Die Energiewende ist beschlossen . Sie nimmt Gestalt an – aber sie wird anders aussehen, als Deutschlands Atomkraftgegner und eigentlich das ganze Land sie sich erträumt haben: ungemütlicher, teurer und, das vor allem, verheerend für das Klima. Nicht Wind und Sonne allein werden den Strom von morgen erzeugen. Soeben hat der russische Gaskonzern Gasprom erklärt, in Deutschland zusammen mit dem Stromkonzern RWE neue konventionelle Kraftwerke betreiben zu wollen. Der tschechische Stromkonzern CEZ möchte in Sachsen-Anhalt ein neues Braunkohlekraftwerk bauen. Und es gibt eine erstaunliche Nachricht aus dem Bundeswirtschaftsministerium: Vom Jahr 2013 an soll »der erforderliche Neubau« von Kohle- und Gaskraftwerken öffentlich gefördert werden – mit Geld aus dem Klimafonds.

Wenn das keine Energiewende ist: Vor Fukushima galt Kohlestrom als Übel, und das Land leistete sich eine teure Förderung für Wind- und Sonnenenergie, um den Marktanteil der Kohle zu verringern. Nun wird Strom, egal woher, so dringend gebraucht, dass Deutschland sogar Elektrizität der klimaschädlichsten Sorte subventionieren will.

Und das ist erst der Anfang. Zehn neue große Kohlekraftwerke entstehen gerade; die zusätzlichen Emissionen von mindestens zehn Gigawatt Leistung aus Stein- und Braunkohle werden voraussichtlich ab 2013 die Atmosphäre belasten. Zwanzig Gigawatt Atomkraft aber müssen ersetzt werden. Und es muss schnell gehen, denn der Atomausstieg kommt ja auch schnell. Darum das neue Förderprogramm des Wirtschaftsministeriums.

Wie wird der zweite Teil der Energiewende aussehen? Die jüngsten Nachrichten enthalten deutliche Hinweise darauf, woher die fehlenden zehn Gigawatt kommen werden. Wind und Sonne werden eine Rolle spielen, russisches Erdgas und deutsche Braunkohle ebenfalls. Zudem planen die deutschen Stromversorger für die zweite Hälfte des Jahrzehnts weitere zehn Großkraftwerke zur Kohleverstromung. Wahrscheinlich werden nicht alle diese Pläne realisiert. Andererseits ergab eine Umfrage der Bundesnetzagentur in der Strombranche Ende vergangenen Jahres, dass bis zum Jahr 2020 insgesamt 14 Gigawatt Kohlestromkraft zusätzlich zur Verfügung stehen werden – vier Gigawatt mehr, als die im Bau befindlichen Kraftwerke leisten werden. Und das war noch vor der Energiewende. Das neue Kohlekraftwerk der Tschechen dürfte kaum das Einzige bleiben.

Gibt es eine Alternative? Erst jüngst hat Ernst-Ulrich von Weizsäcker, ein Vordenker der deutschen Umweltbewegung, in dieser Zeitung massive Anstrengungen gefordert, die Energieeffizienz zu erhöhen. Das Problem ist nur: Sie steigt schon längst – noch schneller aber steigt der Stromverbrauch der Deutschen. Seit den frühen neunziger Jahren ist das so, nur das Krisenjahr 2009 macht eine Ausnahme. Ein Effizienzprogramm, das diesen Trend auch nur aufhalten, geschweige denn umkehren könnte, ist nicht einmal in Umrissen erkennbar (ZEIT Nr. 28/11). Natürlich gibt es Vorschläge, viele davon sind einleuchtend und wären vermutlich auch wirksam. Aber sie wären wohl auch mit massiven Eingriffen in die Freiheit der Bürger verbunden, mit Eingriffen, die jede auf ihre Wiederwahl bedachte Regierung davor zurückschrecken ließe, sie auch nur vorzuschlagen. Ineffiziente Kühlschränke, Heizungspumpen, Computernetzteile und Standby-Schaltungen – all das könnte man natürlich verbieten. Vieles spricht dafür. Nichts aber spricht dafür, dass eine solche Politik in absehbarer Zukunft mehrheitsfähig werden könnte.

Was bedeutet all das für den Klimaschutz? Offiziell hält die Bundesregierung an ihrem Ziel fest, die Emissionen des Landes bis zum Jahr 2020 um vierzig Prozent zu reduzieren. Die Energiewirtschaft sollte zu diesem Ziel sogar überproportional beitragen. DIE ZEIT hat einmal nachgerechnet. (Diese Rechnung finden Sie ausführlich hier .) Es ist, natürlich, eine Rechnung mit Unbekannten. So viel aber lässt sich schon heute sagen: Das ehrgeizige Klimaschutzziel ist nicht einmal annähernd zu erreichen. Der Strommix des Jahres 2020 aus Sonne und Wind, Kohle und Gas dürfte das Klima ungefähr so stark belasten , wie es die Stromproduktion des Jahres 1990 getan hat, mit der Atomkraft im Westen und den postsozialistischen Kraftwerksfossilen im Osten. Was durch den Ausbau von Wind und Sonnenenergie erreicht wurde, das frisst der Atomausstieg nun wieder auf.

Kosten, Versorgungssicherheit, Umweltschutz – diese drei Ziele stehen zueinander in einem Spannungsverhältnis: Wer hier zu viel will, muss dort Abstriche machen, das ist das kleine Einmaleins der Energiepolitik. Die Verfechter der Energiewende aber haben allen alles versprochen: sauberen, billigen Strom aus erneuerbaren Quellen, in unerschöpflichen Mengen, bei allen Wetterlagen. Das ist die kollektive Illusion des deutschen Atomausstiegs. Nun zerplatzt sie an der Wirklichkeit.