Meine Eltern haben mir vorgelebt, dass man seine Träume wahr werden lassen kann, wenn einen alle anderen für verrückt halten. Eines Tages beschlossen sie, dass sie zusammen mit ihren Kindern die Welt sehen wollten. Mein Vater, der auf den Bermudas aufgewachsen war, gab seinen Beruf als Architekt auf, verkaufte unser Haus und baute mit meiner Mutter ein Boot. Mit dem segelten wir dann jahrelang über die Meere. Auf diesem Boot verbrachte ich einen großen Teil meiner Kindheit und Jugend. Danach bin ich zum Studieren in die USA gegangen, später zog ich nach London, um an der Filmhochschule zu studieren. Und ich begann Songs zu schreiben.

Ich wohnte anfangs in einem besetzten Haus, spielte viel Gitarre – und hatte immer große Sehnsucht nach dem Ozean. Auch als ich schon als Musikerin Erfolg hatte, blieb ich in einer winzigen Wohnung, weil ich all mein Geld sparen wollte: für eine eigene Insel. Die war mein Traum.

Nach fünfzehn Jahren hielt ich es in London kaum noch aus. Und als ich dann hörte, dass eine schöne kleine Bermuda-Insel zu verkaufen war, schlug ich zu. Mein Mann wollte erst nicht so recht mitziehen, aber als ich ihm klarmachte, dass ich unbedingt auf dieser Insel leben muss, gab er nach.

Meine Insel ist nicht riesig, ungefähr einen Hektar groß. Da wohnen nur ich, mein Mann, unser siebenjähriger Sohn, ein Hund und einige Hühner. Wir bauen unser eigenes Gemüse an, den Strom liefert eine Solaranlage. Vier Stunden am Tag habe ich für mich allein, da male ich und schreibe Gedichte und Songs. Unseren Sohn unterrichten wir selbst, mein Mann ist für Geschichte verantwortlich, alles andere bringe ich ihm bei. Meine Eltern haben mich und meine Geschwister damals ja auch selbst unterrichtet, auf dem Boot. Ich finde die Vorstellung schrecklich, dass mein Sohn seine Tage in einem Klassenzimmer auf dem Festland verbringen könnte. Dafür hat er auf der Insel einfach viel zu viel Spaß.

Das Gefühl, nur von Wasser umgeben zu sein, ist unbeschreiblich. Ich liebe die Abgeschiedenheit, denn ich bin ein schüchterner Mensch. Das passt vielleicht nicht zu meinem Beruf als Popmusikerin, aber für mich ist gerade dieser Gegensatz zwischen der Isolation auf der Insel und der Begegnung mit einem großen Publikum auf meinen Tourneen sehr anregend.

Vieles ist auch anstrengend auf so einer Insel. Zum Einkaufen muss man das Boot nehmen, auch um den Müll wegzubringen. Abends mal essen gehen oder ins Kino – geht auch nicht.

Außerdem scheint auch auf den Bermudas nicht immer die Sonne. Im Winter wird es kühl und vor allem stürmisch. Vor dem Hurrikan habe ich Angst, auch wenn wir dank der modernen Wetterdienste vorgewarnt werden. Auf jeden Sturm bereiten wir uns tagelang vor, sichern die Fenster und die Boote, besorgen mehr Kerzen und Lebensmittel. Alles, was wegfliegen könnte, wird ins Haus gebracht. Manchmal denke ich, es wäre vernünftiger, in einem sicheren Haus auf dem Festland zu wohnen. Aber ich möchte meine Insel nie verlassen. Und die Sonnenaufgänge nach einem Sturm sind sensationell.

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