Einmal sagt eine der Figuren aus Gary Shteyngarts neuem Roman Super Sad True Love Story : »Ewiges Leben ist das einzige Leben, das zählt. Alles andere ist bloß das Kreisen der Motte ums Licht.« Das Bild ist schlagend, und wer nicht völlig blind für die Lächerlichkeit der eigenen Existenz ist, wird von seinem Erdentreiben nicht behaupten wollen, dass es sich wesentlich vom Kreisen der Motte ums Licht unterscheide. Nun gibt es für diese uralte Problematik drei Lösungen: Die epikuräische empfiehlt, aus dem Kreisen ums Licht so viel Genuss wie möglich rauszuholen, auch wenn dahinter nur Leere gähnt. Die christlich-religiöse verweist auf ein Leben nach dem Tod, in dem wir alle Scheinhaftigkeit abstreifen und in die unvergängliche Wahrheit eintreten. Die dritte Antwort auf das Existenz-Sinn-Problem ist die utopisch-technizistische: Wir müssen so sehr am naturwissenschaftlichen Fortschritt basteln, dass wir dem Tod seine biologische Grundlage entziehen, um dann das ewige Leben im Hier und Jetzt zu feiern.

Gary Shteyngart hält diese Einstellung für gefährlich. Er glaubt, die Krankheit unserer Zivilisation liege in genau einer solchen technologischen Allmachtsfantasie. Und deshalb will sein Roman das alte, unvollkommene, endliche Leben verteidigen. Aber ist das plausibel? Obwohl der Fortschritt im Tempo alles andere als nachgelassen hat, glaubt heute niemand mehr an technologische Erlösungsversprechen. Auch die umwerfendste naturwissenschaftliche Erleuchtung wird uns transzendental nicht trösten, das haben wir längst begriffen. Gegen unsere metaphysische Endlichkeit ist kein empirisches Kraut gewachsen.

Gary Shteyngart entwirft in seinem neuen Roman ein düsteres Bild der Zukunft. Im Kern dieses Schreckensszenarios steht eine Weltanschauung, die das Prinzip Schönheitschirurgie verabsolutiert hat: Botox war gestern, in Shteyngarts Welt werden komplett alle Zellen ausgetauscht, um das Ticken der biologischen Uhr zum Schweigen zu bringen. »Dechronifizierungsbehandlungen« nennt sich das im satirischen Zukunftsvokabular von Shteyngarts Roman. Das Genre, das Shteyngart bedient, ist die Dystopie, also die negative Utopie, die den Teufel, der schon im Detail der Gegenwart steckt, ganz groß an die Wand der Zukunft malt. Meister wie George Orwell mit 1984 oder Aldous Huxley mit Brave New World haben dafür die Blaupausen geliefert. Auch in Shteyngarts Super Sad True Love Story , in der der Terror ewiger Jugend herrscht, geht es ziemlich totalitär her. Das Amerika, das er beschreibt, ist eine Leistungsdiktatur, in der die »Vermögensschwachen« durch die staatlichen Ordnungsorgane aus den Städten vertrieben werden, während die »vermögenden Privatpersonen« ihr Erspartes in Unsterblichkeitsprogramme investieren.

Gary Shteyngart ist 1972 noch im alten Leningrad zur Welt gekommen und im Alter von sieben Jahren mit seinen Eltern in die USA ausgewandert. Seit seinem weltweit erfolgreichen Romanerstling Handbuch für den russischen Debütanten gilt er als Spezialist des liebevoll Absurden, als ein Meister der Satire, die sich in überbordendem erzählerischen Einfallsreichtum austobt. Seine Markenzeichen: der Blick des Außenseiters, der aus einer anderen Herkunftswelt auf die amerikanischen Verhältnisse schaut. Jüdisches Neurotikertum, das sich in Woody-Allen-hafter Selbstironie in Szene setzt. Und eine gewisse verspielte Jugendlichkeit seiner Ausdrucksmittel, die von wohlmeinenden Kritikern gerne als »durchgeknallt« charakterisiert werden.

Der neue Roman von Gary Shteyngart ist leider sehr schlecht. Und zwar auf eine Art, die den Leser auf der Strecke seiner 450 Seiten zunehmend wütend macht. Wütend darüber, wie ein handwerklich nicht unversierter Autor in der Kolportage stecken bleibt und das selbst nicht merkt, weil er von der politisch-moralischen Mission seines Romanunterfangens so gefangen ist.

Super Sad True Love Story erzählt von einem Amerika, das seine Schuldenpolitik überreizt hat und sich ökonomisch im Griff der neuen Wirtschaftsweltmacht China befindet. Der Chef der chinesischen Zentralbank ist gerade auf Staatsbesuch in den USA, und die einstige Supermacht muss ihrem großen Gläubiger aus der Hand fressen. Die »ARR«, die »Amerikanische Restaurationsregierung«, führt einen Krieg in Venezuela, den sie dabei ist zu verlieren. Die Venezuela-Veteranen, die sich um ihre Kriegsprämie geprellt fühlen, drohen indes an der Heimatfront zu rebellieren. Der starke Mann ist Verteidigungsminister Rubenstein, der einen markigen Gesinnungspatriotismus pflegt und eine enge Allianz mit dem isolierten »SicherheitsStaat Israel« eingegangen ist, um den Islamofaschismus zu bekämpfen.