zum Stückemarkt ein, im regulären Programm spielten sie Orhan Pamuks Schnee und Fatih Akins Gegen die Wand . In Bochum holten sie einen Istanbuler, um Faust zu inszenieren. Die Liste ließe sich problemlos verlängern. Intendanten und Dramaturgen trafen sich auf Tagungen, debattierten, stritten und polemisierten. Das Fachjournal Theater heute war voll von Artikeln über Migration, und alle lasen Interkultur, das Buch von Mark Terkessidis, die Fibel für ein neues Verständnis unserer Gesellschaft, in der es nicht um »Eingliederung« der anderen, sondern um Innovation für das Ganze geht. Auch auf und hinter der Bühne.

Wer sich nun, am Ende dieser Spielzeit, auf die Reise zu denen macht, die da diskutieren, von Freiburg nach Heidelberg, über Mülheim nach Berlin und Bremerhaven fährt, der erlebt, wie dieses Thema vibriert, wie es Theatermacher und Schauspieler packt und durchschüttelt. Sie wollen alle weiter, und sie wissen: Wenn das Theater überleben will, muss es sich öffnen. Aber bei der Frage nach dem Wie scheren die Meinungen auseinander. Da entfaltet sich ein ganz eigenes Stück hinter den Bühnen, gespielt von einem Ensemble, in dem jeder seine Rolle hat: Es gibt Theoretiker und Praktiker, vorsichtig Suchende und tatkräftig Vorpreschende, es gibt Altmeister und Aufstrebende, Visionäre und Pragmatiker. Und es gibt ein Zentrum der Bewegung, von dem Strahlkraft ausgeht. Eines mit 99 Sitzplätzen und einem kleinen schwarz-weißen Banner, das verschmitzt aus einer sechsstöckigen Häuserfront hervorragt. »Ballhaus Naunynstraße« steht darauf, und von dort, aus dem Kreuzberger Kieztheater, kommt der »Hit der Saison«.

So nannte der Spiegel das Stück Verrücktes Blut über eine Lehrerin, die ihre Rabaukenklasse mit vorgehaltener Waffe zu Schiller zwingt. Und so haben es die Jurys in diesem Jahr entschieden. Eine der zehn heiß begehrten Einladungen zum Theatertreffen in Berlin ging an die Regisseure Nurkan Erpulat und Jens Hillje, bei den Mülheimer Theatertagen gewannen sie den Publikumspreis. Weil das, was sie machen, witzig und durchgedreht ist, ironisch und doppelbödig. Seitdem haben sie nicht genug Karten für all die Anfragen. Denn nun wollen auch Bildungsbürger aus Charlottenburg in dem kleinen Saal mit Ornamentsäulen und Stuckdecke neben Kids aus dem Kiez sitzen und zusehen, wie der vorurteilsgesättigte Blick, den unsere Gesellschaft auf Jugendliche mit Migrationshintergrund hat, auf die Bühne geworfen und von dort mit blitzendem Sarkasmus und bitterem Ernst zurückreflektiert wird. Von pöbelnden, ins Telefon schreienden und sackkratzenden Jungschauspielern.

Für das Ballhaus ist Verrücktes Blut der endgültige Durchbruch. Mit seinem Markenkern, die Narrative aus den Einwanderergenerationen zu dramatisieren, ist es zur Experimentierstube geworden, auf die ganz Theaterdeutschland blickt. »Diese Geschichten«, sagt Shermin Langhoff, Intendantin und 2008 Gründerin des Ballhauses, »haben der deutschen Theaterlandschaft bislang bitter gefehlt.« Die Literatur und der Film, ja, die haben eine breitere Basis, eine längere Historie. Schon 1972 schrieb Aras Ören das Gedicht Was will Niyazi in der Naunynstraße? . Heute gibt es Schriftsteller wie Akif Pirinçci, Hilal Sezgin oder Feridun Zaimoglu. Der Film hat die Ikone Fatih Akin , der andere folgten. Aber das Theater?

Leserkommentare
  1. "Theater" gehört schließlich ins Theater.
    Darüber werden sich alle "Kulturbeflissenen"
    riesig freuen.

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    erfreut mich mit "Theatergeschichten" aus meiner alten Heimat (dem Westen Deutschlands)". Ich hoffe jedoch, dass es den Theatern in MacPom erspart bleibt eine Geschichte über Migranten(problematiken) zu inszenieren, die hier so zum Glüück nicht stattfinden.

  2. Entfernt. Bitte äußern Sie sich sachlich und differenziert zu den Artikelinhalten. Danke. Die Redaktion/sh

  3. erfreut mich mit "Theatergeschichten" aus meiner alten Heimat (dem Westen Deutschlands)". Ich hoffe jedoch, dass es den Theatern in MacPom erspart bleibt eine Geschichte über Migranten(problematiken) zu inszenieren, die hier so zum Glüück nicht stattfinden.

  4. Ich glaube hier ist das Theater dem Zeitgeist hinterher. Mulitkulti und globalisierte Gleichmacherei sind gescheitert, absolut gescheitert.

    Gekürzt. Wir bitten Sie um differenzierte und konstruktive Diskussionsbeiträge. Danke. Die Redaktion/sh

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    • snoek
    • 20. Juli 2011 13:21 Uhr

    "Mulitkulti und globalisierte Gleichmacherei sind gescheitert, absolut gescheitert."

    Und jetzt? Sollen alle nach Hause gehen und sich ärgern? Was ist dagegen einzuwenden, wenn jemand versucht den von Ihnen gefühlten Zustand zu verändern? Uns sei es nur, um Fördermittel für sein Theater zu kassieren.

    • snoek
    • 20. Juli 2011 13:20 Uhr
    5. .....

    Wie der Schauspieler Orhan Müstak auf Seite zwei schon erwähnt: es sollte auch Geschichten geben, die über Menschen, nicht über Türken erzählen. Mich stört an diesen Migrationsstories, auch im Fernsehen oder Kino, dass immer die gleichen spezifischen Probleme abgehandelt werden. Ich würde mir wünschen, dass es Geschichten über Menschen gibt und der Migrationshintergrund nebenbei authentisch geschildert wird, aber nicht das Hauptthema ist.

    Sicherlich müssen wir aber erst eine Reihe migrationsspezifischer Geschichten über uns ergehen lassen bevor wir in der Normalität ankommen. Das Thema Migration mag im Theater eine Modeerscheinung sein, die Schauspieler mit MiHiGru werden aber bleiben.

    • snoek
    • 20. Juli 2011 13:21 Uhr
    6. .....

    "Mulitkulti und globalisierte Gleichmacherei sind gescheitert, absolut gescheitert."

    Und jetzt? Sollen alle nach Hause gehen und sich ärgern? Was ist dagegen einzuwenden, wenn jemand versucht den von Ihnen gefühlten Zustand zu verändern? Uns sei es nur, um Fördermittel für sein Theater zu kassieren.

    Antwort auf "Zeitgeist"
  5. Entfernt. Bitte wenden Sie sich bei Fragen oder Hinweisen zur Moderation an community@zeit.de. Die Redaktion/sc

    • konnat
    • 20. Juli 2011 13:58 Uhr

    ..es erreicht nun endlich auch die deutschen Bühnen".

    Mag ja sein, verehrter Herr Trotier, dass Sie persönlich
    sehnsüchtig darauf gewartet haben wie weiland auf den
    Osterhasen.

    "Sackkratzende Jugendliche" im Theater oder auch anderswo,
    muss ich mir nicht unbedingt antun.

    Da bin ich lieber etwas altdeutsch und erfreue mich an Goethe, Lessing und Schiller.

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    • TDU
    • 21. Juli 2011 13:06 Uhr

    Keine Befürchtung, ich würde jetzt Qualitätsvergleiche anstellen. Aber diese Reihe zeigt beispielsweise, wie man gesellschaftliche Konflikte durch Geschichte und Dialoge darstellen kann. Und das haben solche Werke mit den Klassikern gemeinsam, vemutlich weil die Macher von denen gelernt haben.

    Ganz anders das Deustche: Abgehobene Dialoge, eindringlicher Hinweis mit der Kamera, empörtes und weinerliches Geschrei mittelweile auch männerkomapibel, kurze Analayse nach Marx und eine grauenvolle Klischeegeschichte mit den üblichen Guten und Bösen in die linken und rechten Töpfe.

    Dem entspricht im Theater die Reduzierung alles Menschlichen auf F. F. und Saufen was natrülich erst recht in Deustchland jeder Integration entgegensteht. Vielleicht haben es die Migranten deswegen schwer. Von fremden Leuten lässt man sich ja ungern was sagen, einerseits und ob die Migranten das alles so wollen, weiss man auch nicht andereseits.

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  • Schlagworte Theater | Fatih Akin | Migration | Bühne | Intendant | Türkei
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