Eine Welle hebt den Monsieur vor mir an, er verliert den Boden unter den Füßen, wird wie ein Korken sanft einen Meter nach links getragen. Nur sein Hinterkopf ragt noch aus dem Wasser. Dann findet er wieder Halt, stemmt sich gegen die Strömung und marschiert weiter durch das Meer.

Direkt hinter mir arbeiten sich zwei ältere Damen aus Cherbourg durch die Wellen, rudern mit den Armen, den Oberkörper nach vorne geneigt. Eine der beiden stößt ein kurzes Quieken aus, als eine Woge bricht und sie unter ihrem Schaum begräbt. »Magnifique!«, ruft sie, während sie wieder auftaucht, die Wangen rosé gefärbt vom kalten Wasser. »Herrlich!«

Ich bin Teil einer Gruppe von 22 Menschen, die an diesem ferienblauen Sommermorgen im Atlantik unterwegs ist, 30 Meter vom Ufer entfernt, mitten in der Brandungszone. Wir alle tragen Neoprenanzüge, Füßlinge und gehen einer so schlichten wie ungewöhnlichen Disziplin nach: Wir wandern durch das Meer.

Eine halbe Stunde zuvor standen wir noch im Kreis am weiten Strand von Hauteville-sur-Mer, einem kleinen Ferienort an der Westküste der normannischen Halbinsel La Manche. Über unsere Köpfe flogen Seemöwen und Austernfischer, in den Dünen breiteten die ersten Sonnenhungrigen ihre Handtücher aus. Unsere Kursleiterin Nathalie Houdusse gab eine schnelle Einweisung: »Wir werden erst ein, zwei Kilometer Richtung Süden marschieren, gegen die Strömung«, sagte sie. »Wenn ich pfeife, kehren wir um. Geht nicht zu weit ins Tiefe, das Wasser sollte euch höchstens bis zur Schulter reichen. Und versucht, immer schön zusammen zu bleiben.« Mit einem aufmunternden Lächeln setzte sich Madame Houdusse ihre Sonnenbrille auf die Nase und gab uns das Zeichen, in die See zu gehen.

Inzwischen sind wir wohl einen Kilometer weit gekommen. Mitten in der Gruppe schreite ich in großen Schritten voran, drücke mich vom sandigen Meeresboden ab, kämpfe gegen den Widerstand des Wassers. Gischt spritzt in unsere Gesichter, die heranrollenden Wellen spielen mit uns wie mit Strandgut. Die Sportart erweist sich als anstrengender als gedacht. »Das ist, als ob man eine Stunde in einem Schwimmbad spazieren geht, während dir jemand alle zehn Sekunden einen Eimer Wasser über den Kopf kippt«, ruft ein Herr in den Wind hinein. Er ist aus dem nahen Caen angereist, um den kuriosen Sport einmal auszuprobieren. Sonst besteht die Gruppe zum größten Teil aus Frauen – einer Mutter mit Tochter aus Granville, einer Deutschlehrerin, mehreren Damen aus den umliegenden Dörfern, die den Marsch durchs Meer als neues Fitnesstraining entdeckt haben. »Jeder kann mitmachen«, sagt Nathalie Houdusse, »Geschlecht und Alter spielen keine Rolle.«

Mit der Trillerpfeife gibt Madame Houdusse das Zeichen zur Umkehr

Erfunden hat das Wasserwandern der Trainer eines Ruderclubs in Dunkerque im Norden Frankreichs, nahe der belgischen Grenze. Eines Tages kam er auf die Idee, seine Schützlinge als Fitnessübung zu Fuß und mit Paddeln in den Händen durchs Meer zu scheuchen. Das erwies sich als exzellentes Training, und so gründete man einen Verband, ersann Übungspläne und Richtlinien und ließ sich den Namen Longe Côte für die Erfindung schützen – was auf Deutsch so viel bedeutet wie »die Küste entlanggehen«. In Hauteville-sur-Mer bekam der Tourismusverband Wind von der Sache und machte sich auf die Suche nach jemandem, der Lust hatte, den Sport den Feriengästen beizubringen. Die 46-jährige Nathalie Houdusse, im normalen Leben Tanzlehrerin, und ihre 63-jährige Freundin Andrée Norgeot waren begeistert und gründeten im vergangenen Jahr einen eigenen Club, der inzwischen 60 Mitglieder zählt. Es ist der einzige in der Region La Manche, sonst wird Longe Côte nur noch in Dunkerque und einigen Orten an Frankreichs Westküste ausgeübt. Hier an den Stränden findet man eher Surfer und Segler, bei Ebbe Muschelsucher, die mit Keschern und Spaten durch den atlantischen Matsch stapfen.