Pilgerreise Einzug ins gelobte Ländle

Auf frommen Pfaden zu Barockfresken und Wurstsalat: Jetzt kann man auch in Oberschwaben pilgern.

Auf der weißen Tischdecke neben dem Frühstücksgeschirr steht ein Schild, das zum langsamen Kauen auffordert. So sollen wir schon am frühen Morgen dem Herrn unsere Ehrfurcht erweisen. Im Kloster Untermarchtal stärken sich Ordensschwestern, Geistliche und Tagungsgäste am Büfett. Ich esse, wie ich will: viel zu schnell. Ein Reflex gegen Bevormundung, der immer noch funktioniert. Gotteshäuser habe ich gemieden, seit mir ein Fußballtrikot besser stand als die Messdienerkutte. Als die Glocken der Klosterkirche zur Morgenandacht läuten, wird der Rucksack geschultert. Die nächsten Tage bin ich auf dem Oberschwäbischen Pilgerweg unterwegs, der gerade ausgeschildert wird.

Pilgern in Oberschwaben? Ich bin hier aufgewachsen, in einer schönen, aber auch rauen Gegend, deren Bewohner als »schaffig« und etwas störrisch gelten. Pilgern hätte man hier früher für Zeitverschwendung gehalten. Mal sehen, ob sich das geändert hat.

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Unterkunft

Kloster Untermarchtal, Margarita- Linder-Straße 6, 89617 Untermarchtal, Tel. 07393/30250, www.untermarchtal.de

Radlerherberge Auchter, Talweg 12, 88529 Zwiefalten-Baach, Tel. 07373/1422, www.radlerherberge.de. DZ ab 46 Euro inkl. Frühstück

Gasthof Schönblick, Familie Deufel, Zum Bussen 24, 88524 Offingen, Tel. 07374/758, www.schoenblick-bussen.de. DZ ab 54 Euro inkl. Frühstück

Kloster Heiligkreuztal, Am Münster 7, 88499 Heiligkreuztal, Tel. 07371/931230, www.kloster-heiligkreuztal.de. DZ Preis auf Anfrage

Empfehlenswert: Führung durch die 14 Stationen des Menschwerdungsweges des peruanischen Künstlers Raúl Castro; Kontakt: Schwester Petra Maria Brugger, Pfarrer Peter Schmid

Kloster Sießen, 88343 Bad Saulgau, Tel. 07581/ 80108, www.klostersiessen.de. DZ ab 26 Euro, Übernachtung nur im Rahmen eines Kurses oder bei Exerzitien möglich. Empfehlenswert: Besichtigung des Franziskusgartens und der Hummelausstellung

Einkehren

Brauereigaststätte Zwiefalten, Hauptstraße 24, 88529 Zwiefalten, Tel. 07373/91212, www.klosterbraeugaststaette.de

Bussenstüble, Ortsstraße 49, 88524 Offingen, Tel. 07374/2857, www.bussenstueble.de

Zum Klosterwirt, Kloster Heiligkreuztal, Am Münster 7, 88499 Heiligkreuztal, Tel. 07371/9312344, www.kloster-heiligkreuztal.de

Weitere Informationen

www.oberschwaebischer-pilgerweg.de

Das Kloster Untermarchtal bleibt schnell zurück, erstes Etappenziel ist Zwiefalten, 15 Kilometer entfernt. Der Weg führt an weißen Kalkfelsen vorbei, sie formieren sich zu einer Kulisse, wie man sie aus Winnetou-Filmen kennt. Unter den Felsen wuchert das Gras bis zur Donau hin. Im Dorf Rechtenstein wird auch am Montag die Straße gefegt. Auf einer Bank sitzt eine alte Frau in der Sonne, sie trägt eine blaue Schürze, die Uniform der Landfrauen. Fremden wird erst einmal misstrauisch begegnet. Gibt man sich aber als Pilger zu erkennen, hört man oft ein freundliches »Grüß Gott«. Lange Zeit ist kein anderer Pilger zu sehen. Man ist mit sich und seinen Gedanken allein.

Oberschwaben, das ist die Vorratskammer Württembergs. Die Dörfer sind in einen Teppich aus Wäldern, Wiesen und Feldern eingefasst. An den Bauernhöfen steht in gemauerten Nischen die Figur der Gottesmutter Maria. Überall an den Äckern sind Kreuze aufgestellt: Herr, segne unsere Fluren. In einem Landgasthaus bin ich mit Rita und Egon Oehler verabredet. Vor drei Jahren hatten sie die Idee für den Pilgerweg, seitdem arbeiten sie gemeinsam daran. Ihr Ziel war, die üppigen Barockkirchen, Wallfahrtsorte und Klöster miteinander zu verknüpfen. »Das sind Gnadenstätten, wo wir Gott in besonderer Weise erfahren können«, sagt Egon Oehler. Inzwischen ist der Pilgerweg auf 1014 Kilometer angewachsen, demnächst sollen die sieben Schleifen vollständig ausgeschildert sein. Pilger können überall ein- und auch wieder aussteigen. Es gibt kein großes Ziel, das erreicht werden muss, kein schwäbisches Santiago.

Gewundert haben sich die Oehlers anfangs über die Resonanz. Widerstand auf den Ämtern, allgemeines Desinteresse hatten sie erwartet. »Aber wir haben offene Türen eingerannt. Als ob Oberschwaben auf den Pilgerweg gewartet hätte.« Über 70 Pilger haben sich angemeldet für eine dreitägige Besinnungstour im Sommer, fast doppelt so viele wie im vergangenen Jahr. Manchmal sind Eigenbrötler dabei, die zunächst abweisend auf Fragen reagieren. Erst nach Stunden fangen sie an zu reden und hören dann gar nicht mehr auf. So war es bei dem Soldaten, der einen Einsatz in Afghanistan hinter sich hatte. »Man muss nicht gläubig sein, um hier zu pilgern«, sagt Rita Oehler. »Man kriegt immer mehr geschenkt, als man gibt.« Eine Bilanz, die im sparsamen Oberschwaben gut ankommt.

Wem die Erbauung an den »Gnadenorten« des Pilgerwegs nicht schon Belohnung genug ist, der kann sich auf die Einkehr in einem der Landgasthöfe freuen: Da werden Maultaschen, saure Kutteln, Käsespätzle oder Wurstsalat serviert. Glauben und Genuss sind im katholischen Oberschwaben keine Gegensätze. Sprüche muss man sich als Pilger schon anhören von den Handwerkern und Bauern am Stammtisch. Ob das inzwischen ein Beruf mit Pensionsanspruch sei? Aber sie stellen einem gern einen Stuhl dazu.

Es geht weiter auf dem Weg nach Zwiefalten. Ein Landwirt auf dem Traktor beobachtet mich, während er Furchen in den Ackerboden pflügt. Dann hält er an. Wandern, sagt er, das mache man ja schon lange. Aber Pilgern, das sei eine geistige Einstellung. Das Motto des Weges: »Gehen – beten, zu sich und zu Gott finden«, gefällt dem Bauern. »Das wird doch immer wichtiger, wenn man sieht, was auf dieser Welt los ist.« Von Weitem ist schon das Münster von Zwiefalten zu erkennen, eine der schönsten Barockkirchen Süddeutschlands. Wie Ausrufezeichen ragen die Doppeltürme in die Höhe. Oberschwaben gilt als »Himmelreich des Barocks«, einer Epoche, die den Überschwang liebte nach den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges. Im Farbenrausch der Fresken und unter verschwenderischen Stuckaturen sollte der Mensch spüren, wie klein er ist und wie groß dagegen Gott.

Im Münster steht Bürgermeister Hubertus-Jörg Riedlinger. Wenn er hochschaut zum grandiosen Deckenfresko, das die Ausbreitung der Kirche unter dem Schutz Marias zeigt, dann fühlt er sich »benommen und förmlich hinaufgezogen«. Riedlinger, 59, ist seit 20 Jahren Bürgermeister der Gemeinde. Was einem kleinen Wunder gleichkommt, er ist Sozialdemokrat »in einem schwarzen, konservativen Ort«. Dass er »wenigstens katholisch« sei, habe ihm geholfen, sich zu behaupten. Riedlinger stammt aus Tübingen, er hat die Oberschwaben als speziellen Menschenschlag schätzen gelernt. Hinter brummeliger Zurückhaltung lasse sich viel Herzlichkeit aufspüren. »Manche nennen uns hinterwäldlerisch, aber die Welt ist bei uns noch ziemlich heil.« Auch Riedlinger will sich als Pilger auf den Weg machen, um innere Ruhe zu erlangen. Der Bürgermeister laboriert am Tinnitus.

Von Zwiefalten auf den Bussen: Das ist die Aufgabe am zweiten Pilgertag. Wenn der Morgennebel sich lichtet, ist er von Weitem schon zu sehen, der Bussen, der heilige Berg der Oberschwaben, mit 767 Metern so hoch wie kein anderer zwischen Donau und Bodensee. Der Bussen ist der wichtigste Wallfahrtsort Oberschwabens, seit Generationen pilgern kinderlose Paare hinauf und beten für Nachwuchs. Unterhalb des Bussen liegt Unlingen, das Dorf, das Mario Gomez zum Fußballheiligen erhoben hat, der Nationalspieler ist hier aufgewachsen. Es geht steil bergauf, der Anstieg zur Kirche ist als Kreuzweg angelegt, er beginnt beim Gasthaus Petrus.

Das Wirkungsprinzip des Bussen ist einfach: Steht man unten, dann wirkt er gewaltig. Steht man oben, wirkt unten alles winzig. Der Mensch fühlt sich immer wie ein Statist in dieser außergewöhnlichen Landschaft. Auf der höchsten Stelle des Bussen, neben seiner Kirche, steht jetzt Albert Menrad. Der Pfarrer der Bussen-Gemeinde Offingen ist sicher: »Keiner verlässt den Bussen so, wie er gekommen ist. Es ist ein heiliger Platz, das spüren die Menschen. Hier berühren sich Himmel und Erde.« Immer am Pfingstmontag treffen sich auf dem Bussen oberschwäbische Männer zur Wallfahrt, hier sind sie zu Gefühlen fähig, die sie sonst lieber für sich behalten.

Um 6 Uhr beginnen auf dem Bussen die Kirchenglocken zu läuten, sie bekommen Unterstützung aus allen Richtungen. Bald darauf gehen in den Häusern die Lichter an, wie in einer Kettenreaktion. Der dritte Tag der Pilgertour – Lydia Deufel trägt Frühstück auf im Gasthof Schönblick, oben auf dem Berg. Ihr selbst gemachtes Quittengelee schmeckt allen, die einzige Zeitung teilt sie gerne mit ihren Gästen. »Die Leute pilgern immer hier hoch, aber besonders, wenn es ihnen schlecht geht«, sagt die energische Frau mit den grauen Stehhaaren. »Auf dem Bussen vergessen sie ihre Sorgen.« Die wirken nichtig, wenn sich bei Föhn die Alpen aus dem Dunst schälen, ein Gipfel nach dem anderen. Frau Deufel veranstaltet manchmal einen »geistlichen Frühschoppen« in ihrem Gasthof, sie ist gern gesehen im Dorf, aber manchmal leidet die Familie wegen ihres Namens unter den Frommen am Bussen. Als vor Kurzem ihre schwangere Schwiegertochter untersucht wurde, fragte der Arzt nach dem Namen des Kindes, das Pius heißen soll. Entsetzt riet der Arzt ihr davon ab, Pius, der Fromme, in Kombination mit Teufel, das ginge nicht zusammen.

Mit federnden Schritten geht es bergab, der Bussen schaut einem noch lange über die Schulter. Auf dem Weg zum Kloster Heiligkreuztal schwirren mir Gebetsformeln durch den Kopf. Kann Pilgern schädlich sein? Hat Hape Kerkeling nicht nach 28 Jahren und nur einer Pilgertour seinen Lebensgefährten verlassen? Ich bete nicht, ich will nicht beten, an einer Kapelle bekreuzige ich mich. Das muss reichen, das macht schließlich auch jeder zweite Fußballer, bevor er das Feld betritt. Zwischen Streuobstwiesen steht ein Imker im Schutzanzug und wedelt mit dem Rauchapparat, von weitem sieht er aus wie ein Astronaut bei der Morgengymnastik.

Der Pilgerweg führt an Andelfingen vorbei. Ich mache einen Abstecher in das Dorf, in dem mein Großvater gelebt hat wie ein Eremit. Nach zwei Weltkriegen wollte er von anderen nicht mehr viel wissen. Warmes Wasser brauchte er keines. Fast alles, was er aß, wuchs im Garten. Er fiel nicht auf in dieser eigenwilligen Gegend. Nach vier Stunden ist das Dorf Heiligkreuztal zu sehen. Sein ehemaliges Zisterzienserinnenkloster ist heute eine christliche Begegnungsstätte: Hinter den gewaltigen Mauern suchen auch Manager, die aus dem Gleichgewicht geraten sind, Zuflucht. Ich schlafe zehn Stunden tief und friedlich wie schon lange nicht mehr. Danach setzen sich die Füße wieder bereitwillig in Bewegung, weiter nach Süden.

Am vierten Tag schlendert Jürgen Brummwinkel gemütlich zur Gnadenkapelle in Hohentengen. Der Pfarrer, Jahrgang 1971, hat den Humor und die Gelassenheit ausgebildet, die man benötigt, um mit den Eigenarten der Einheimischen umgehen zu können. Mit theologischen Spitzfindigkeiten muss der Pfarrer seiner Gemeinde nicht kommen. Sie pflegt ein pragmatisches Glaubensverständnis, meistens wird der Landpfarrer gerufen, um den Segen Gottes zu erteilen. Er segnet die Haustiere und Fahrräder der Kinder und auch neu eröffnete Autohäuser. Als er von Stuttgart nach Oberschwaben versetzt wurde, fragten Kollegen: »Was hast du verbrochen?« Aber Brummwinkel will nicht mehr weg aus Hohentengen.

In der Gnadenkapelle hängt eine Darstellung der 14 Nothelfer, das sind Volksheilige, jeder von ihnen lindert eine Not. Der heilige Blasius hilft bei Halsleiden; verliert man einen Schlüssel, dann hilft Antonius. Wendelin kuriert das kranke Vieh. Anderen Regionalheiligen wird nachgesagt, dass sie Warzen verschwinden lassen können. »Eine Spur Aberglaube mischt in Oberschwaben immer mit«, sagt Brummwinkel. Gott direkt wollen die Menschen mit ihren alltäglichen Anliegen nicht belästigen, deshalb klopfen sie in seinem Vorzimmer an, bei den Nothelfern. Aber die Krise der Kirche ist auch in Oberschwaben zu spüren. »Rappelvoll sind die Kirchen nicht, das wäre gelogen«, sagt Brummwinkel. Gerade junge Leute suchten außerhalb nach Orientierung und spiritueller Erfahrung, auch auf dem Pilgerweg.

Es gibt sicher schlechtere Orte dafür. Hier sind noch keine Karawanen mit Stab, Hut und Muschel unterwegs. Es kommt vor, dass man stundenlang alleine pilgert. Die letzte Etappe führt zum Franziskanerinnenkloster Sießen. Ich erreiche es müde und hungrig. Zum Abendessen werden Pellkartoffeln mit Käse und eingelegtem Hering aufgetragen, dazu Tee in großen Blechkannen. Ich esse ganz langsam, genieße Bissen für Bissen. Am nächsten Morgen um 7 Uhr wird die Laudes gefeiert, das Morgenlob. Nach 20 Minuten werde ich unruhig, ich will den Morgen in Wanderschuhen loben. 80 Kilometer bin ich gepilgert. Ich komme anders zurück, als ich losgegangen bin. Die Schultern schmerzen, an der Fußsohle klebt ein Pflaster. Mein Kopf fühlt sich an, als ob alles Unnötige und Quälende entrümpelt worden sei. Und wenn ich einmal Hilfe brauche, dann weiß ich jetzt, an welchen der 14 Nothelfer ich mich wenden kann.

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Leser-Kommentare
  1. ... zeigt das (ehemalige) Kloster OBERmarchtal ...

    Wenn schon die Bildunterschrift des Aufmacherbilds nicht stimmt ... – au weia!

  2. ...zeigt genauer gesagt das MÜNSTER Obermarchtal!!!

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    ... toto pro pars genommen.

    ... toto pro pars genommen.

  3. ... toto pro pars genommen.

    Antwort auf "Das Foto..."

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