"Eine Spur Aberglaube mischt in Oberschwaben immer mit"
Der Pilgerweg führt an Andelfingen vorbei. Ich mache einen Abstecher in das Dorf, in dem mein Großvater gelebt hat wie ein Eremit. Nach zwei Weltkriegen wollte er von anderen nicht mehr viel wissen. Warmes Wasser brauchte er keines. Fast alles, was er aß, wuchs im Garten. Er fiel nicht auf in dieser eigenwilligen Gegend. Nach vier Stunden ist das Dorf Heiligkreuztal zu sehen. Sein ehemaliges Zisterzienserinnenkloster ist heute eine christliche Begegnungsstätte: Hinter den gewaltigen Mauern suchen auch Manager, die aus dem Gleichgewicht geraten sind, Zuflucht. Ich schlafe zehn Stunden tief und friedlich wie schon lange nicht mehr. Danach setzen sich die Füße wieder bereitwillig in Bewegung, weiter nach Süden.
Am vierten Tag schlendert Jürgen Brummwinkel gemütlich zur Gnadenkapelle in Hohentengen. Der Pfarrer, Jahrgang 1971, hat den Humor und die Gelassenheit ausgebildet, die man benötigt, um mit den Eigenarten der Einheimischen umgehen zu können. Mit theologischen Spitzfindigkeiten muss der Pfarrer seiner Gemeinde nicht kommen. Sie pflegt ein pragmatisches Glaubensverständnis, meistens wird der Landpfarrer gerufen, um den Segen Gottes zu erteilen. Er segnet die Haustiere und Fahrräder der Kinder und auch neu eröffnete Autohäuser. Als er von Stuttgart nach Oberschwaben versetzt wurde, fragten Kollegen: »Was hast du verbrochen?« Aber Brummwinkel will nicht mehr weg aus Hohentengen.
In der Gnadenkapelle hängt eine Darstellung der 14 Nothelfer, das sind Volksheilige, jeder von ihnen lindert eine Not. Der heilige Blasius hilft bei Halsleiden; verliert man einen Schlüssel, dann hilft Antonius. Wendelin kuriert das kranke Vieh. Anderen Regionalheiligen wird nachgesagt, dass sie Warzen verschwinden lassen können. »Eine Spur Aberglaube mischt in Oberschwaben immer mit«, sagt Brummwinkel. Gott direkt wollen die Menschen mit ihren alltäglichen Anliegen nicht belästigen, deshalb klopfen sie in seinem Vorzimmer an, bei den Nothelfern. Aber die Krise der Kirche ist auch in Oberschwaben zu spüren. »Rappelvoll sind die Kirchen nicht, das wäre gelogen«, sagt Brummwinkel. Gerade junge Leute suchten außerhalb nach Orientierung und spiritueller Erfahrung, auch auf dem Pilgerweg.
Es gibt sicher schlechtere Orte dafür. Hier sind noch keine Karawanen mit Stab, Hut und Muschel unterwegs. Es kommt vor, dass man stundenlang alleine pilgert. Die letzte Etappe führt zum Franziskanerinnenkloster Sießen. Ich erreiche es müde und hungrig. Zum Abendessen werden Pellkartoffeln mit Käse und eingelegtem Hering aufgetragen, dazu Tee in großen Blechkannen. Ich esse ganz langsam, genieße Bissen für Bissen. Am nächsten Morgen um 7 Uhr wird die Laudes gefeiert, das Morgenlob. Nach 20 Minuten werde ich unruhig, ich will den Morgen in Wanderschuhen loben. 80 Kilometer bin ich gepilgert. Ich komme anders zurück, als ich losgegangen bin. Die Schultern schmerzen, an der Fußsohle klebt ein Pflaster. Mein Kopf fühlt sich an, als ob alles Unnötige und Quälende entrümpelt worden sei. Und wenn ich einmal Hilfe brauche, dann weiß ich jetzt, an welchen der 14 Nothelfer ich mich wenden kann.
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- Datum 22.07.2011 - 18:59 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 21.7.2011 Nr. 30
- Kommentare 3
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... zeigt das (ehemalige) Kloster OBERmarchtal ...
Wenn schon die Bildunterschrift des Aufmacherbilds nicht stimmt ... – au weia!
...zeigt genauer gesagt das MÜNSTER Obermarchtal!!!
... toto pro pars genommen.
... toto pro pars genommen.
... toto pro pars genommen.
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