Theaterfestival AvignonPapstpalast, 22 Uhr

Wem es beim Tanzen heiß wird, der muss sich ausziehen: Das Festival von Avignon ist in vollem Gang. von 

Neun Tänzer und 26 Kinder sind die Protagonisten von Boris Charmatz' Produktion "Enfants"

Neun Tänzer und 26 Kinder sind die Protagonisten von Boris Charmatz' Produktion "Enfants"   |  © Gerard Julien/AFP/Getty Images

Ein schwarzer Kran, dahinter die hohe Wand des Papstpalastes von Avignon. Gerade ist die Dunkelheit hereingebrochen; die großen Aufführungen des Theaterfestivals finden stets im Freien und nicht vor 22 Uhr statt. Zuerst aber müssen sich die 2.000 Zuschauer eine Protestresolution gegen den Neoliberalismus anhören, denn der Kulturminister sitzt im Publikum. Die Resolution wird beklatscht, Frédéric Mitterrand winkt ironisch mit schlaffer Hand. Schließlich beruhigen sich die Gemüter, und es ist nur noch der Mistral zu hören. Alles schaut auf das ragende Gerät auf der Bühne.

Eine Seilrolle knarzt im Gestänge. Es knallt, etwas ist gerissen. Und allmählich lässt sich das Prinzip erkennen: Ein Seil verbindet den Baum des Krans lose mit einem Punkt im Raum, die Rolle verkürzt das Seil, der Kran schwenkt in die Richtung der Befestigung, bis diese krachend reißt. Das Seil peitscht durch die Luft, schwingt danach locker, und der Kran zittert ungesteuert hin und her, bis die Rolle sich erneut dreht und den folgenden Zyklus einleitet. Wieder spannt sie das Seil, die nächste Befestigung reißt. Die Fixpunkte sind über den ganzen Bühnenraum verteilt. Er bildet zusammen mit dem Kran eine einzige mechanisch programmierte Gesamtmaschine.

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Der letzte Fixpunkt ist ein am Boden liegender Menschenkörper. Der Kran schleppt ihn heran, zieht ihn in die Höhe, der Mensch hängt am Haken, wird heruntergelassen, wieder hochgezogen, die Maschine schleift einen zweiten Menschen heran, legt beide übereinander, spielt mit ihnen. So geht es immer weiter, eine weitere Maschine tritt in Aktion, ein breites Rollband, und dann eine dritte: eine Plattform, auf ihr liegen Tänzer, die erst gewiegt, dann durchgeschüttelt werden wie durch ein Erdbeben.

Enfant heißt das Tanzstück des 38-jährigen Choreografen Boris Charmatz, also " Kind" . Und da kommen sie auch, mehr als zwei Dutzend Kinder. Genauer gesagt: Sie werden hereingetragen. Hängen schlaff in den Armen der neun Tänzer, die sie auf dem Boden ablegen, als seien es Puppen. Die Kinder bewegen sich nicht, sie werden bewegt; die Erwachsenen tanzen mit ihnen, wälzen sich mit den leblos erscheinenden Kinderkörpern umher, niemand spricht, niemand lächelt, alles trägt Schwarz. Der Ort spielt mit: Krähen rufen, vom Turm fliegen Fledermäuse. Dann ist ein Rhythmus zu hören, eine verfremdete Stimme wird lauter, sie singt Billy Jean. Michael Jackson, das vom Vater manipulierte Kind. Der begnadete Tänzer, der sich später eine eigene Kinderwelt baute. Dessen Fans vor allem Kinder waren. Dem Kindesmissbrauch vorgeworfen wurde. But the kid is not my son . Die Tänzer stellen mit ihren Kindermarionetten Gewaltszenen dar, ein Bub wird als Gewehr benutzt, sein rechtes Bein ist der Lauf. Sirenen, Schreie, Krieg. Darf man das mit Kindern tun? Auf der Bühne? In der realen Welt?

Die Szene wandelt sich; die Kinder zucken, tanzen dann, laufen schließlich und springen. Einige, darunter auch ein Mädchen, ziehen die schwarzen Hemden aus, ihre Oberkörper sind nun nackt. Sie bewegen die Gliedmaßen der umherliegenden Erwachsenen, zerren die schweren Körper hierhin und dorthin. Rennen, rasen, toben, haken einen Mann am Kran fest, der zieht ihn wieder nach oben...

Im August kommt das Stück nach Deutschland, zum Internationalen Sommerfestival in Hamburg. Es wird dort bestimmt die gleichen Irritationen erzeugen wie in Avignon. So ein finsteres Spiel, mit Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren? Charmatz stellte sich den Fragen des Publikums; seine Antworten liefen letztlich darauf hinaus, dass das Geschehen auf der Bühne für das Publikum beklemmender wirkt als für die kindlichen Darsteller. Ihrer Körperbeherrschung verlangen gerade die Marionettenszenen viel ab, das Schweigen fordert Disziplin. Und die Gewalt? Charmatz: "Die ist den Kindern nicht fremd, beobachten Sie einmal einen Schulhof." Aber – darf man Kinder halb nackt zeigen, vor 2.000 Zuschauern? Charmatz erinnert daran, wie es noch in seiner Kindheit an Badestränden zuging. "Die Kinder wollen sich ausziehen, weil ihnen beim Tanzen heiß wird", sagt er und stellt die Frage, was aus unserem Blick geworden ist.

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