"Am liebsten mag ich die Unorte"
ZEIT: Wie finden Sie überhaupt die Kameras, zu denen Sie fahren?
Sundheim: Es gibt Seiten im Internet, auf denen interessante Webcams verzeichnet sind. Wenn ich verreise, stelle ich mir vorher eine Route zusammen, nach der ich dann von Kamera zu Kamera fahre.
ZEIT: Welche Webcams gefallen Ihnen am besten?
Sundheim: Am liebsten mag ich diese Unorte, wo jeder sich fragt: Warum muss die Welt das sehen? In Straßburg zum Beispiel war ich in einem Waschsalon, in dem eine Webcam hängt. Und in Eggersdorf bei Berlin hat eine Familie eine Infrarotkamera installiert, die ihre Gartenpforte zeigt. Beeindruckt hat mich auch die Webcam in Gettysburg, Pennsylvania. Nur weil dort 1863 eine blutige Schlacht stattfand, wird heute alle zwei Stunden ein neues Bild ins Netz gestellt – von einer meist leeren Wiese.
ZEIT: Sehr aufregend klingt das nicht.
Sundheim: Darum geht es ja auch gar nicht. Ich möchte einen Anstoß geben, damit der Betrachter selbst darüber nachdenkt, was ein Bild ausmacht, was bildwürdig, bildwichtig ist.
ZEIT: Verstehen Sie Ihr Projekt denn auch als Beitrag zur Zeitkritik?
Sundheim: Ach, das halte ich offen. Leute reagieren ganz unterschiedlich auf meine Bilder. Manche finden sie amüsant, weil ich zurückstarre in eine Kamera, die mich anstarrt. Manche werden nachdenklich. Andere finden die Bilder beängstigend, weil ihnen plötzlich bewusst wird, dass sie ständig von Kameras beobachtet werden. Selbst im Urlaub, wo man sich ja eigentlich mal gehen lassen möchte.
ZEIT: Also doch ein kritischer Ansatz?
Sundheim: Mein eigener Blick auf die ganze Überwachungsdiskussion hat sich im Laufe der Jahre jedenfalls verändert. Anfangs hielt ich das für Unsinn. Aber es ist ja doch die Frage, ob es ein Fortschritt ist, wenn man in irgendeiner Kleinstadt auf dem Marktplatz steht und einem dabei im Netz jedermann zuschauen kann.
ZEIT: Wundern sich die Leute eigentlich, wenn Sie da so vor einer Webcam stehen und warten?
Sundheim: Klar, ich bin sogar schon mal deswegen verhaftet worden. In New York gibt es nämlich viele Verkehrskameras, die auch im Internet zu sehen sind. Eine davon zeigt eine Fußgängerbrücke am Franklin D. Roosevelt Drive. Dort stand ich also, schaute mich um und kletterte auf ein Mäuerchen. Auf einmal bremste unter mir ein Rettungswagen, und Polizisten stürmten auf mich zu.
ZEIT: Die hatten kein Verständnis für die Kunst?
Sundheim: Ich musste ein Papier unterschreiben auf dem stand: »I did not want to jump the bridge«, »Ich hatte nicht vor, mich von der Brücke zu stürzen.« Meine Erklärungen haben da auch nichts genutzt. Im Gegenteil: Danach dachten die Polizisten, ich wollte irgendwas ausspähen, und führten mich in Handschellen ab.
ZEIT: So viel Aufregung ist bei Ihren Reisen aber eher die Ausnahme?
Sundheim: Schon – die Geschichte der Webcam hat ja auch mit einem sehr unaufgeregten Experiment begonnen. In Harvard wurde 1991 die erste Internetkamera der Welt installiert. Sie zeigte den Füllstand der Kaffeemaschine, damit die Profs auf ihren Rechnern sehen konnten, ob noch Kaffee da ist. Später hat übrigens die Redaktion eines Nachrichtenmagazins diese Kaffeemaschine gekauft und wieder eine Webcam darauf gerichtet.
ZEIT: Haben Sie die auch besucht?
Sundheim: Ich konnte nicht widerstehen.
- Datum 27.07.2011 - 11:53 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 21.7.2011 Nr. 30
- Kommentare 3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Ein Einfall den ich wirklich gut finde! Macht auf wirklich viel aufmerksam und bewegt zum Nachdenken.
Auch die Kaffeemaschinengeschichte gefiel mir besonders.
Kompliment an den Autor, mehr Artikel von dieser Sorte bitte!
via ZEIT ONLINE plus App
Eine schöne Idee, leider hat der Herr Sundheim hat anscheint nicht seine Hausaufgaben gemacht.
Die erste Webcam war in der Universität von Cambridge in ENGLAND. (Ja, Europa hat das Internet und die Webcam erfunden). Die original URL (http://www.cl.cam.ac.uk/c...) funktioniert noch, die Webcam wurde aber am 22.8.2001 abgeschaltet.
das Internet wurde vom amerikanischen verteidigungsministerium entwickelt....
das Internet wurde vom amerikanischen verteidigungsministerium entwickelt....
das Internet wurde vom amerikanischen verteidigungsministerium entwickelt....
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren