Auf der weißen Tischdecke neben dem Frühstücksgeschirr steht ein Schild, das zum langsamen Kauen auffordert. So sollen wir schon am frühen Morgen dem Herrn unsere Ehrfurcht erweisen. Im Kloster Untermarchtal stärken sich Ordensschwestern, Geistliche und Tagungsgäste am Büfett. Ich esse, wie ich will: viel zu schnell. Ein Reflex gegen Bevormundung, der immer noch funktioniert. Gotteshäuser habe ich gemieden, seit mir ein Fußballtrikot besser stand als die Messdienerkutte. Als die Glocken der Klosterkirche zur Morgenandacht läuten, wird der Rucksack geschultert. Die nächsten Tage bin ich auf dem Oberschwäbischen Pilgerweg unterwegs, der gerade ausgeschildert wird.

Pilgern in Oberschwaben? Ich bin hier aufgewachsen, in einer schönen, aber auch rauen Gegend, deren Bewohner als »schaffig« und etwas störrisch gelten. Pilgern hätte man hier früher für Zeitverschwendung gehalten. Mal sehen, ob sich das geändert hat.

Das Kloster Untermarchtal bleibt schnell zurück, erstes Etappenziel ist Zwiefalten, 15 Kilometer entfernt. Der Weg führt an weißen Kalkfelsen vorbei, sie formieren sich zu einer Kulisse, wie man sie aus Winnetou-Filmen kennt. Unter den Felsen wuchert das Gras bis zur Donau hin. Im Dorf Rechtenstein wird auch am Montag die Straße gefegt. Auf einer Bank sitzt eine alte Frau in der Sonne, sie trägt eine blaue Schürze, die Uniform der Landfrauen. Fremden wird erst einmal misstrauisch begegnet. Gibt man sich aber als Pilger zu erkennen, hört man oft ein freundliches »Grüß Gott«. Lange Zeit ist kein anderer Pilger zu sehen. Man ist mit sich und seinen Gedanken allein.

Oberschwaben, das ist die Vorratskammer Württembergs. Die Dörfer sind in einen Teppich aus Wäldern, Wiesen und Feldern eingefasst. An den Bauernhöfen steht in gemauerten Nischen die Figur der Gottesmutter Maria. Überall an den Äckern sind Kreuze aufgestellt: Herr, segne unsere Fluren. In einem Landgasthaus bin ich mit Rita und Egon Oehler verabredet. Vor drei Jahren hatten sie die Idee für den Pilgerweg, seitdem arbeiten sie gemeinsam daran. Ihr Ziel war, die üppigen Barockkirchen, Wallfahrtsorte und Klöster miteinander zu verknüpfen. »Das sind Gnadenstätten, wo wir Gott in besonderer Weise erfahren können«, sagt Egon Oehler. Inzwischen ist der Pilgerweg auf 1014 Kilometer angewachsen, demnächst sollen die sieben Schleifen vollständig ausgeschildert sein. Pilger können überall ein- und auch wieder aussteigen. Es gibt kein großes Ziel, das erreicht werden muss, kein schwäbisches Santiago.

Gewundert haben sich die Oehlers anfangs über die Resonanz. Widerstand auf den Ämtern, allgemeines Desinteresse hatten sie erwartet. »Aber wir haben offene Türen eingerannt. Als ob Oberschwaben auf den Pilgerweg gewartet hätte.« Über 70 Pilger haben sich angemeldet für eine dreitägige Besinnungstour im Sommer, fast doppelt so viele wie im vergangenen Jahr. Manchmal sind Eigenbrötler dabei, die zunächst abweisend auf Fragen reagieren. Erst nach Stunden fangen sie an zu reden und hören dann gar nicht mehr auf. So war es bei dem Soldaten, der einen Einsatz in Afghanistan hinter sich hatte. »Man muss nicht gläubig sein, um hier zu pilgern«, sagt Rita Oehler. »Man kriegt immer mehr geschenkt, als man gibt.« Eine Bilanz, die im sparsamen Oberschwaben gut ankommt.