Fortsetzungen im KinoHaben wir uns schon mal gesehen?

2011 ist das Kino-Jahr der Fortsetzungen: Vom filmischen Recyceln zwischen Kommerz, Kunst und dem Zusammenbruch von Erzählwelten. von Georg Seeslen

Wer im Sommer des Jahres 2011 ein Multiplex-Kino betritt, hat nicht so sehr das Gefühl, sich in einem Lichtspielhaus zu befinden, sondern in ein System merkwürdiger Zeitschleifen geraten zu sein. Alles schon mal dagewesen, alles Fortsetzung und Serie, alles Bildwelten, die erneut und immer wieder über ein erwartungsfrohes Publikum hereinbrechen.

Publikum? Im Multiplex scheint es sich vielmehr um die Angehörigen verschiedener Geheimgesellschaften zu handeln, mehr oder weniger sektiererischer Erzählgemeinschaften, die in ihren jeweiligen Kult-Sälen verschwinden, um nach zwei Stunden mit beseligtem Lächeln oder enttäuschtem Raunen wieder in die wirkliche Welt zu strömen. Und wer die einschlägige, sehr bunte Presse verfolgt, der weiß: Es kommt noch schlimmer! Dies ist das Jahr der Sequels mit dem Rekord von 27 Blockbuster-Fortsetzungen aus der Traumfabrik. Bei Harry Potter hat man sogar eine Serien-Fortsetzung in zwei Filme geteilt.

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Dazu kommen: »Prequels« (Filme, die eine Vorgeschichte zu erfolgreichen anderen Filmen erzählen), »Remakes« (Filme, die erfolgreiche Stoffe noch einmal erzählen), »Spin-Offs« (Filme, die eine Nebenfigur aus einem erfolgreichen Film oder einer erfolgreichen Film-Serie aufgreifen oder deren Nebenschauplätze zum Zentrum machen), »Reboots« (filmische Neustarts erfolgreicher Pop-Mythen in neuem Gewand), »Cross-over« (die Verknüpfung von Mythen untereinander und über Mediengrenzen hinweg, etwa vom Fernsehen zum Kino und umgekehrt) und alle anderen mehr oder weniger interessanten Formen des »Franchise«, also der multimedialen Vermarktungskette einer erfolgreichen Geschichte.

Die Sprache, in der sich die Geheimgesellschaften in den Multiplex-Sälen verständigen, hat sich der Sprache des Business und des Marketings weitgehend angenähert. Willig lässt man sich auf das Grundrauschen von Erwartungen und Strategien ein: Der dritte Teil soll ja wieder »düsterer« werden. Im vierten Teil ist Orlando Bloom nicht mehr dabei. Cars 2 ist viel »actionlastiger« als der erste Teil... Man ist untereinander kenntlich, weist seine Zugehörigkeit durch Alter, Geschlecht und Benehmen, aber auch durch T-Shirts, Baseballkappen und die Klingeltöne des Smartphones aus. Sequels, so scheint es, wiederholen nicht bloß ein gelungenes »Event«, sie sind auch »identitätsstiftend«. Eine »gute« Folge von Kino-Sequels deckt für einen Fan einen Lebensabschnitt ab; man konnte, wird man einst erzählen, mit Harry Potter erwachsen werden, man lebte in der Daniel-Craig- und Quantum-Periode der ewigen James Bond-Saga, man konnte eine Shrek-Kindheit von einer Cars-Kindheit unterscheiden, man merkte am vierten Teil von Pirates of the Carribean, dass man zu alt für diesen Quatsch geworden war, und man erkannte im dritten Teil von Transformers die furchtbare Leere hinter dem Getöse, so wie man in Iron Man2allzu sehr eine reale, böse Welt hinter dem Spektakel erkannt zu haben glaubte.

Und so gibt es in den Multiplexen unserer Zeit offensichtlich nur noch fünf Arten von Filmen: Das Special-Effects-Bombardement mit Piraten, Zauberern, Vampiren, Superhelden und Robotern, den Animationsfilm für die ganze Familie, die »transgressive« Komödie, in der man über alles lachen soll, was irgendwie mit Körpern, Ausscheidungen und sozialen Peinlichkeiten zu tun hat, die romantische Komödie, in der alle Probleme der sexuellen Ökonomie rosarot angepinselt werden. Und, im Saal fünf oder sechs, der Folter- und Metzelfilm für die drastischeren Geschmäcker. Aber nicht genug mit solcher Standardisierung, bei der jeder ordentlich erzählte und Menschen-affine Film schon eine kleine Sensation ist: Die Mehrzahl all dieser Filme sind Fortsetzungen, die sich schon einmal auf den globalen Bildermärkten bewährt haben, denn dieses Kino wird für einen Markt gemacht und nicht für Menschen; und ob es überhaupt noch von Menschen gemacht wird oder doch schon von digitalen Maschinen, die direkt an Marktanalysen und Zuschauer-Ratings gekoppelt sind – fraglich. So kann man das sehen. Unter unserem Lieblingsmotto: »Früher war alles besser.«

Man kann es aber auch, wie so vieles, ganz anders sehen. Zweifellos haben in den globalen Traumfabriken in den letzten Jahren Veränderungen stattgefunden, die nicht allein mit den Folgen von Digitalisierung, 3-D-Hype, Kostenexplosionen und neuen Konkurrenzen durch DVD, Internet oder Computerspiel zu erklären sind. Natürlich hat jede wirtschaftliche Entwicklung ihre direkten und indirekten Auswirkungen auf die Bilder und Erzählungen des Kinos. Auch der Film reflektiert seine Globalisierung: Selbst ein erfolgreicher amerikanischer Film kann seine Produktionskosten auf dem heimischen Markt allein nicht mehr einspielen; für Hollywood, zum Beispiel, ist der Weltmarkt längst kein Zusatzgeschäft mehr, sondern die Existenzgrundlage. Mehr als die Hälfte der Einnahmen muss aus dem Export kommen, und nicht anders verhält es sich mit anderen Traumfabriken. Umgekehrt decken lokal begrenzte Bildermärkte den Nah- und Fernhunger nach visueller Erfahrung: der Videomarkt von Nollywood aus Nairobi ebenso wie das schrecklich nette deutsche Fernsehen. Bilder, Erzählungen, Mythen und Marken sind keine unbegrenzte Ressource. Im Gegenteil: Es droht eine semiotische Katastrophe globalen Ausmaßes, viel mehr als nur der Zusammenbruch realistischer, traditioneller und geschlossener Erzählwelten in einem universalen Bilderbrei. Möglicherweise geht der Menschheit noch vor anderen Rohstoffen, Energie, Wasser, Böden, eine andere entscheidende Ressource aus: die Fantasie.

Gesetzt also den Fall, dass der Vorrat an Bildern, Zeichen, Erzählungen, Ideen und »Sprachen« keineswegs unbegrenzt, sondern im Gegenteil beklagenswert gering ist, und gesetzt weiter den Fall, dass die Globalisierung des Bildermarktes auch eine bemerkenswerte Form der Verdrängung oder gar Vernichtung semiotischen Materials bedeutet, dann gibt es für einen nachhaltigen Umgang mit Bildern nur wenige Optionen. Einer davon, natürlich, ist der Weg jener Kunst, die uns an die Kostbarkeit der Bilder erinnert und nach den Macht-Bedingungen ihrer Produktion fragt. Ein anderer jener, den wir aus dem Umgang mit anderen Rohstoffen kennen: das Recycling.

Leserkommentare
    • fireOo
    • 25. Juli 2011 15:03 Uhr

    Nicht alle Sequels sind Sequels.
    Es ist zu unterscheiden zwischen Buchverfilmungen (Harry Potter, Herr der Ringe, auch James Bond) und Neuauflagen (á la American Pie).

    Davon abgesehen glaube ich, dass die Tendenzen, die der der Autor beschreibt, nur teilweise existieren.
    Der Filmmarkt wird sich, ähnlich wie die Musikindustrie - auch und gerade wegen der immer höheren Verfügbarkeit von Kionotechnik in den eigenen vier Wänden einerseits, Aufnahme- und Kameratechnik andererseits - immer weiter fragmentieren;
    werden entsprechende Vertriebskanäle gefunden, ist der (dezentrale) Markt für Programmkino durchaus fähig, sich selbst am Leben zu erhalten und in keinerlei Weise auf eine "Mitfinanzierung" durch Blockbuster angewiesen.

    Fire

    PS: Desweiteren halte ich Globaliserung kaum für den eindimensionalen Prozess einer Beschränkung auf die amerikanische (oder irgend eine andere) Kultur, bzw. deren Erzählungen; der Begriff ist so zumindest unscharf gewählt.

    • peto1
    • 25. Juli 2011 15:39 Uhr

    Zum Beispiel V die Besucher auf Pro7, was wahrscheinlich viele nicht wissen, das ist eine neu Verfilmung von "V die Außerirdischen" aus den 80ern. Die außerirdischen die in Wahrheit Echsen waren aber als mensch verkleidet kamen auf die Erde weil sie die Menschen als Nahrungsquelle sahen.

  1. solange sich Gesellschaft und Technik verändert, wird es auch immer neuen Stoff geben.

    Wenn man sich aktuelle Anime anschaut, da gibt es jede Saison (vierteljährlich) frische Ideen. Oft werden die dann leider nur lau umgesetzt und/oder sind für ein Teenie Publikum gemacht. Aber immerhin, die Ideen sind da, ich würde mir wünschen Hollywood würde sich da was abgucken. Wird aber wohl kaum passieren.
    Die wenigen "ernsten" Filme die noch aus HW kommen müssen natürlich auch einem gewissen Standart-schema des "gehobeneren" Geschmacks entsprechen, andernfalls wird es sich nicht verkaufen. Dass in Asiatischen Filmen z.B. Ernsthaftigkeit auch immer im Einklang mit Humor präsentiert wird, ist etwas, was befremdlich auf den durchschnittlichen Europäer wirken kann.

    Ich jedenfalls lobe mir so manche neueren Asiatischen Filme, die zwar kleinere Budgets haben, aber damit halt auch mehr anfangen.
    (Kann jedem nur mal empfehlen sich das vierstündige Japanische Epos "Love Exposure" anzusehen, absolut genial)

  2. 4. Blech!

    Soll wohl überzeichnet-satirisch sein - aber wo bleibt der Wissensgewinn?

    Dass Hollywoods Filmemache heutzutage gern auf (alt)-bewährtes setzen, ist doch klar - der Dollar muss rollen!

    Wenn man mit einem Film Milliarden einfährt, will man dieses Pferd doch bis zum Umfallen reiten.

    Dass darunter auch durchaus kultverdächtiges herauskommt wie bei "Piraten der Karibik" oder "Harry Potter" liegt daran, dasss die Filmemachen eben Totalprofis sind und ihre Produktions(Aber)millionen eben gut einzusetzen wissen.

    Dass es aber Mainstream bleibt, ist klar - bloss kein Risiko!

  3. Nollywood ist die Bezeichnung für den nigerianischen Film, also Filme aus Lagos - nicht Kenia.

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