Die Friedrichstraße in Berlin im Jahr 1927 © Hulton Archive/Getty Images

Trotz der Julihitze läßt es sich in der Weinklause durchaus leben. Eisgekühlte Erdbeerbowle, sehr zu empfehlen, sorgt als wohltätige Isolierschicht dafür, daß die innere Hitze durch das heiße Draußen nicht an ihrer Entfaltung gehindert werde; man trinkt und trinkt, spießt die Erdbeeren mit einem Zahnstocher auf und kommt sich wie eine Thermosflasche vor.« Ein Anfang zum Niederknien – und wohl niemand wird ernstlich bezweifeln: Wer so beginnen kann, der schreibt an seiner Unsterblichkeit. Der Stil ist unverkennbar: eine kunstvolle, niemals gekünstelte Verfremdung, keine egomanische Effekthascherei, die blenden soll – stattdessen eine subtile Verschiebung der gewohnten Perspektive auf die Sache, die urplötzlich präziser denn je erscheint.

Dabei ist es ein scheinbar belangloser Revueabend im Frankfurter Kabarett Die Weinklause, von dem » rac.« 1924 im Lokalblatt der Frankfurter Zeitung seinen Lesern berichtet. Hinter dem Kürzel verbirgt sich Siegfried Kracauer. Seinen Vornamen hasste er; seit Frankfurter Kindertagen ließ er, der aus einer nicht gerade begüterten jüdischen Familie stammte, sich von seinen Freunden »Friedel« nennen. Wir sind unterwegs durch Deutschland, auf den Spuren dieses Mannes, der das Wesen seiner Zeit an höchst verschiedenen Orten entdeckte. Im Gepäck vier Bände Kracauer: 780 Texte, insgesamt dreitausend Seiten Essays, Rezensionen, Glossen und Zeitungsartikel in chronologischer Ordnung; das meiste aus seiner Arbeit für die Frankfurter Zeitung zwischen 1920 und 1933.

Natürlich wusste man seit den noch zu Lebzeiten veröffentlichten Auswahlbänden Das Ornament der Masse (1963) und Straßen in Berlin und anderswo (1964): Siegfried Kracauer, der Theoretiker und Intellektuelle, war auch, womöglich vor allem, der bedeutendste deutsche Feuilletonist des 20. Jahrhunderts. Aber der Beweis, dass ihm jene Krone gebührt, ist erst mit dieser Ausgabe möglich.

Bahnfahrten. »Überhaupt pflegen zahlreiche Leute sogar in Schnellzügen ineinemfort Mitgebrachtes zu essen.« Auf die Beobachtung folgt bei Kracauer sogleich die leise ironische Deutung: »Im wörtlichen Sinne vertreiben sie sich die Fahrt damit; denn indem sie ihre heimischen Produkte verzehren, heben sie die Geschwindigkeit auf und errichten sich ein künstliches Zuhause.« (1930) Als hätte ich die anschließende Mahnung geahnt – »Aber die gewohnten vier Wände müssen fallen, wenn das Bewusstsein der Fahrt entstehen soll« –, habe ich auf Proviant verzichtet. An der gläsernen Tür zum Gang üben sich Reisende in stummer Geisterbeschwörung und wollen den Schiebeautomatismus auslösen. Für Sekunden wehrt sich die Technik gegen den Menschen, der machtlos dreinschaut. Doch gleitet die Tür schließlich mürrisch zur Seite, sodass der Reisende nach bestandenem Kampf seinen Platz einnehmen kann.

Unterdessen sind wir in Kracauers Zeit eingetaucht, vor allem in die Jahre der Weimarer Republik. So viele Kürzel er trug, so viele Rollen übernahm er zeitlebens: als promovierter Architekt; als Journalist, Filmkritiker und Schriftsteller; als Soziologe und Filmtheoretiker im Pariser, später amerikanischen Exil; in seinen letzten Jahren gar als Geschichtstheoretiker. All diese Interessen spiegeln sich in seinen Feuilletons wider. Er berichtet von den Auftritten Martin Heideggers und Thomas Manns, den er bissig attackiert, er ist zu Gast auf Soziologen- und Philosophenkongressen, er schreibt die Nachrufe auf Edgar Wallace, Sir Arthur Conan Doyle und Max Scheler. Franz Kafka wird durch ihn posthum bekannt gemacht; er rezensiert bedeutende und weniger bedeutende Literatur. Er besucht die Wärmehallen der Armen, berichtet über die politische Gewalt auf den Straßen, beobachtet Revuegirls: »Aber die Sprache der Beine ist ein natürliches Esperanto.«

Vieles an dieser erstaunlichen Produktivität erscheint höchst gegenwärtig, so liest man ausführlich von Diskussionen über neue Medien, vor allem über den umkämpften Rundfunk. Und immer wieder geht er mit der grassierenden Generationsliteratur der Jungen ins Gericht: »Sie verschleißen sich; sie plündern ihre Erlebnisse, bevor sie noch von ihnen Besitz ergriffen haben; sie sammeln Erfahrungen zum einzigen Zweck der sofortigen Verwendung, sammeln also in Wirklichkeit keine.« Er warnt sie vor der »ständigen Prostituierung« und sieht: »Der junge Autor wird ausgequetscht, bevor er noch angefüllt war.« Kracauers Kunst ist nicht nur die eines Beobachters, sondern die des Deuters. Er sieht genauer hin als alle, doch erst die geistige Durchdringung macht ihn zum Diagnostiker.