DIE ZEIT: Können Sie mit dem Begriff Selbstheilung etwas anfangen?

Hans Schöler: Jede Wundheilung ist Selbstheilung. Das heißt, durch Verletzungen werden im Körper regenerative Stammzellprozesse in Gang gesetzt.

DIE ZEIT: Haben Sie an sich selbst schon Phänomene der Selbstheilung beobachten können?

Schöler: Ja, als ich zum Beispiel versucht habe zu schnitzen und mir dann mit dem Messer ziemlich tief in meinen Finger geschnitten habe.

DIE ZEIT: Was ist in diesem Moment aus biologischer Sicht in Ihrem Finger vorgegangen?

Schöler: Die Stammzellen der Oberhaut haben sich vermehrt und in unterschiedliche Zelltypen differenziert. Bei einer anderen Verletzung konnte ich auch beobachten, dass es eine Infektion gegeben hat. Die Wunde entzündete sich.

DIE ZEIT: Hoffentlich hat die Regeneration geklappt. 

Schöler: Na ja, man sieht immer noch die Narbe ...

DIE ZEIT: Wo sind die Grenzen? Ab welcher Größe von Verletzung wäre Ihr Körper überfordert gewesen? 

Schöler: Um das herauszufinden, studiert man zum Beispiel das Amphibium Axolotl, das sich sehr gut regenerieren kann...

DIE ZEIT: ...dem Lurch können Gliedmaßen, Organe und sogar Teile des Gehirns und Herzens nachwachsen. Warum kann der Mensch das nicht?

Schöler: Wir haben zwar nicht so gute Fähigkeiten zur Regeneration, können dafür aber besser mit Krebs umgehen. Im Vergleich zu Amphibien leben wir deshalb viel länger.

DIE ZEIT: Ist also der Verlust an Selbstheilungskräften ein Tribut an unseren höheren Entwicklungsgrad? Weil wir so kompliziert gebaut sind, kann nicht alles repariert werden?

Schöler: Unsere Regenerationsfähigkeit hat viel mit dem Energiehaushalt zu tun. Es kostet viel zu viel Energie, alle Zellen unseres Körpers in einem perfekten Zustand zu halten. Die aufwendige Reparatur von Zellschäden geschieht in unserem Körper nur in den Keimzellen. Und die Regeneration braucht ihre Zeit. Würde dieser Aufwand für alle Zellen betrieben, müsste unser Immunsystem noch aktiver sein, um in der Zwischenzeit – also im Verlauf der Reparatur – Attacken von Bakterien abzuwehren und den Heilungsprozessen die benötigte Zeit zu geben.