Man sagt das gerne mal so hin, in the middle of nowhere . Aber wie sich die Mitte des Nirgendwo wirklich anfühlt, das spürt nur, wer in diese unendliche grüne Weite fliegt, durchbrochen von einem feinen Netz aus Flüssen und Bächen. Hügel folgt Hügel, bis das Auge sie nicht mehr voneinander trennen kann. So als gäbe es nichts anderes auf der Welt als diese Landschaft.

Hier mündet der Klondike in den Yukon. Hier wird es im Winter minus 40 Grad kalt, und im Sommer geht die Sonne nicht unter. Hierhin zog es sie vor 110 Jahren, die Glücksritter und Gierigen mit ihren Pfannen, ihren Schaufeln auf dem Rücken und so viel Essen, wie sie tragen konnten. Hier wiederholt sich die Geschichte, dem Goldrausch von damals folgt heute ein zweiter.

Der Weg zur Mitte des Nirgendwo führt über Whitehorse in Kanada. In der Ankunftshalle des Flughafens prangen zwei ausgestopfte Karibus mit ihren ineinander verhakten Geweihen über dem Kofferband. Die lokalen Nachrichten, die über einen Bildschirm flimmern, melden: Nach dem 92-Jährigen, der vor zwei Wochen in einen Fluss gefallen ist, wird noch immer gefahndet. Man gibt hier beim Suchen nicht so schnell auf.

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Weiter geht es mit einem kleineren Flieger, den ein Trecker aufs Rollfeld zieht. Die Stewardess von Air North trägt einen Uniformpullover aus Fleece, an Bord gibt es ein Warmgetränk, einen Muffin und ein Magazin über den Zielort: »Dawson City – Herz des Klondike-Goldrausches«. 30.000 Menschen lebten früher mal dort. Heute sind es 1.881.

Dawson Citys Straßen sind aus Sand gebaut, die Fußwege aus Holzplanken gezimmert, wegen des Eises im Winter. Die Häuser stehen einzeln. Und ein bisschen ist es so auch mit den Menschen, die hier leben, sie lieben den Abstand. Wie die Hippiefrau und Goldschmiedin Leslie Chapman. Sie kam Mitte der siebziger Jahre mit ihrem Mann, sie suchten Einsamkeit und Wildnis, sagt sie. Dann fanden sie Gold auf ihrem Lagerplatz, steckten ihre Felder ab und kauften Geräte. So wurden sie zu placer miners , Goldschürfern. Sie stehen zwar nur noch in seltenen Fällen mit der Pfanne im Fluss, sondern fressen sich vor allem mit Baggern und speziellen Maschinen durch die Landschaft. Aber im Prinzip machen sie das Gleiche wie die ersten Goldsucher Ende des 19. Jahrhunderts: Sie suchen im lockeren Grund. Das sind die alten Goldgeschichten von Dawson City.

Seit 1885 wurden im Yukon 13.527.555 Feinunzen Gold aus der Erde gewaschen, zusammengerechnet im Wert von mehr als 1,4 Milliarden kanadischen Dollar.

Die neuen Geschichten sorgen dafür, dass in diesem Sommer die Hotels in Dawson und die Flüge dorthin fast ausgebucht sind. Der Goldpreis liegt seit Monaten um die 1.500 Dollar für eine Feinunze, diese Woche hat er erstmals 1.600 Dollar überschritten . Plötzlich ist es rentabel, auch dort Gold zu suchen, wo es sich lange nicht mehr lohnte. Überall auf der Welt ist das so, in Europa, in Südamerika, in Afrika. Und im Yukon.

Die neuen Goldsucher denken in ganz anderen Dimensionen: Sie stecken Claims ab, die so groß sind wie Länder, sie fliegen riesige Bohrmaschinen ein. Sie suchen kein Auskommen, sie suchen the big one . Die alte und die neue Welt prallen hier aufeinander.