VertreibungAuf dem Pfad der Tränen

Ethnische Säuberung im 19. Jahrhundert: Zwischen 1831 und 1838 wurden in den USA Zigtausende Indianer aus ihrer Heimat vertrieben. von Aram Mattioli

Einige vertriebene "Native Americans" ziehen gen Westen durch Louisiana. Gemälde von Alfred Boisseau, 1847

Einige vertriebene "Native Americans" ziehen gen Westen durch Louisiana. Gemälde von Alfred Boisseau, 1847  |  © Wikimedia Commons

Auf seiner Reise durch die Neue Welt wurde der späterhin berühmte französische Staatsphilosoph Alexis de Tocqueville Ende Dezember 1831 Zeuge eines Exodus, der ein düsteres Kapitel in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika einleitete. Nahe Memphis, am Ufer des Mississippi, stieß er auf einen Treck von Native Americans , die gerade dabei waren, sich und ihre kümmerliche Habe auf einen Flussdampfer einzuschiffen. Auf Anordnung der Bundesbehörden hatten die Choctaws ihr Stammesgebiet im Bundesstaat Mississippi aufgeben müssen, um Platz für die herandrängenden Siedlermassen zu schaffen. Was zahlreichen indianischen Nationen erst noch bevorstand, erlitten die Choctaws als eine der ersten. Mehr als 15.000 Menschen mussten das Land ihrer Ahnen räumen, wo sie über Hunderte von Jahren gelebt hatten. Mitten im Winter brachen sie nun auf, um in ein Reservat weit jenseits des Mississippi zu ziehen.

Kein Klagelaut war zu vernehmen und kein Weinen, obwohl sich unter den Choctaws auch Kleinkinder, Greise und Schwerkranke befanden. Einzig die Hunde heulten markerschütternd, als sie bemerkten, dass ihre Besitzer sie zurücklassen würden. Rasch entschlossen stürzten sich die Tiere in die eisigen Fluten und schwammen dem Dampfer hinterher. »Über der ganzen Szene lag eine Stimmung des Ruins und der Zerstörung, etwas, das einen endgültigen und unwiderruflichen Abschied bezeugte; man konnte das Geschehen nicht beobachten, ohne dass sich einem das Herz zusammenschnürte«, berichtete Tocqueville nach Frankreich. Im ersten Band seines Buches Über die Demokratie in Amerika trug er vier Jahre später die ebenso entscheidende wie verstörende Tatsache nach, dass die Vertreibung der red men aus dem Gebiet östlich des Mississippi durch einen parlamentarischen Mehrheitsbeschluss zustande gekommen war.

Anzeige
Aram Mattioli

Der Autor ist Historiker und lehrt Neuere Geschichte an der Universität Luzern.

Tatsächlich hatte der Kongress im Frühjahr 1830 den berüchtigten Indian Removal Act verabschiedet, ein Landabtretungs- und Umsiedlungsgesetz, welches, ohne dass es freilich so genannt worden wäre, auf eine ethnische Säuberung hinauslief. Die ganze Härte dieses Gesetzes bekamen nacheinander die sogenannten »fünf zivilisierten Stämme« – neben den Choctaws auch die Chicasaws, Creeks, Cherokees und Seminolen – zu spüren. Der Indian Removal Act markierte einen Wendepunkt in der Indianerpolitik der Vereinigten Staaten, deren Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 davon sprach, »dass alle Menschen gleich geboren, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden sind, worunter sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit«.

Schon 1827 geben sich die Cherokees eine geschriebene Verfassung

Ganz in der Tradition der Aufklärung hatten der erste Präsident George Washington und sein Kriegsminister Henry Knox gegenüber den Ureinwohnern in den 1790er Jahren eine Politik betrieben, die von der Idee inspiriert war, dass diese dereinst einen gleichberechtigten Platz in der amerikanischen Gesellschaft finden könnten. Dafür mussten die unmündigen »Wilden« jedoch zunächst ein »Programm der Zivilisierung« durchlaufen und Sprosse um Sprosse der Fortschrittsleiter erklimmen. Aus Kriegern und Jägern sollten friedliche Bauern, aber auch Christen und schließlich des Lesens und Schreibens kundige Bürger werden. Erst einmal »zivilisiert«, würden diese von selbst einsehen, dass sie ihre Jagdgründe nicht mehr brauchten.

Dass die »Indianer« an die Zivilisation herangeführt werden konnten, glaubte auch Thomas Jefferson noch, der das Land von 1801 bis 1809 als dritter Präsident regierte. Allerdings spielte bereits Jefferson mit dem Gedanken, die diesseits des Mississippi siedelnden Indianerstämme in das 1803 von Frankreich erworbene Louisiana-Territorium umzusiedeln, das die Fläche der USA mit einem Schlag nach Westen hin verdoppelt hatte.

Leserkommentare
    • mamor
    • 24. Juli 2011 19:32 Uhr

    Davon, und von den vielen Greultaten der Siedler gegen die edemische Bevölkerung, spricht keine Mensch!

    9 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Mourik
    • 25. Juli 2011 8:18 Uhr

    .. man schreibt darüber, wie in diesem Artikel. Und wie in vielen Büchern in den USA. uswuswusw

    Sie äußern ihre Meinung, dass nämlich niemand(!) über die Greueltaten an den Indianern spricht, in einem Artikel der ZEIT das über die Greueltaten an den Indianern spricht. Merken sie was?

    • kkr
    • 24. Juli 2011 19:49 Uhr

    wäre die klare rechtliche Lage, wenn dies nicht in "Gods own Country" erfolgt wäre.

    Ich denke die USA werden dieses schmutzige Kapitel noch aufarbeiten müssen.

    Wie wäre es mit "Rückgabe vor Entschädigung" wie es uns Ossies nach dem Mauerfall blühte.

    10 Leserempfehlungen
  1. und ihre Würde.

    Die weißen Amerikaner waren mitnichten besser, als heute die Chinesen in Tibet. Und auch heute hält keiner das Unglück auf.

    8 Leserempfehlungen
    • Harzer
    • 24. Juli 2011 20:51 Uhr

    ... der USA ist in diesem (Land)-Raub begründet. Wenn überhaupt, waren die USA, abgesehen von großen Worten, in der Praxis von Anfang an nur eine selektive Demokratie.
    (USA = Demokratie + Landraub + ethnische Säuberung ??!)

    Anders als England, Frankreich oder auch Deutschland, haben die USA ihre Kolonialverbrechen im "eigenen Land" begonnen, sie basieren praktisch darauf.

    Es ist nicht so, daß das nicht bekannt wäre. Sogar in jeder Abenteuer-Indianererzählung, von Ferimore Cooper bis Fritz Steuben (Tecumseh), scheint dieses Verbrechen durch. Es ist inzwischen nur bei uns etwas in Vergessenheit geraten.

    In den USA haben schon immer die Grenzer, Landräuber, Geschäftemacher und Gangster auch mitregiert.
    Die Probleme der Indianer und Afro-Amerikaner bis heute nicht zu vergessen, auch wenn es jetzt immerhin eine farbigen Präsidenten gibt.

    Bei einem "Freund" mit derartiger "Familiengeschichte" sollte man auch heute vorsichtig sein ... ... .

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Harzer
    • 24. Juli 2011 21:10 Uhr

    ... die Bücher von Lieselotte Welskopf-Heinrich ( "Die Söhne der Großen Bärin", aber besonders die Pentalogie "Das Blut des Adlers"

    http://www.google.de/url?...

    • vonDü
    • 25. Juli 2011 0:14 Uhr

    , haben die USA ihre Kolonialverbrechen im "eigenen Land" begonnen, sie basieren praktisch darauf.""

    Ich glaube nicht, dass diese These aufrecht zu erhalten ist, wenn man an die Entwicklung der Nationalstaaten in Europa denkt. Landraub und ethnische Säuberungen, gab es bereits vor Gründung der USA.

    Der Umgang mit den "Wilden", war dort wo europäische Staaten sich ausgebreitet haben, nicht anders als in den USA.

    • Mourik
    • 25. Juli 2011 8:26 Uhr

    Was war damals die USA? Es gab es noch gar nicht, nicht wie es das jetzt gibt. Wenn man die "Amerikaner" bezichtigt von Völkermord sollte man seine eigene Vorfahren mal anschauen: es sind die, die es in den USA getan haben: Deutsche, Skandinavier, Briten, Franzosen, Niederländer, Südeuropäer, in ein Land, das jetzt USA heisst.

    .. um noch zu schweigen was die Urspruchsländer als Kolonialmacht gemacht haben. Die Betrachtung von nicht-westlichen Kulturen war in dieser Zeit eine andere als jetzt, und das nicht nur in die USA.

    Mit der moralischen Keule von jetzt die Geschichte zu betrachten war immer schon ein intellektueller Griff in's Klo.

  2. Die Gier des christlichen,europäischen Einwanderer[...] war (und ist) so groß, dass die systemnatische Vernichtung der Indianer und der Raub ihrer Länder und Schätze wohl kaum als "etnische Säuberung" bezeichnet werden darf, sondern ganz schlicht als Völkermord. Dieser wird von den Amerikanern mit europäischen Wurzeln bis heute geleugnet und verharmlost. Die politische Geschichte des modernen Amerika ist eine Verbrechensgeschichte - bis heute!

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie bei einer sachlichen Wortwahl. Danke. Die Redaktion/ag

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Die Gier des christlichen,europäischen Einwanderergesindels war (und ist) so groß"

    mann-o-mann. Woher haben Sie das denn?
    Bei aller Empörung über den Indian Removal Act und dessen Hintergründe; dieses Statement drückt entweder Haß oder Unkenntnis aus. Der historischen Betrachtung dient es jedenfalls nicht.
    Davon abgesehen ließe sich dieser Satz dann auf alle Zeiten und auf viele Länder projezieren.
    Wenn Sie Migration und ihre Motivation szsg. als Böswillingkeit interpretieren, könnten Sie auch gleich von der "Gier des muslimisch, orientalischen Einwanderergesindels" fabulieren.

    • snm81
    • 24. Juli 2011 21:03 Uhr

    der indianer als vergangenheitsbewältigung?

    free leonard peltier!!!!!!!!
    http://de.wikipedia.org/w...

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Unter www.Gesellschaft für bedrohte Völker.de
    findet eine Aktion für Leonard Peltier statt,da er,obwohl an Diabetes leidend,für längere Zeit in Einzelhaft genommen wurde.Weiterhin kann man sich dort auch für die Freilassung Leonard Peltiers einsetzen.
    Wäre schön,wenn der Ein- oder Andere diesen Mann durch seinen Protest unterstützen würde.

    • Harzer
    • 24. Juli 2011 21:10 Uhr

    ... die Bücher von Lieselotte Welskopf-Heinrich ( "Die Söhne der Großen Bärin", aber besonders die Pentalogie "Das Blut des Adlers"

    http://www.google.de/url?...

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich werde nicht da sein.Ich werde mich erheben und untergehn.
    Begrabt mein Herz am Wounded Knee(Stephen Vincent Benet)

    Ein Buch,eine schonungslose,grausame Berichterstattung über das Abschlachten einer indigenen Volksgruppe,ungesühnt bis auf den heutigen Tag:
    >Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses< von Dee Brown.
    Doch die weisse Rasse ist immer noch nicht zufrieden,denn die Vertreibung und Ermordung der Ureinwohner Australiens und Südamerikas geht weiter.
    Ein Beispiel,dass auch im heutigen Amerika die indigene Bevölkerung ausgegrenzt und nicht wie Menschen behandelt werden ,ist das Verschwinden und die Ermordung von etwa 500 indianischen Frauen und Mädchen,deren Aufklärungsrate nur minimal ist und deren Tod für die Justiz augenscheinlich vernachlässigbar ist.
    Auch die weisse Bevölkerung Europas betreibt immer noch die Vertreibung von Roma und Sinti als unerwünschte ethnische Minderheit.

  3. Machten Es Möglich.

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service