PubertätDas Erwachen

Man bekommt Pickel und noch so einiges, der Körper macht, was er will. Und man entdeckt die Liebe und sucht sich seinen Platz in der Welt. Warum die Pubertät die spannendste Zeit des Lebens ist. von Silke Burmester

Der Tag, an dem ich das Okay für den Vorschlag bekam, ein Loblied auf die Pubertät zu schreiben, war der Tag, an dem bei uns das Schließblech aus der Zarge der Badezimmertür brach. Drei 14-Jährige. Einer hält von innen zu, zwei ziehen von außen. Bis das Holz birst, die Späne fliegen und das Metall verbogen nur noch an einer Schraube hängt. Der Tischler wird später fragen, ob eine Verfolgung stattgefunden habe. Nein, eine Verfolgung nicht, eher war es einer jener Ausbrüche aus dem Ordentlichen, Gepflegten, Normalen, die für Eltern so aufreibend (und manchmal teuer) sind. Vielleicht war es auch einfach zu viel Kraft für zu wenig Gehirn.

Ich bleibe dabei, ich finde die Pubertät toll. Die Zeit, die von der Gesellschaft als eine Art Störfall betrachtet wird. Ein schlimmes Übel, das man als Elternteil nur übersteht, wenn man sich wegduckt. Wie bei einer großen Meereswelle, aus der man nur dann unbeschadet hervorkommt, wenn man die Luft anhält, die Augen schließt, abtaucht und erst wieder den Kopf aus dem Wasser reckt, wenn sie über einen hinweggerollt ist. Der verständnisvolle Blick, der mitleidsvolle Tonfall derer, die hören, der Sohn sei in der Pubertät – diese Entwicklungsphase scheint Anlass zu sein, die gesamte Familie in einer Art Ausnahmezustand zu wähnen, in der auch die Eltern nur noch bedingt gesellschaftsfähig sind.

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Mich ärgert das, denn für mich ist die Pubertät, nach dem Kleinkindalter, die spannendste Zeit. Mit Sicherheit nicht die leichteste, vielleicht auch die anstrengendste, weil ihr die Kraft innewohnt, einen ständig an die Grenzen der eigenen Fähigkeiten, der Geduld und Toleranz zu bringen, und weil sie den Glauben an das Gute zu ersticken droht. Es ist aber eben auch eine Phase, die unsere Kinder ein zweites Mal erschafft. Eine, die aus einem bekannten Menschen etwas Neues formt.

Ich bin dabei, wenn mein Sohn, den ich für diesen Artikel Ben nennen möchte, sich aus dem Kindsein herauslöst. Wenn er den Playmobil-Planeten verlässt und in eine neue Welt eintritt. Ich kann zusehen, wie sich ihm der Kosmos von Musik, Popkultur und Liebe eröffnet, wie die Türen aufgehen, hinter denen die Spannung und das Neue, Unentdeckte liegen, sprich die Welt. Ich sehe zu, und ich freue mich für ihn. Und für mich.

Denn diese Zeit ist vor allem eines: lebendig. Es ist eine, die ständig Neues bereithält und bei der man nie weiß, was als Nächstes kommt. Wie in den ersten Lebensjahren, als man zusehen konnte, wie die Kinder sich grundlegende Fähigkeiten aneigneten und ihr Charakter sich zu zeigen begann. Die Jahre von sieben bis elf waren für mich die langweiligsten. Es sind die Jahre, in denen die Kinder das Elementare können und lediglich die Abläufe geschmeidiger werden. Das Schleifebinden geht schneller, die Sprache wird perfekter, die Bewegungen verlieren den Charme des Unbeholfenen.

Jetzt, mit 14, ist die Neudefinition in vollem Gange. Ich bin dabei, wenn mein Sohn, der eben noch eine helle Stimme hatte und einen kindlich weichen Körper, sich in ein neues Wesen verwandelt. Ich bin Zeugin einer Metamorphose, bei der plötzlich statt geschmeidiger Worte ein Kratzen aus Bens Kehle kommt, das sich anhört, als rasple man Möhren. Ich stelle fest, dass mein Kind quasi über Nacht einen riesig breiten Oberkörper bekommen hat . Und dass es innerhalb von drei Wochen die letzten Zentimeter zugelegt hat, die ihm fehlten, um mit 1,78 Metern so groß zu sein wie ich. Ich weiß nicht, ob die Natur ein Einsehen haben wird und diesen Männergeruch wieder etwas zurückfährt, ich weiß nicht, wie Ben aussehen wird, wenn demnächst der Bart zu wachsen beginnt. Ich kann nicht wissen, ob ich nach diesem Prozess mein Kind noch wiedererkenne, ob es noch Ähnlichkeit mit meiner »Benne-Maus« haben wird oder ob ein junger Mann dabei herauskommt, in einem Panzer von Männlichkeit und Brusthaar, der die Frauen flachlegt und zu schnell Auto fährt.

Die Pubertät meines Sohnes ist ein Prozess der Entfremdung. Ich muss zusehen, wie er unsere gemeinsame Sphäre verlässt und sich an einem Ort niederlässt, den ich nicht kenne. Ich weiß nicht, was dort mit ihm geschieht. Ich muss es aushalten, dass ich nicht länger die Kontrolle über alles habe. Dass ich nicht weiß, ob ihm das, was er tut, guttut. Das auszuhalten ist nicht leicht. Sein Abschied ist auch mein Abschied.

Leserkommentare
  1. Schnell wachsen macht Stress . . komisch, haben viele Erwachsene vielleicht nicht ganz mitgekriegt wie es läuft, wenn Kinder irgendwann anfangen und selbst ihr Ding weiter machen wollen?

    Erwachen, ähm, ach so, wir machen uns gegenseitig Mut, falls es ernst wird, mit dem, was schon alles so gelaufen ist, von unserer Seite, während die süßen Kleinen noch schliefen.

    Es gibt ein Problem? Ja, es werden so viele vererbt! Hilfe, Kinder, Jugendliche, aufwachen, wir brauchen Euch, jetzt . . oder besser bald . .

    • Ende
    • 23. Juli 2011 22:41 Uhr

    "Die Flegeljahre"
    ich kann da nicht mit reden ...
    Ich war nie in einer "Pubertät" - ich hatte keine Zeit dazu.
    Ich gehöre zu jener Generation die schon mit 13/14 Jahren
    arbeitete. Den Generationen vor mir ging es nicht viel anders.
    Manche wurden in dem Alter schon in den Krieg gezogen, wurden
    verschleppt u.ä.
    Sehe ich mir jedoch Andere heute 50-60-70jährige an ...
    dann befürchte ich: Wer einmal damit anfing "Scheisse" zu "bauen" - frech zu werden, Sachbeschädigungen zu begehen ...
    ggf. Körperverletzung ...
    der hört nicht mehr damit auf.

  2. Hier wird leider kein differenzierter Blick auf pubertierende Kinder geworfen, sondern ein schrecklich generalisierender, aus der bildungsbürgerlichen ZEIT-Perspektive. Alles ist so schrecklich klischeehaft: "Smells Like Teen Spirit" hören, bei facebook rumdaddeln und Geige-spielende Mädchen, die Sophie heißen müssen. Immer ist die Rede von "sie" - was "sie" tun und denken und wie "sie" sind. Bei einigen Jungen und Mädchen mag das ja so oder so ähnlich aussehen. Aber definiert nicht jeder individuell, wann die "spannendste Zeit" im Leben ist? Pubertät kennzeichnet doch den Beginn einer Individualisierung. Dieser Artikel, der eine ganze Alterskohorte in einen Topf wirft, ist kein guter Journalismus. Auch weil die Autorin keine Notwendigkeit sieht, zu argumentieren (leider ein häufig zu beobachtendes Zeitungs-Phänomen). Die Abweichung von der Norm sei Normalität in der heutigen Zeit. Ist das so? Was ist damit überhaupt gemeint?
    Der Text vereinfacht und liefert nichts Neues. Vielleicht hätte man Jugendliche den Artikel schreiben lassen sollen.

    • Wolfs
    • 29. Juli 2011 12:58 Uhr

    Der 'erfrischende' Artikel hält uns einen Spiegel vor. Wer und wie bin ich? Was ist aus mir und meiner Pubertät geworden? Was mich nicht umgebracht hat, bringt auch meine Kinder nicht um? Natürlich kann ich alles zerreden, schwer und kompliziert machen. Typisch deutsch? Das Thema ist gewiss gut für eine theoretische und wissenschaftliche Auseinandersetzung. Jedoch danke ich hier für die herrlich 'leichten' Worte. Sie halten mir vor Augen, nicht alles allzu Schwer und Ernst zu nehmen. Ja, 'verrücken' wir die Norm!

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