AustrofaschismusTotenkult für einen Diktator

Eine verschworene Gemeinschaft huldigt weiterhin ihrem "Heldenkanzler" Engelbert Dollfuß. von Lucile Dreidemy

Im Geburtshaus von Engelbert Dollfuß verwahrt Karl Franc die Devotionalien.

Im Geburtshaus von Engelbert Dollfuß verwahrt Karl Franc die Devotionalien.  |  © Gianmaria Gava

Der 25. Juli ist auch heute noch ein wichtiges Datum für traditionsbewusste Konservative in Österreich: der höchste Feiertag eines ebenso trotzigen wie anachronistischen Totenkults, der noch immer im Verborgenen blüht und in dem das alte österreichische Lagerdenken weiterlebt. An diesem Tag wurde 1934 Engelbert Dollfuß, der Begründer der austrofaschistischen Diktatur, bei einem Putschversuch der österreichischen Nazis im Bundeskanzleramt angeschossen. Er verblutete auf einer Biedermeiercouch, weil die Putschisten jede ärztliche Hilfe verweigerten.

Wenige Monate zuvor hatte der fromme Diktator im Bürgerkrieg vom Februar 1934 den bewaffneten Widerstand der Sozialdemokraten gegen die diktatorische Wende nach der Ausschaltung des Parlaments brechen lassen. Bundesheer-Artillerie schoss die Arbeiterquartiere sturmreif, in denen sich die roten Milizen verschanzt hatten. Dollfuß regierte mit Notverordnungen und dem Standrecht und ließ manche seiner Widersacher sogar hinrichten. Nun war er selbst Opfer der Gewalt geworden.

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Lucile Dreidemy

Die Autorin stammt aus Frankreich und arbeitet gegenwärtig als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Zeitgeschichte der Wiener Uni an ihrer Dissertation über das "posthume Leben" des Engelbert Dollfuß.

Unverzüglich wurde der Ermordete von dem autoritären Regime seines Nachfolgers Kurt Schuschnigg zum Märtyrer stilisiert. Straßen und Plätze im ganzen Land wurden nach dem »Heldenkanzler« umbenannt, katholische Kirchen und staatliche Institutionen der Pflege seines Andenkens gewidmet. Die Sakralisierung des »toten Führers« diente einerseits der propagandistischen Abgrenzung von Nazi-Deutschland, anderseits der Rechtfertigung der autoritären Strukturen des Regimes.

Teile dieser pathetischen Erinnerungskultur haben sich bis heute erhalten. In aller Verschwiegenheit wird nach wie vor dem Mann gehuldigt, der in Österreich mit einem Staatsstreich der Demokratie den Garaus bereitet hatte. Erst als 2006 mit Alfred Gusenbauer wieder ein Sozialdemokrat in das Bundeskanzleramt einzog, wurde stillschweigend die kleine Gedenkstätte mit Porträt und Kerze vom Ort des Attentats entfernt.

Es dauerte noch vier Jahre, bis 2010 die Koalitionsregierung von Werner Faymann auch den Brauch beendete, an jedem Todestag in der rund zwanzig Quadratmeter großen barocken Amtskapelle am Ballhausplatz einen Gedenkgottesdienst mit Fürbitten für den »Diener Engelbert« zu lesen. Im letzten Augenblick: Die Einladungen waren bereits gedruckt. Als die liturgische Gedenkpflege 2009 zum letzten Mal in Szene ging, bedauerte der Pfarrer der Wiener Schottenkirche vor der kleinen Gruppe von Dollfuß-Anhängern, die sich eingefunden hatte, die Veranstaltung finde leider Gottes »immer wieder irgendwelchen Widerhall, der falsch ist«. Vergeblich hoffte er, dass man sich im nächsten Jahr wiedersehen werde.

Wenig Berührungsängste mit dem kleinwüchsigen Diktator, den die österreichischen Hakenkreuzler gerne als »Millimetternich« verspotteten, zeigt aber weiterhin die Volkspartei. Ihre Klubräume im Parlament ziert nach wie vor ein Porträtgemälde des politischen Ahnen, Klubobleute, wie Karlheinz Kopf und vor ihm Andreas Khol, verteidigen den fragwürdigen Wandschmuck mit dem Hinweis, dieser Totengräber der Demokratie sei ein »Parteiheiliger«.

Das Erbe der christlich-sozialen Diktatur bereitet weiterhin Schwierigkeiten. Im Frühjahr unterstützten SPÖ und ÖVP noch eine Initiative der Zeitgeschichtler Oliver Rathkolb und Florian Wenninger, die eine Rehabilitierung der Opfer des Austrofaschismus zum Ziel hatte. Bis zur parlamentarischen Sommerpause, versprachen die Koalitionspartner, werde ein entsprechendes Gesetz beschlossen sein. Mittlerweile gerieten die Verhandlungen ins Stocken, eine Beschlussfassung ist nicht in Sicht.

So bleibt das Gedenken an Dollfuß vorläufig von dem Makel verschont, dass die Unrechtsurteile seines Regimes außer Kraft gesetzt worden sind. Auf den Geist, der im einzigen Dollfuß-Museum Österreichs herrscht, hätte ein Gesetz zur Rehabilitierung der Ständestaat-Opfer vermutlich ohnehin keinen Einfluss. Neben dem Eingang des geduckten, lindgrünen Häuschens, in dem Dollfuß 1892 als uneheliches Kind einer Bauerntochter im niederösterreichischen Texing auf die Welt kam, preist eine Marmortafel den großen Sohn der kleinen Gemeinde im Mostviertel als »Erneuerer Österreichs«.

So sieht es auch drinnen aus. Die drei niederen Räume sind gefüllt mit einem kunterbunten Sammelsurium an Devotionalien, Erinnerungsplakaten, Dollfuß-Straßenschildern, Gedenkbüchern und Fotodokumenten, auf denen neben der ärmlichen Herkunft des »Heldenkanzlers« vor allem das teils operettenhafte Pathos seines Regimes verewigt ist. Das Faksimile eines Zeitungsberichts aus dem Jahr 1933 lobt die »Erfolge der einjährigen Kanzlerschaft«: »Konzentrationslager für alle Vaterlandsverräter«.

In einer Ecke dieser Mischung aus Heimatmuseum und Pilgerstätte steht eine Holztruhe, gefüllt mit Erde aus dem Dollfuß-Grab am Hietzinger Friedhof, in einer anderen verstaubt ein verwelkter Strauß Anemonen, die in der katholischen Symbolik vergossenes Märtyrerblut repräsentieren sollen. »Das jährliche Geschenk einer 90-jährigen Dollfuß-Verehrerin aus Tirol«, erklärt Museumsdirektor Karl Franc.

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