Eine Frau scrollt sich durch ihre ungelesenen Emails © Nicholas Kamm/AFP/Getty Images

Jörg Jelden hat sich sperren lassen. Sein Internetzugang funktioniert nur, wenn er zum Administrator geht und den Server ganz bewusst wieder freischalten lässt. Jörg Jelden ist Trendforscher, er berät Unternehmen und findet für sie heraus, welche gesellschaftlichen und technologischen Neuerungen relevant für ihre Produkte, ihre Kommunikation und Strategie werden könnten. Um die Erkenntnisse aus Studien und Konzepten zu verarbeiten und um Berichte und Vorträge ungestört und fokussiert zusammenzufassen, hat er im Hamburger Betahaus einen Schreibtisch gemietet. Für Jörg erfüllt der Platz einen ganz besonderen Zweck: Hier ist er offline. »Einfach nicht ins Internet gehen, den Browser nicht öffnen, das kann ich nicht«, gesteht der 33-Jährige. »Wenn ich Netzzugang habe, recherchiere ich immer noch mal schnell etwas nach. Jede kleine Konzentrationsschwäche nutze ich, um mich im Netz abzulenken.«

Konzentration, Fokussierung. Eine Struktur im eigenen Arbeiten, kein ständiges Reagieren auf E-Mails, Statusmeldungen, Anfragen. Die Idee, das Internet bewusst für eine begrenzte Zeit abzuschalten und offline zu arbeiten, taucht neuerdings öfter auf. Die Bücher Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline von Alex Rühle und Ich bin dann mal offline: ein Selbstversuch. Leben ohne Internet und Handy von Christoph Koch erzählen von den Experimenten zweier Journalisten, die sich Sorgen um die eigene Online-Abhängigkeit machten – und dann unter Schwierigkeiten, aber auch Erleichterung monatelang ohne Internet und Handy auskamen. Kommunikationsprofessorin Miriam Meckel veröffentlichte schon 2007 ihr Werk Das Glück der Unerreichbarkeit. Wege aus der Kommunikationsfalle. Ist »offline arbeiten« ein Trend?

»Spannungen zwischen dem zurückgezogenen, konzentrierten Arbeiten und dem Bedarf an kommunikativen Wissensaustausch gab es schon immer«, sagt der Soziologe Jan Schmidt. Er ist wissenschaftlicher Referent für Digitale Interaktive Medien am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg. Eine gesellschaftliche Tendenz, mehr offline zu arbeiten, sieht der Forscher nicht. »Auch vor dem Internet gab es Phasen, in denen Menschen sich abgelenkt fühlten und ungestört arbeiten wollten«, ruft er in Erinnerung. Doch statt sich am Server sperren zu lassen, hing dann ein »Bitte nicht stören«-Schild an der Bürotür. Oder man richtete feste Sprechstunden ein, die der Kommunikation dienten, während andere Phasen dem konzentrierten Arbeiten gewidmet waren. Auch der Trendforscher Jelden sieht das Offline-Arbeiten nicht als Trend. »Es ist eher ein Luxus, den sich die, die viel online sind, ab und zu mal gönnen«, sagt er.

Eine spezielle Software trennt den Nutzer bis zu acht Stunden vom Netz

»Virtuelle Sprechstunden« und »stoppende Türschilder« gibt es heute auch für Computer: Die Software MacFreedom schneidet beispielsweise den Rechner je nach individueller Eingabe bis zu acht Stunden vom Internet ab, nur bei einem Neustart des Computers ist die Leitung wieder frei. Das Programm Rescue Time protokolliert genau, wie viel Zeit im Internet, im E-Mail-Programm oder in anderen Anwendungen verbracht wurde und ob dieses Verhalten mit den selbst eingegebenen Zielen korreliert. Anti-Social lässt die Internetverbindung offen, sperrt aber alle ausgewählten Netzwerke wie Twitter oder Facebook. So helfen Computer-Tools, die individuelle Konzentration zu fördern.

Unbestritten ist: Das Internet birgt unzählige Vorteile für modernes Arbeiten. Mit E-Mail, Wikis, Blogs und anderen Online-Tools wird der Informations- und Wissensaustausch einfacher und schneller. So können sich etwa Kollegen aus Vancouver, Mumbai und Albersdorf miteinander abstimmen, ohne am selben Ort oder auch nur in derselben Zeitzone zu sein.