Psychischer Stress wirkt also direkt auf die Selbstheilungsprozesse des Körpers: Depressive Patienten bleiben nach einer Bypassoperation länger im Krankenhaus. Wunden heilen bei heillos zerstrittenen Ehepaaren langsamer. Im Gegenzug führt viel Bewegung ebenso zu einer höheren Stresstoleranz wie ein gutes Netzwerk von Freunden. Das Bindungshormon Oxytocin bremst die Ausschüttung von Stresshormonen. Gerade erst fand eine norwegische Studie an 50.000 Teilnehmern heraus, dass auch Theater- und Opernbesuche die Gesundheit verbessern kann.

Positiv treffen diese Heilungsfaktoren offenbar in sehr alten Menschen zusammen. Fast planariengleiche Eigenschaften hatten die Teilnehmer der New England Centenarian Study, die untersuchte, was Menschen im Alter von über 110 Jahren widerstandsfähig machte. Sie waren schlank und rauchten wenig. Die Frauen hatten ihre Kinder erst spät bekommen. Sie waren wenig neurotisch und aufgeschlossen für andere Menschen.

Auch wegen solcher Erkenntnisse sieht sich Norbert Donner-Banzhoff in der Rolle des Moderators, der nach den besten Bedingungen für die Selbstheilung sucht. Seine wichtigste Arznei: das Vertrauen der Patienten. Häufig gehe es lediglich darum, ihnen ihre Ängste zu nehmen.

Viele Kollegen aber scheuen das Nichtstun. Sie fürchten sich vor rechtlichen Konsequenzen. Die Technik diktiert die Aktion, und die beständige Verfeinerung der Diagnostik lässt manch harmlose Anomalie als pathologische Störung erscheinen. So führte die Möglichkeit, Lungenvenen bei Verdacht auf Embolie computertomografisch darzustellen, in den USA fast zu einer Verdoppelung der entsprechenden Diagnosen. Dieser Schwemme folgten mehr nebenwirkungsreiche Therapien, die Zahl der Todesfälle nahm hingegen nicht ab. Offenbar hatten viele Patienten eine milde Embolie sehr gut verkraften können.

Fragwürdiger medizinischer Aktionismus kostet Milliarden

Die technikorientierte Medizin stößt mittlerweile an Grenzen, die sie selbst geschaffen hat. Überdies kostet der medizinische Aktionismus Milliarden. Nicht zuletzt deshalb dämmert inzwischen auch den Ärzten, dass ihre Vorsicht mehr schaden als nützen kann. In den USA, dem Eldorado der Hightechmedizin, riet im Mai die Ärztevereinigung National Physicians Alliance (NPA) zum »Weniger ist mehr.« Ihren Mitgliedern empfahl die NPA eine Aktionsdiät in 15 Punkten. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, Ferdinand Gerlach, legt sie seinen Kollegen ebenfalls ans Herz: Hat der Patient Rückenschmerzen, muss in den ersten sechs Wochen kein Röntgen- oder Computertomografiebild angefertigt werden. In der Mehrzahl der Fälle verschwinden die Beschwerden von selbst. Der Arzt sollte nicht jedem symptomlosen Patienten jährlich das EKG-Gerät andienen. Ein simpler Atemwegsinfekt geht auch ohne Antibiotikatherapie vorüber. Nicht jeder ältere Mitbürger braucht automatisch blutfettsenkende Medikamente – auch wenn immer weiter sinkende Grenzwerte dies suggerieren. Und Kinder mit chronischer Mittelohrentzündung müssen meistens nicht ins Krankenhaus.

»Ein Fehler durch zu viel Einsatz von Technik wird eher verziehen«, sagt Donner-Banzhoff, »als wenn man zu wenig macht.« Vor allem Fachärzte scheuten daher das Risiko des Abwartens. Die einzigen Mediziner, die noch halbwegs gelassen reagieren dürfen, sind die Hausärzte.

Norbert Donner-Banzhoff verhält sich oft als Beobachter, doch die letzte Patientin an diesem Tag verblüfft selbst ihn. Eine 98-jährige, groß gewachsene Dame in blauem Kleid klagt über Schwindel und Appetitlosigkeit. Sie sei nie krank gewesen, sagt sie, und nie zum Arzt gegangen. »Bis 93 bin ich sogar noch geschwommen.«

Donner-Banzhoff fühlt den Puls. Ihr Herz schlägt schnell und unregelmäßig. Der Hausarzt könnte sie jetzt zum Kardiologen überweisen. Aber er nimmt nur etwas Blut ab und verschreibt ein einfaches Medikament. Welche Tabletten sie sonst einnehme, möchte Donner-Banzhoff von der Dame wissen. Resolut antwortet sie: »Keine.«

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