Die Ultraschalluntersuchung dauerte ungewöhnlich lange an diesem Nachmittag des 20. Juli 2003. Dabei war doch alles klar, dachte Margret Schmitt. Die Fürtherin war 56 Jahre alt und an unheilbarem Krebs erkrankt, ihren 60. Geburtstag würde sie nicht mehr erleben. Das hatten ihr die Ärzte zwei Monate zuvor mitgeteilt. Ein bösartiger Gebärmuttertumor, die Bauchhöhle voller Metastasen – die Diagnose stand fest. Die Gewebeprobe ließ keinen Zweifel zu.

Das wusste auch die Ärztin, die mit dem Ultraschallkopf in einem abgedunkelten Raum der Klinik für Tumorbiologie an der Universität Freiburg immer wieder über Schmitts Bauch fuhr und schweigend auf den Bildschirm starrte. Was sie sah, passte nicht ins Bild: Da war nichts mehr. Kein Tumor, keine Metastasen.

Spontanremission . So lautet der medizinische Ausdruck für dieses Phänomen, das so selten ist, dass es im Medizinstudium und in Lehrbüchern bis heute kaum auftaucht. Die Kriterien, ab wann man von einer Spontanremission spricht, sind streng: Die Erkrankung muss nachweislich bösartig, die Rückbildung des Tumors nicht im Rahmen der Therapie erklärbar sein. Lange bezweifelten Ärzte, dass es Spontanremissionen überhaupt gibt. Heute gilt ihre Existenz als sicher. Doch verlässliche Zahlen über ihre Häufigkeit finden sich kaum. Die stichhaltigste Schätzung ist mehr als einhundert Jahre alt. Einer von 100.000 Krebskranken erlebt eine Spontanremission, das schätzte 1906 in Heidelberg auf der 1.Internationalen Konferenz für Krebsforschung der britische Wissenschaftler Ernest Bashford.

Die meisten Ärzte haben das Phänomen noch nie gesehen. Denn es geht nicht um die alltäglichen Erfolge, die in der Krebstherapie immer wieder erzielt werden. Es geht auch nicht um die Überraschungen, die Ärzte manchmal beobachten: »Selbst bei weit fortgeschrittenen Tumoren, nach zahlreichen Vorbehandlungen, erleben wir immer wieder Fälle, in denen Patienten plötzlich doch noch gut auf eine Chemotherapie ansprechen und das Tumorwachstum nicht nur stagniert, sondern sich der Tumor entgegen aller Erwartungen ein Stück weit zurückbildet«, sagt Dirk Arnold, Onkologe vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Oft war es doch keine spontane Heilung, sondern eine Fehldiagnose

Manche Tumore reagieren offenbar besonders gut auf Chemotherapie oder Bestrahlung. Es sind molekularbiologische Glücksfälle, statistische Ausreißer. Eine Spontanremission dagegen erscheint erst einmal unerklärlich und wird oft zunächst angezweifelt. Aus gutem Grund: »Oft zeigt sich bei genauerer Betrachtung der Gewebeproben, dass die Spontanremission gar keine war, weil der Tumor vorher falsch klassifiziert wurde«, sagt Andrea Tannapfel, Leiterin der Pathologie der Ruhr-Universität Bochum. Eine im British Medical Journal veröffentlichte Untersuchung von Sophia Zackrisson von der schwedischen Lund Universität etwa legt nahe, dass immerhin zehn Prozent der durch Mammografie entdeckten Tumore bei Frauen zwischen 55 und 69 Jahren kein Brustkrebs sind.

Manchmal aber bleibt das Wunder auch bei noch so genauem Hinsehen ein Wunder, wie bei Margret Schmitt. Die Gewebeproben, die Befunde der Chirurgen, die Ultraschallbilder – die Diagnose Gebärmutterkrebs war mehrfach gesichert. »Nach der Ultraschalluntersuchung der Patientin hat mich die Ärztin direkt angerufen, sie konnte es selbst nicht glauben«, erinnert sich Clemens Unger, Direktor an der Klinik für Tumorbiologie an der Universität Freiburg. Acht Wochen zuvor hatte er die Patientin von Kollegen aus Heidelberg übernommen. Die Chirurgen hatten sie operiert, es wurde ein kindskopfgroßer Tumor entfernt. Schnell entwickelten sich Metastasen. Es war klar: Man würde ihr nicht mehr helfen können, Unger sollte die weitere Behandlung übernehmen. Die übrige Lebenszeit so weit wie möglich verlängern, das Leiden verringern. Mehr war nicht drin.