StadtführungBerliner Duft

Polyester, Reinigung und Kebab: Eine norwegische Künstlerin kartografiert Städte nach ihren Gerüchen. von Markus Brügge

Reinickendorf, Märkisches Viertel. Nicht unbedingt eine Ecke Berlins, in die sich Touristen verirren. Am Ufer des Seggeluchbeckens erheben sich grauweiß die Betonfinger eines Hochhauskomplexes. Weiter im Norden stehen dicht gestaffelt Plattenbauten. Für Sissel Tolaas aber ist das Märkische Viertel ein duftendes Wunderland. »Hier können Sie das alte Westberlin riechen«, sagt sie, und in ihrer Stimme schwingt Begeisterung. Manche der Bewohner leben seit 40 Jahren in den Hochhäusern der Siedlung, wo die Aufzüge den Geruch von Schmierfett und Gummi in den endlos langen Hausfluren verbreiten. Auf den Straßen riecht Tolass: »Billigen Alkohol, billiges Aftershave, Solarium.« Die Beschreibung der Norwegerin für den typischen Geruch hier im Nordwesten der Hauptstadt würde die Bezirksbürgermeisterin wohl nicht freuen. Aber auf solche Empfindlichkeiten kann Tolaas keine Rücksicht nehmen: Die 50-jährige Duftforscherin und Künstlerin hat eine Mission – und bei der spielt Stadtmarketing keine Rolle.

Sissel Tolaas’ Welt sind Gerüche. Seit den Neunzigern sammelt die frühere Chemiestudentin Duftspuren. 2004 richtete ihr der amerikanische Duft- und Aroma-Konzern IFF im Ortsteil Wilmersdorf ein Labor ein. Hier erkundet sie Odeurs, betreibt Grundlagenforschung und berät, Museen zum Beispiel oder auch die Produzenten des Kinofilms Das Parfum. Vor sieben Jahren begann Tolaas auch damit, sich durch Städte zu schnuppern und Geruchspläne zu erstellen. Angefangen hat es mit Berlin, im Auftrag der Berlin-Biennale; inzwischen hat sie auch die Düfte von Paris oder Kalkutta eingefangen.

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In ihrem Labor lagern die Gerüche dieser Welt, 6.800 Proben in Flakons, Flaschen und Zylindern. Mit ihrer Hilfe findet Tolaas Worte für Geruchseindrücke, die andere nicht einordnen könnten. Wie zum Beispiel riecht denn Solarium? »Es ist ein Mix aus leicht verbrannter Haut, aus Schweiß und Sonnenmilch, ich würde ihn überall erkennen«, sagt die Norwegerin. Nach eigenen Angaben hat sie in Reinickendorf das größte Sonnenstudio ihres Lebens gesehen.

Wenn ihr ein Geruch aufgefallen ist, macht die Forscherin sich auf die Suche nach der Quelle. »Ich nehme die Fährte auf, wie ein Hund«, sagt Tolaas und lacht schallend. Manchmal führt die Spur sie zu einem Gewürz, Erde oder Brot. Die werden dann in einem Plastikbeutel verpackt. Ansonsten kommt ein Gerät namens Headspace zum Einsatz: ein kleiner blauer Kasten, an dem ein Schlauch mit Aufsatz baumelt. Per Vakuum saugt Sissel Tolaas damit Duftmoleküle von Hauswänden, Parkbänken, Telefonhörern und Kleidungsstücken. In ihrem Labor zerlegt ein Chromatograph die Gerüche in ihre chemischen Bestandteile. Die baut Tolaas dann synthetisch nach, um sie aufbewahren zu können.

So hat sie auch Berlin erschnüffelt, kartografiert und für die Nase nachgebildet. Auf einem Stadtplan sind die Straßen rot eingezeichnet, auf denen sie etwas Ortsspezifisches roch. Mitte: feine Lederschuhe und das Röstaroma der zahllosen Coffee-Shops. Charlottenburg: teure Seife und Geld. Neukölln: Polyester, Reinigungen und Kebab. Das geht manchmal nur um Nasenhaaresbreite am Klischee vorbei. Doch weil sich in Gerüchen auch konserviert, was aus dem Stadtbild längst verschwunden ist, führt eine Schnuppertour mit Sissel Tolaas bisweilen zu faszinierenden Einblicken in die Geschichte. Dann wird die Nase zu einem Ausgrabungsinstrument.

Die U-Bahn-Station Jannowitzbrücke ist ein guter Ort dafür. Wer mit der Duftforscherin dort hinabsteigt, dem winkt eine olfaktorische Zeitreise zurück in die DDR. »Hier unten riecht es immer noch nach Braunkohle, dem Putzmittel von damals und dem warmen Eisen der Schienen«, verspricht Tolaas, während sie die Treppenstufen heruntergeht, vorbei am Sojasauce-Bratfett-Reis-Odeur eines Asia-Imbisses.

Leserkommentare
  1. ...denn auch in Berlin weht über all diesen Faktoren ein leiser Hauch von Hundescheiße.

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