ArchäologieDie Lusthöhle in Franken

Seit Jahrzehnten suchen Archäologen in Deutschland nach steinzeitlicher Höhlenkunst. Jetzt wurden sie erstmals fündig. Bei Bamberg stießen sie auf eine vorzeitliche Kapelle voller Erotik. von 

Der Hohlraumbeauftragte des Bundeslands Bayern flucht. Sakrament! Wieder waren Eindringlinge hier. Bernhard Häck sieht das auf den ersten Blick. Als er das letzte Mal die Höhle unter diesem abschüssigen Laubwald aufgesucht hatte, im April, da versperrte er anschließend den Eingang zwischen den Kalkfelsen mit Geäst und Gesteinsbrocken. Aber in der Zwischenzeit muss irgendjemand den provisorischen Verschluss geöffnet haben, die Hölzer liegen anders, die Steine wurden umgeräumt. Nun befürchtet Häck, dass erneut Raubgräber im Boden der Mäanderhöhle gewühlt haben könnten. Er entlässt Kraftausdrücke im schwäbischen Dialekt. Wörter, zu roh, als dass man sie hier zitieren könnte, und die der Angst entspringen, dass einer der spannendsten archäologische Fundorte Deutschlands Schaden nehmen könnte, weil Kriminelle von seinem Geheimnis erfahren haben.

Als Besucher musste ich schwören, den Ort, an dem erstmals in Deutschland steinzeitliche Felskunst gefunden worden ist, nicht zu verraten. Ich musste dreifach unterschreiben, dass ich gänzlich »eigenverantwortlich handele«, wenn ich in Begleitung des Archäologen und Geologen Häck vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege »in die sogenannte Mäanderhöhle (Lkr. Bamberg, Oberfranken)« klettere. Falls ich abstürze, mir das Knie verdrehe, den Schädel breche, besteht kein »Anspruch auf Schadensersatz«. Als weitere Sicherheitsmaßnahme hat Häck bei seinen Vorgesetzten Mitteilung hinterlassen: Sollten wir uns bis halb drei nicht zurückgemeldet haben, bitte Suchaktion starten.

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Als der Hohlraumbeauftragte den letzten Kalkbrocken vor dem klodeckelgroßen Eingang zur Seite schiebt, wendet er mir den Kopf zu und fragt ein letztes Mal ernst: »Sie wollen wirklich rein?« Die Sorgen des Amts verstehe ich so richtig erst im Loch drin. Häck ist der Einzige seiner Abteilung, der sich reintraut. Im schwülen Entrée sind die möglichen Gefahren noch rein biologisch. Riesige Mücken schwirren einem ins Gesicht, am Gestein lungern fette Höhlenspinnen herum. Nach kurzer Kraxelei führt ein lehmig-schmieriger Spalt zehn Meter fast senkrecht hinab. Mit eingezogenem Bauch muss man sich zwischen die parallelen Wände pressen und dann mit Gottvertrauen abrutschen lassen in den schwarzen Schlund. Klaustrophobe würde der Gedanke daran, dass es nur auf demselben Weg ein Zurück gibt, in den Wahnsinn treiben.

Die Tropfsteine sehen aus wie menschliche Organe

Tief unten in der ewigen Kühle der Grotte – acht Grad auch im Juli – öffnet sich endlich der Raum. Mit der Funzel an seinem Grubenhelm leuchtet Häck gegen die feuchte Wand, an der kugelige Sinterklumpen herabhängen. Er dreht den Kopf und leuchtet in die nächste Ecke: Dort hat das seit Millionen Jahren tropfende Wasser an den Kalkkugeln so etwas wie Nippel hinterlassen. Spätestens bei diesem Anblick zieht die Fantasie wohl in jedem menschlichen Kopf einen Vorhang auf – und der Betrachter staunt über die seltsamen Objekte, die die Natur in diesem Loch im Berg fabriziert hat. Ja klar, das sieht aus wie menschliche Organe. Die Natur hat weibliche Brüste geschaffen! Und da: Hoden. Nicht einzelne Hoden, sondern hundert Hoden. Dazwischen ein riesiger Penis. Ist der Vorhang erst einmal auf, dann sieht man Geschlechtsteile, wohin man blickt.

Schließlich schwenkt Häck mit dem Kegel seiner Lampe in den hinteren Teil des Höhlenraums und hinauf zu einer dunklen vertikalen Öffnung im Tropfstein. Längst sensibilisiert, sehe ich dort nur noch eins: Hoch über der ganzen Szene thront eine riesige Vulva. 

Alles reine Geologie, bis hierhin. Das Gestein, das die heutige Höhle umgibt, ist die Ablagerung eines Meers, das sich vor 150 Millionen Jahren hier ausdehnte. Kalkige Jura-Sedimente, die zu Festland wurden, als die europäische Kontinentalplatte sich hob und das Gewässer sich zurückzog. Schließlich schuf Verwitterung diese Grotte: Wasser drang ins Gestein, Kohlensäure löste den Kalk. Hohlräume entstanden, und jeder Tropfen Wasser ließ beim Fallen an der Decke eine winzige Menge Kalk zurück – Stalaktiten senkten sich herab. Der restliche Kalk landete mit den Tropfen auf dem Boden – Stalagmiten richteten sich auf. Im Lauf von Jahrmillionen entstanden bizarre Figuren, ganz von allein.

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