Webcam "Ich bin auch schon verhaftet worden"
Der Fotograf Jens Sundheim reist von Webcam zu Webcam und sammelt die Bilder, die sie von ihm machen. Festivals reißen sich um sein originelles Projekt.
© Jens Sundheim/Bernhard Reuss

Das Foto "Zeughaus, Berlin, Germany, 2003" aus dem Projekt "Der Reisende" von Jens Sundheim und Bernhard Reuss
DIE ZEIT: Herr Sundheim, Sie reisen seit zehn Jahren von Webcam zu Webcam und haben mittlerweile schon rund 400 Kameras in aller Welt aufgesucht, um sich vor ihnen fotografieren zu lassen. Warum tun Sie das?
Sundheim: Mich reizen zum Beispiel die Parallelen und Unterschiede zu meinem Beruf: Als Fotograf bin ich viel damit beschäftigt, auf das richtige Licht zu warten, den perfekten Augenblick. Eine Webcam fotografiert zwar auch, aber eben ganz anders – sie denkt nicht, sie wählt nicht aus, sondern knipst einfach vor sich hin, Bild um Bild, zeigt stur diesen einen Ausschnitt, den irgendwer mal ausgewählt hat.
ZEIT: Und um die Qualität der Aufnahmen muss sich die Webcam auch keine Gedanken machen...
Sundheim: Stimmt, wobei mir diese Ästhetik gefällt: Die Bilder sind meistens stark komprimiert, Punkte verschwimmen. Oft sieht es aus, als wäre rings um mich herum eine Aura. Webcams sind inzwischen so präsent im Leben der Menschen, dass es schade wäre, sie nicht künstlerisch zu nutzen.
ZEIT: Die Ausstellung Ihrer Webfotografien war inzwischen schon auf etlichen Festivals zu sehen. Wie ist die Idee eigentlich entstanden?
Sundheim: 2001 rief mich mein Fotografenkollege Bernhard Reuss an, als ich gerade in Las Vegas war, und sagte: Fahr mal ins MGM Grand Hotel und stell dich vor die Rolltreppe, da gibt es eine Webcam – damals waren die Geräte noch nicht so massenhaft verbreitet.
ZEIT: Und Bernhard Reuss hat dann mehrere Tausend Kilometer entfernt quasi einen Screen-Schnappschuss von Ihnen gemacht?
Sundheim: Genau, nach dieser Methode verfahren wir bis heute: Wir machen gewissermaßen Reisefotos in einer modernen Variante. Nicht die kleine Knipse in meiner Tasche speichert die Bilder, sondern der Riesenapparat Internet.
ZEIT: Auffällig ist, dass Sie an allen Orten die gleiche Kleidung tragen und eine ähnliche Pose einnehmen: helles Shirt, dunkle Hose, Hände in den Hosentaschen, gerader Blick in die Kamera.
Sundheim: Die Bilder sollen wiedererkennbar sein: Den Sundheim entdeckt man sofort. Mir ist auch wichtig, dass ich wie ein ganz normaler Typ wirke: ein Reisender eben.
ZEIT: So heißt ja auch Ihr Projekt, The Traveller. Allerdings zieht es Touristen normalerweise an ganz andere Orte. Sie selbst sieht man dagegen selten vor traditionellen Sehenswürdigkeiten.
Sundheim: Wir haben mich schon auch mit Klassikern fotografiert, etwa am Times Square in New York…
ZEIT: ...und im Kontrollraum der Europäischen Raumfahrtbehörde in Darmstadt, im Büro einer Harvard-Professorin…
Sundheim: Ich bin eben ein Tourist, der voraussetzt, dass der Ort interessant ist – schließlich fand ihn irgendwer mal so spannend, dass er eine Kamera darauf gerichtet hat. In diesem Sinne demokratisieren Webcams die Welt. Eine Seitenstraße in Bochum ist auf einmal genauso wichtig wie der Petersdom. In gewisser Weise besuche ich die Sehenswürdigkeiten des 21. Jahrhunderts – Orte, die mehr vom Leben der Menschen heute erzählen, als es ein uralter Dom oder ein berühmtes Schloss tut.
ZEIT: Wie finden Sie überhaupt die Kameras, zu denen Sie fahren?
Sundheim: Es gibt Seiten im Internet, auf denen interessante Webcams verzeichnet sind. Wenn ich verreise, stelle ich mir vorher eine Route zusammen, nach der ich dann von Kamera zu Kamera fahre.
ZEIT: Welche Webcams gefallen Ihnen am besten?
Sundheim: Am liebsten mag ich diese Unorte, wo jeder sich fragt: Warum muss die Welt das sehen? In Straßburg zum Beispiel war ich in einem Waschsalon, in dem eine Webcam hängt. Und in Eggersdorf bei Berlin hat eine Familie eine Infrarotkamera installiert, die ihre Gartenpforte zeigt. Beeindruckt hat mich auch die Webcam in Gettysburg, Pennsylvania. Nur weil dort 1863 eine blutige Schlacht stattfand, wird heute alle zwei Stunden ein neues Bild ins Netz gestellt – von einer meist leeren Wiese.
ZEIT: Sehr aufregend klingt das nicht.
Sundheim: Darum geht es ja auch gar nicht. Ich möchte einen Anstoß geben, damit der Betrachter selbst darüber nachdenkt, was ein Bild ausmacht, was bildwürdig, bildwichtig ist.
ZEIT: Verstehen Sie Ihr Projekt denn auch als Beitrag zur Zeitkritik?
Sundheim: Ach, das halte ich offen. Leute reagieren ganz unterschiedlich auf meine Bilder. Manche finden sie amüsant, weil ich zurückstarre in eine Kamera, die mich anstarrt. Manche werden nachdenklich. Andere finden die Bilder beängstigend, weil ihnen plötzlich bewusst wird, dass sie ständig von Kameras beobachtet werden. Selbst im Urlaub, wo man sich ja eigentlich mal gehen lassen möchte.
ZEIT: Also doch ein kritischer Ansatz?
Sundheim: Mein eigener Blick auf die ganze Überwachungsdiskussion hat sich im Laufe der Jahre jedenfalls verändert. Anfangs hielt ich das für Unsinn. Aber es ist ja doch die Frage, ob es ein Fortschritt ist, wenn man in irgendeiner Kleinstadt auf dem Marktplatz steht und einem dabei im Netz jedermann zuschauen kann.
ZEIT: Wundern sich die Leute eigentlich, wenn Sie da so vor einer Webcam stehen und warten?
Sundheim: Klar, ich bin sogar schon mal deswegen verhaftet worden. In New York gibt es nämlich viele Verkehrskameras, die auch im Internet zu sehen sind. Eine davon zeigt eine Fußgängerbrücke am Franklin D. Roosevelt Drive. Dort stand ich also, schaute mich um und kletterte auf ein Mäuerchen. Auf einmal bremste unter mir ein Rettungswagen, und Polizisten stürmten auf mich zu.
ZEIT: Die hatten kein Verständnis für die Kunst?
Sundheim: Ich musste ein Papier unterschreiben auf dem stand: »I did not want to jump the bridge«, »Ich hatte nicht vor, mich von der Brücke zu stürzen.« Meine Erklärungen haben da auch nichts genutzt. Im Gegenteil: Danach dachten die Polizisten, ich wollte irgendwas ausspähen, und führten mich in Handschellen ab.
ZEIT: So viel Aufregung ist bei Ihren Reisen aber eher die Ausnahme?
Sundheim: Schon – die Geschichte der Webcam hat ja auch mit einem sehr unaufgeregten Experiment begonnen. In Harvard wurde 1991 die erste Internetkamera der Welt installiert. Sie zeigte den Füllstand der Kaffeemaschine, damit die Profs auf ihren Rechnern sehen konnten, ob noch Kaffee da ist. Später hat übrigens die Redaktion eines Nachrichtenmagazins diese Kaffeemaschine gekauft und wieder eine Webcam darauf gerichtet.
ZEIT: Haben Sie die auch besucht?
Sundheim: Ich konnte nicht widerstehen.
- Datum 27.07.2011 - 11:53 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 21.7.2011 Nr. 30
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Ein Einfall den ich wirklich gut finde! Macht auf wirklich viel aufmerksam und bewegt zum Nachdenken.
Auch die Kaffeemaschinengeschichte gefiel mir besonders.
Kompliment an den Autor, mehr Artikel von dieser Sorte bitte!
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Eine schöne Idee, leider hat der Herr Sundheim hat anscheint nicht seine Hausaufgaben gemacht.
Die erste Webcam war in der Universität von Cambridge in ENGLAND. (Ja, Europa hat das Internet und die Webcam erfunden). Die original URL (http://www.cl.cam.ac.uk/c...) funktioniert noch, die Webcam wurde aber am 22.8.2001 abgeschaltet.
das Internet wurde vom amerikanischen verteidigungsministerium entwickelt....
das Internet wurde vom amerikanischen verteidigungsministerium entwickelt....
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