Treffen sich zwei Medientheoretiker auf einem Kongress. Fragt der eine: »Wie geht es eigentlich Marshall McLuhan ? Ist er immer noch tot?«

Solche Witze macht man nur über Menschen, die mit ihren Prophezeiungen unsterblich geworden sind. Bei Herbert Marshall McLuhan, dem Visionär des Medienzeitalters, ist das der Fall. Auch jene, die ihn nicht kennen, leben in der Welt, die er vor 50 Jahren vorausgesehen hat. McLuhan, Jahrgang 1911, schrieb bereits über eine Art Internet, als seine Zeitgenossen noch in ihre Röhrenverstärker krochen. Er schwärmte vom »Global Village«, als der Kalte Krieg noch den Globus in zwei Hälften riss. Er prophezeite die Erfindung der DVD und spekulierte über eine Öffentlichkeit, in der »jeder für 15 Minuten berühmt« werden könne – Andy Warhol betete ihm den Satz gleich nach. Auch den postmodernen Selbstdarsteller hatte McLuhan schon fest im Blick. Wenn die Medienöffentlichkeit ins Wohnzimmer einfiele, schrieb er, dann würden sich die Menschen im Gegenzug selbst »veröffentlichen«, sie würden sich »umstülpen wie Amphibien«: den »Panzer nach innen«, die seelischen »Weichteile nach außen«. Wer das sein soll? Es ist der Handybenutzer von heute, der einen voll besetzten Bus ungefragt über seinen Liebeskummer unterrichtet. »Ich zeige mich, also bin ich.«

Der Kanadier Marshall McLuhan, ein gelernter Literaturwissenschaftler, war ein spekulatives Genie. Er konnte im Konjunktiv denken, er sprühte vor Witz und Selbstironie und war ein brillanter »Performer«. Hippie-Intellektuelle wie Timothy Leary feierten ihn als Superhirn, andere als den »originellsten Denker außerhalb eines Irrenhauses«. Tatsächlich kannte McLuhan den Unterschied zwischen Science und Science-Fiction nicht wirklich, seine Bücher gleichen eher wilden Gedankenmosaiken als linearen akademischen Textflächen. »Cowboy-Stil«, schimpften seine Gegner, denn McLuhan schoss seine Pointen aus der Hüfte. »Das Medium ist die Botschaft«, lautete so eine Pointe; ein Volltreffer bei seinen Fans war auch Das Medium ist die Massage – der Titel verdankte sich einem Druckfehler, und McLuhan gefiel’s.

Einen leibhaftigen Auftritt hatte Marshall McLuhan 1977 in Woody Allens Film Der Stadtneurotiker , wo er einen Harvard-Klugscheißer zurechtweist, der glaubt, McLuhan verstanden zu haben. Bitterernst allerdings war es ihm mit seiner Botschaft, die alte Schriftkultur werde untergehen und durch die neuen »elektrischen Medien« abgelöst. Solche Aussichten fand die Schriftstellerin Gertrude Stein offenbar so hirnverbrannt, dass sie nach einem Vortrag mit dem Regenschirm auf ihn losging. Old culture verprügelt new culture , das war der Ritterschlag. McLuhan war cool und Kult, er war das Orakel der Zukunft.

Der kluge intellektuelle Dandy – das ist das eine Gesicht von Marshall McLuhan. Aber es gibt noch ein zweites Gesicht, und nun wird es interessant. Der Avantgardist des Medienzeitalters war, milde gesagt, kein Freund der Moderne und ihrer liberalen Gesellschaft. Die Reformation betrachtete McLuhan als großes Verhängnis, als schrecklichen Sieg der »Gutenberg-Galaxis«. Mit Anfang 20 lobte er Franco und Hitler und fand, sie seien »auf dem richtigen Weg« zwischen der »Gier des Kapitalismus« und der »Entmännlichung durch den Sozialismus«. Im Jahr 1937 trat McLuhan zum Katholizismus über, und was er danach über Homosexuelle und Feministinnen dachte – darüber schweigt des Sängers Höflichkeit.

McLuhans Abneigung gegen die Moderne war erstaunlich. Für ihn war sie das trostlose Ergebnis jener jahrtausendealten Schriftkultur, die das Zeitalter der Mündlichkeit beendet und die mythische Ganzheit der Welt ruiniert hat. Die Schrift, so sah er es, vertreibt den »integralen und taktilen Stammesmenschen«, sie verwüstet die Kultur des Hörens und Fühlens, sie zergliedert alles, was lebt, kurz: Sie presst die Schöpfung in die »sequenzielle Reihe« toter Buchstaben. »Der Federkiel schafft das Mysterium ab.«

Die Schrift, klagte McLuhan, zerlegt aber nicht nur die Welt. Sie bringt auch eine zersplitterte Gesellschaft hervor, eine »uniforme Unterdrückung« mit dem Fließband und dem amerikanischen Reihenhaus (»samt Rasenmäher«) als ihren Wahrzeichen. Es ist die Gesellschaft des »mechanischen Menschen«, eines »Analphabeten des Ohres«, einer »Figur ohne Grund«, ohne Erlebnistiefe, ohne participation mystiche . »Bis zur Erfindung der Schrift lebte der Mensch im akustischen Raum: ohne Grenzen, ohne Richtung, ohne Horizont, im Dunkel der Seele, in der Welt der Gefühle, der ursprünglichen Intuition.«

 

Erst wenn man sich dieses Schreckenspanorama vor Augen hält, versteht man, warum McLuhan so obsessiv in Datenströme eintauchte, warum er » the electronic age « als goldenes Zeitalter begrüßte, als Morgenröte der Zukunft über dem Friedhof der abendländischen Buchstaben. Computer und Fernsehen waren für ihn eine Gnade der Technikgeschichte, es waren die rettenden »Prothesen«, mit denen der Auszug aus der babylonischen Gefangenschaft der Schrift endlich gelingen kann – die Flucht nach vorn in die mythische Ganzheit einer »vor-alphabetischen Kultur«.

Das war, keine Frage, der klassische Dreischritt »Paradies – Sündenfall – Erlösung«. Nach dem Sündenfall der Schriftkultur, so dachte es McLuhan, streift sich die Zivilisation das Netz wie eine »zweite Haut« über, um alle Menschen in »magischen Kanälen« simultan zu verschalten. »Der Mensch trägt das Gehirn jetzt außerhalb seines Schädels und die Nerven außerhalb seiner Haut.« Die Medien schaffen ein weltumspannendes, einheitliches Bewusstsein. »Hat man nicht fast den Eindruck, dass die Übertragung unseres ganzen Lebens in die geistige Form der Information den ganzen Erdball und die Familie der Menschheit zu einem einzigen Bewusstsein macht?«

McLuhan war nicht schizophren. Es war nicht so, dass er abends nach Hause kam, um das Narrenkleid des Medienintellektuellen gegen das Büßerhemd des Katholiken auszuwechseln. Nein, wie beim Jesuitenpater Teilhard de Chardin – den McLuhan zitiert – war sein Katholizismus diskret mit dem Glauben an die »elektrische Revolution« verschaltet. Nicht nur zwischen den Zeilen träumte er von einem »Pfingstwunder«, von der profanen Civitas Dei. »In der neuen Allgegenwart steht die Zeit still, und der Raum ist verschwunden. Wir sind in den akustischen Raum zurückgekehrt. Wir entwickeln wieder jene urzeitlichen Gefühle und stammestypischen Empfindungen, von denen uns einige Jahrhunderte der Schrift getrennt haben.«

Wer McLuhan heute liest, kommt aus dem Staunen nicht heraus, der Mann war ein Hellseher, der groß gedacht und groß geirrt hat. Er glaubte tatsächlich, der Computer sei objektiver Geist, oder, wie es der Medienwissenschaftler Hartmut Winkler formuliert: Er glaubte, der medientechnische Fortschritt sei per se identisch mit dem Vernünftigen und dem Guten. Fixiert auf die Ratio der Technik, habe McLuhan (und seine Gefolgschaft) alle anderen gesellschaftlichen Probleme abgespalten und mit einem »fein gesponnenen Netz von Tabus« überzogen.

Das kann man auch weniger vornehm ausdrücken: All die Medienphilosophen und Kulturwissenschaftler, die McLuhan blind gefolgt sind, haben beträchtlichen Unfug verbreitet und einer ganzen Studentengeneration schwer den Kopf vernebelt. Ihre digitalen Mythen, die Fabel vom »Apriori der Technik«, entstammen einer futuristisch verdrehten katholischen Metaphysik, und entzückt von der »Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften« (Friedrich Kittler), verklärten sie das Internet zur Erlösungsreligion. Sie erzählten dem Publikum, Sein und Schein ließen sich nicht mehr unterscheiden, und weil wir in Medien »eingeschlossen« seien – was ja stimmt –, komme es auf Sinn, Bedeutung und Kritik gar nicht mehr an: » The medium is the message. « Noch dürftiger sind die Theorien der »Techno-Liberalen«. Sie verrühren McLuhans Internetfantasien mit der »Utopie« des radikal deregulierten Kapitalismus, und wem diese armselige Melange nicht schmeckt, der wird als »Kulturkritiker« aussortiert.

Was tun? Man sollte McLuhan in Ehren halten und nach jenen Sätzen Ausschau halten, die das Internet als Freiheitsmedium begreifen – nicht als Überwindung der Moderne, sondern als Erweiterung ihrer kritischen Möglichkeiten. »In einer elektronischen Informationsumwelt können Minoritäten nicht ausgegrenzt werden. Zu viele Menschen wissen zu viel voneinander. Unsere neue Umwelt zwingt uns zu Engagement und Teilnahme. Heute nehmen wir, ob wir wollen oder nicht, Anteil am Leben aller anderen und sind füreinander verantwortlich.«

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