Es ist fast ein Ritual: Auf die Aussaat folgt der Angriff. Wann immer jemand in Deutschland gentechnisch veränderte Pflanzen anbaut, werden Felder zerstört. Gentechnikgegner reißen Getreide und Kartoffeln aus der Erde oder zertrampeln den Acker. Sie zerstören damit nicht nur einen Teil der Ernte oder ein paar Quadratmeter Anbaufläche: Weil die meisten Aussaaten offene wissenschaftliche Fragen beantworten sollen, vernichten die Aktionen die Arbeit von Jahren. Anfang vergangener Woche wurden in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt zwei Versuchsstandorte zerstört. Der Schaden wird auf jeweils 250.000 Euro geschätzt.

Diesmal nahm die Auseinandersetzung jedoch eine neue, eine gewalttätige Dimension an. Die Angreifer waren vermummt und bewaffnet. Sie drohten den Sicherheitskräften am Feldrand mit körperlicher Gewalt, erzwangen die Herausgabe von Handys und Akten. Die Anzeige lautet nicht nur auf Landfriedensbruch und Sachbeschädigung, sondern auf räuberische Erpressung.

Ihre Aktion bezeichnen die Gegner der Versuche in einem Bekennerschreiben, das der taz vorliegt , als »quittung.fuer.die.verbrecher_INNEN«. Absender des Schreibens: »ein.paar.vermummte.landwirt_INNEN.und.freund_INNEN«.

Die »verbrecher_INNEN«, das sind Forscher der Universität Rostock , die an beiden Standorten Kartoffeln und Weizen ausgesät hatten. Die Kartoffeln trugen Gene für die Produktion eines Biokunststoffs und eines Impfstoffs gegen Viruskrankheiten in sich. Der Weizen war mit gentechnischer Hilfe in der Abwehr von Pilzen gestärkt worden.

Als Verbrechen betrachten die Versuchsgegner nicht nur die – offiziell genehmigten – Versuche selbst, sondern auch die Kooperation der Forscher mit der Industrie. Sie vermuten enge Verflechtungen zwischen Forschungsinstituten und Konzernen, Konzernen und Genehmigungsbehörden, eine Art Gentechnik-Kartell.

Tatsächlich sind die Rostocker nicht nur akademisch aktiv. Sie halten Patente, sie beraten Unternehmen, sie haben sogar eigene Firmen gegründet. Sie treten offensiv für ihre Vision ein: die Gentechnik auch in Deutschland als eine Option für die Pflanzenzüchtung der Zukunft zu erhalten.

Dass es gerade sie traf, ist neben der erschreckenden Bereitschaft zur Gewalt das zweite bemerkenswerte Detail der aktuellen Überfälle. Fast alle Universitäten haben sich mit ihren Experimenten wieder ins Gewächshaus zurückgezogen, wo sie Grundlagenforschung an Modellpflanzen betreiben. Es ist den Gegnern gelungen, die unabhängige akademische Forschung an gentechnisch veränderten Nutzpflanzen von deutschen Feldern zu vertreiben. Nun werden offenbar gezielt die letzten universitären Pflanzengenetiker im Freiland attackiert.

Die Eskalation zeigt zunächst: Viel zu lange hat der Rechtsstaat die Attacken auf die Forschungsfreiheit als Kavaliersdelikte behandelt. Den Tätern fehlt, das zeigen die Bekennerschreiben, jegliches Unrechtsbewusstsein.

Und wo die Betreiber der Versuche auf Transparenz setzen – wie im Schaugarten von Üplingen , einem der zerstörten Standorte –, wird das Bemühen um eine sachliche Debatte offenbar umso aggressiver beantwortet: Schlagstöcke statt schlagender Argumente. Nach mehr als 35 Jahren Debatte hat der Streit um die Gentechnik einen Tiefpunkt erreicht.