DIE ZEIT: Warum haben Sie Typisch Deutsch e. V. gegründet?

Sezen Tatlici: Weil es hierzulande keinen Verein gibt, der das Multikulturelle, Multiethnische und Multilinguale repräsentiert. Es gibt viele Migrantenvereine, einen für die Koreaner, einen für die Türken, einen für die Italiener – aber eben keinen, wo alle drin sind und wo auch die altdeutschen Menschen berücksichtigt werden.

DIE ZEIT: Altdeutsche Menschen?

Tatlici: Wir unterscheiden zwischen Altdeutschen, den Eingeborenen sozusagen, und Neudeutschen, wie wir es sind: hier geboren, aber mit ausländischen Wurzeln. Der Idealzustand, den wir anstreben, ist natürlich, dass alle nur noch deutsch sind. Aber in Zeiten von »Migrationshintergrund« und »Ausländer« ist es schwer, das schnell zu erreichen. Außerdem gibt es auch in unserem Verein Leute, die sagen: Ich bin nicht nur deutsch, ich will auch ausdrücken, dass ich gleichzeitig etwas anderes bin. Und der Begriff Neudeutsch schließt auch sie ein. Wir wollen das Bild davon, was deutsch ist, erweitern.

Sabrina Corsi: Letztes Jahr im September, als Sarrazin Furore machte, haben wir erbittert diskutiert, und du hast dann gesagt: Jetzt muss was gemacht werden!

Tatlici: Es ist einfacher zu spalten als zu einen. Und wir brauchen endlich eine Initiative, die diese Spaltung heilen kann.

DIE ZEIT: Es heißt ja, wenn drei Deutsche zusammentreffen, gründen sie erst mal einen Verein.

Tatlici: (lacht) Genauso war es bei uns auch. Wir haben ein Video gemacht, jeder sagt darin nur seinen Namen und dass er typisch deutsch sei. Darauf gab es Wahnsinnsreaktionen! Den Altdeutschen wollen wir damit sagen: Leute, dies ist unser aller Land; und zu den Neudeutschen: Wir müssen uns am Riemen reißen und Verantwortung übernehmen.

Joshua Lupemba: Wir sind alle gegen den Begriff »Integration«, weil er nahelegt, dass jemand außen vor ist, der angepasst werden muss. Ich bin hier geboren, was habe ich mit Integration zu tun?

DIE ZEIT: Was soll man stattdessen sagen?

Lupemba: Wir sprechen von »definieren« oder »neu definieren«: Wir wollen gemeinsam eine Lösung suchen. So kann man auch die Stärken einbeziehen, die Einwanderer mitbringen.

DIE ZEIT: Auf Ihrer Website geht es auch um Patriotismus. Warum?

Michelle Piccirillo: Das ist ein großes Streitthema bei uns!

Tatlici: Ich finde den Begriff in Deutschland problematisch. Ich habe trotzdem kein Problem damit, an meinem Schlüsselbund eine deutsche Fahne zu tragen. Als ich noch im Bundestag bei Otto Schily gearbeitet habe, gab es Kollegen, die sagten: »Dass finde ich mutig. Ich würde mich das nicht trauen.« Ich würde nicht »Deutschland« brüllen und die Fahne schwenken, aber es muss etwas geben, das uns eint, das Zugehörigkeit und Verantwortung ausdrückt. Wir alle finden unser Grundgesetz toll, besonders den ersten Artikel, auf ihn berufen wir uns. Egal, wie jemand aussieht, ob er Deutsch spricht oder sich danebenbenimmt: Alle haben das Recht, würdevoll behandelt zu werden. Deutschland ist meine Heimat, und in der Türkei liegen meine kulturellen Wurzeln. Das ist sehr, sehr wichtig.

Corsi: In Berlin erlebe ich einen starken Lokalpatriotismus. Egal, welcher Herkunft die Leute sind, sie sagen: Ich bin stolz, aus Berlin zu kommen. Das gilt auch für Hamburg oder Frankfurt, und das finde ich gut! Du willst immer wieder zurück nach Hause, und das ist nicht die Türkei oder Syrien, das ist Berlin-Schöneberg. Vielleicht sagen die Leute ja in ein paar Jahren: Wir kommen aus Deutschland und sind stolz darauf.