Doch dann führt Häck seinen Besucher nah an die obszönen Rundungen heran, zu den steinernen Testikeln, und zeigt ihm Spuren, für die nicht die Geologie verantwortlich gemacht werden kann. Es sind Gravuren, parallele Linien, sich kreuzende Linien, dreieckige Formen. Man könnte sie für zufällige Kritzeleien halten. Doch die Stellen im Fels, an denen diese Zeichen oder Symbole mit Kraft in den Kalk geritzt worden sind, lassen keinen Zweifel zu. Hier sahen Menschen in den Steinformationen dasselbe wie wir heute. Sie haben sich davon inspirieren lassen und eigene Darstellungen in den Kalkstein geritzt.

Denn die Gravuren sind nicht irgendwo auf der Höhlenwand verewigt, sondern direkt auf einer Rundung, die aussieht wie die Eichel eines Penis, oder unweit eines weiblichen Torsos oder im Hohlraum hinter hängenden Brüsten. Und die dreieckigen, wie Vulven anmutenden Formen oder die (schematisch eine Frau darstellenden?) Querlinien: Sie sind kaum zufällig auf jener Kalkformation zu finden, die zwischen stierhodenartigen Klumpen aussieht wie ein Phallus.

Wann Menschen die natürlich entstandene Genitalienkollektion künstlerisch verzierten, verrät womöglich die stilistische Analyse der rudimentären Aktzeichnungen. Häck und den emeritierten Kölner Archäologieprofessor Gerhard Bosinski erinnern die neben hodenförmigen Strukturen platzierten Linien an einen Fund in der Dordogne , wo Steinzeitler in ähnlicher Weise olivenförmige Gravuren an den Seiten eines Phallus gezeichnet haben.

Die Archäologen erforschen das Alter der Steinzeitkunst

Und unweit einer kopflosen Figur, in der die frühen Franken – genauso wie wir heute – wohl die Silhouette einer Frau entdeckt haben, mit Busen, Schulter, Arm, Schambereich und Schenkeln, wiederholten die Kreativen die Umrisse der Schenkel in parallelen Gravuren. Deren Form ähnele den schematischen Darstellungen vom Typ Gönnersdorf, jenen berühmten Frauenbildern aus der Zeit des sogenannten Spätmagdalénien, meinen die Forscher. »Wir tippen auf ein Alter von rund 12.000 Jahren«, sagt Häck. Falls sich dies bestätigen sollte, handelt es sich um den allerersten Fund steinzeitlicher Höhlenkunst in Deutschland.

Zwei geologische Indizien stützen die kunsthistorische Einschätzung. Zum einen hat sich seit Jahrtausenden neuer Kalk auf den Gravuren abgelagert. An mehreren Stellen nahm das Landesamt für Denkmalpflege Proben. Die Dicke der Sinterschicht allein lässt aber noch keine Datierung zu. Hier hilft das Wissen um ein erderschütterndes Ereignis. 

Vor 3.500 Jahren ist ein Teil des Waldes um mehrere Meter abgesackt, Risse entstanden – auch in den Zeichnungen. Darauf hat sich eine weitere Kalkschicht gebildet. Sie belegt, dass die Menschen die schemenhaften Zeichnungen vor dem Erdbeben in Oberfranken hinterlassen haben müssen. Das bestätigt zwar noch nicht explizit die geschätzten 12.000 Jahre – aber die Gravuren stammen zweifelsfrei nicht aus den letzten Jahrtausenden.