Westjordanland"Wir wollen uns nicht mehr sorgen"

Abgeschottet, aber glücklich: Comedians und Gastronomen machen aus Ramallah eine neue Metropole. von 

EIne Straßenszene in Ramallah

EIne Straßenszene in Ramallah  |  © xdfrog/Flickr

Das Symbol der Veränderung ist unscheinbar. Der H-906 schimmert braunmetallic mit einer grünen Anzeige auf Augenhöhe. »Pay here« steht in weißen Großbuchstaben auf der Vorderseite, »idfa’ huna« heißt es, in arabischer Schrift, darüber. Der zweisprachige Automat der Serie Pay and Display eines chinesischen Herstellers bedient die Bedürfnisse moderner Städter, er lässt sich mit Münzen, Smartcards oder Mobiltelefonen bezahlen, und er ist der Stolz der Stadtverwaltung von Ramallah, das sich als erste palästinensische Stadt und einzige im arabischen Raum preist, über ein solch modernes Parkscheinsystem zu verfügen.

Neben den Parkscheinautomaten knien entlang der Hauptstraßen von Ramallah junge Burschen, die leuchtend grüne Ficusbäumchen in frisch gegrabene Löcher pflanzen. Seit einer Weile gibt es sogar Straßenschilder in Ramallah. Und die Schilder geben nicht nur den Straßen neue Namen, wie »George al-Saa«-Straße, sondern sie erklären auch gleich, wer George al-Saa war, dass er gegen das britische Mandat in Palästina aufbegehrte und von den Briten zum Tode verurteilt wurde. Zwar sprechen die meisten Bewohner immer noch »von »Share’ Dujjaj«, der Hühnerstraße, weil hier die Verkäufer neben den Käfigen mit ausgemergelten Hennen und flauschigen Hasen stehen, aber immerhin gibt es nun verbindliche Namen, an denen sich auch Zugezogene oder internationale Besucher orientieren können.

Anzeige

Vor kurzer Zeit hätten das nicht wenige für einen Scherz gehalten: Parkscheinautomaten und Straßenschilder im Westjordanland. Als hätten die Palästinenser keine anderen Sorgen, als hätten sie das Geld, um Parkzettel zu ziehen. Als gäbe es nicht wichtigere Fragen im Nahostkonflikt: die fortschreitenden Landnahmen durch jüdische Siedler, die andauernden Gewaltausbrüche von radikalislamistischen Gruppen in Gaza, die ideologischen Zerwürfnisse zwischen den palästinensischen Fraktionen Fatah und Hamas, die stagnierenden Verhandlungen mit Israel, die wortreiche Handlungsarmut der amerikanischen Administration unter Barack Obama.

Aber seit Salam Fajad, der promovierte Ökonom und frühere Weltbanker, 2007 das Amt des Premierministers übernommen hat, sind Parkscheinautomaten keine unwichtigen Details mehr. Sie stehen für die Bemühung der Regierung, in Ramallah ein Zeichen für den Wandel der politischen Kultur zu setzen. Fajad will demonstrieren, dass die Palästinenser bereit sind für einen eigenen Staat, dass sie eine Verwaltung aufbauen können, ein Rechtssystem und eben eine politische Kultur.

»Wir wollen Sicherheit und Stabilität herstellen«, sagt Dschamal Sakout, Berater des Premierministers, »damit Geschäftsleute das Vertrauen haben, hier zu investieren.« Sakout sitzt auf dem Sofa in seinem klassisch-modernen Büro, das keines der üblichen Arafat-Bilder mehr ziert, keines der sonst allgegenwärtigen Al-Aksa-Moschee-Plastikmodelle thront hier auf dem Schreibtisch, stattdessen lehnt ein großer Abzug von Picassos Guernica an der Wand. In fließendem Englisch listet Sakout all die erfolgreichen Projekte auf, die Straßen und Schulen, die Krankenhäuser und Müllanlagen, die in den vergangenen drei Jahren entstanden seien, aber das sei nicht alles. »Das Wichtigste ist, dass die Palästinenser selber sehen, was wir erreichen können, dass das Vertrauen in die eigene Gesellschaft und Politik zurückkehrt – das ist das politische Ziel all dieser Anstrengungen.«

Ramallah blüht. Die 30.000-Einwohner-Stadt entwickelt sich mehr und mehr zur Vorzeigemetropole eines Staats, den es noch nicht gibt. Noch immer gibt es Beduinen mit Ziegenherden und Kamelen, die auf den Grünflächen grasen, noch immer gibt es in der Altstadt die offenen Steinöfen, in denen das Fladenbrot gebacken wird, noch immer gibt es am zentralen Manara-Platz mit den Löwenstatuen die Schilder mit Fotos von Gefangenen in israelischen Gefängnissen. Aber all das wirkt beinahe wie sentimentale Folklore, Erinnerungen an eine vergangene Zeit. Ramallah ist eine moderne, quirlige Stadt geworden, in der vor allem die jungen Palästinenser, die von ihrem Studium im Ausland, aus London oder Boston oder Paris zurückgekehrt sind, ein internationales Flair und eine Leichtigkeit verbreiten, die bis vor Kurzem undenkbar schien.

Fast täglich entstehen neue Immobilienprojekte: teure Wohnanlagen, Villen mit aufwendig angelegten Parks und Gärten, schicke Restaurants mit Blick über die angrenzenden Hügel. In der Nähe von Ramallah wächst gerade eine neue Stadt mit 5000 Wohneinheiten. Internationale Künstler gastieren schon seit einigen Jahren hier, sie treten gerne im modernen Prachtbau des Ramallah Cultural Centre auf. Von japanischen Tanzfestivals bis zu Konzerten mit dem Beethoven-Zyklus gibt es hier alles. Aber neben der Welt internationaler Produktionen hat sich in Ramallah eine eigene lebendige Szene entwickelt, aus jungen Theatermachern, Musikern und Tänzern, sie kommen aus allen Teilen des Westjordanlands. »Das Theater in Palästina war furchtbar deprimierend früher«, sagt die junge Performerin Mana Awad, »du konntest nicht machen, was du wolltest.« Mana sitzt im ersten Stock des hippen Café Zamn und trinkt einen Caffè Latte, zwischendurch muss sie Autogramme geben oder posieren für Fotos mit den Gästen vom Nachbartisch. Die Stand-up-Comedian ist eine Kultfigur im Westjordanland. »Theater war immer abhängig von den Geldgebern. Kam das Geld aus Norwegen, spielten wir Ibsen. Kam es aus England, spielten wir Shakespeare.«

Leserkommentare
  1. Israel ist längst 1 Staat zwischen Mittelmeer und Jordan. Die Palästinensergebiete sind nur abhängig gehaltene Homelands - die alleine längst nicht mehr lebensfähig sind.

    Irgendwann wird Israel diese Sonderform der Apartheid nicht mehr moralisch durchhalten. Dann wird es auch nominell die 1-Staatenlösung geben.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wir haben schon immer Kunststaaten am Leben gehalten ,siehe Zypern,...,warum also nicht auch Palestina ? Der Ansatz der Jugend finde ich erfrischend und ermutigend,mal sehen was draus wird.Israel kann nur dominieren wenn es der Westen ,besonders die USA zu läßt.Ob wir ein mögliches Resultat dann 2 Staaten nennen oder nicht ist erst mal zweitrangig. Erst kommt mal Frieden,dann Wiederaufbau,dann politische Strukturen und DANN werden diese jungen Menschen schon eine Lösung erarbeiten,...,Hoffentlich!

  2. wir haben schon immer Kunststaaten am Leben gehalten ,siehe Zypern,...,warum also nicht auch Palestina ? Der Ansatz der Jugend finde ich erfrischend und ermutigend,mal sehen was draus wird.Israel kann nur dominieren wenn es der Westen ,besonders die USA zu läßt.Ob wir ein mögliches Resultat dann 2 Staaten nennen oder nicht ist erst mal zweitrangig. Erst kommt mal Frieden,dann Wiederaufbau,dann politische Strukturen und DANN werden diese jungen Menschen schon eine Lösung erarbeiten,...,Hoffentlich!

  3. ...das "boomende Ramallah" nicht aus irgendwelchen fadenscheinigen Gründen wieder weggebombt wird!?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Beiträgen. Danke. Die Redaktion/er

    • towo
    • 26. Juli 2011 9:51 Uhr

    Freilich hat die ältere Generation viel schlimmes erlebt und es sollte auch nicht ganz vergessen werden, aber um so erfreulicher ist es, dass die jungene Generation diesem Krieg den Rücken kehren will. Sie haben erkannt, dass die Hamas nicht besser zu ihnen sind als die Israeliten. In Tel Aviv (The Bubble) ist schon vor einiger Zeit ähnliches entstanden.

    Mit diesen Zeichen des Vorschritts und der Versöhnung wird sicher der internationale Druck auf Israel weiter wachsen, die Palästinenser als gleichberechtigt anzuerkennen. Und vielleicht irgendwann ist dann mal ein friedliches Neben- und Miteinander möglich.

  4. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Beiträgen. Danke. Die Redaktion/er

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Vielleicht haben Sie es noch nicht bemerkt ... aber die Zeiten wandeln sich gerade weltweit sehr stark und auch im Nahen Osten ist etwas Neues angesagt. Weder israelische Bomben oder Schlägertrupps der Hamas, noch fanatische Moslems oder durchgeknallte jüdische "Siedler" können dies auf Dauer verhindern. Auf die alten Feindbilder und deren Mechanismen haben zunehmend weniger Menschen Lust und das ist auch gut so!

    • colca
    • 26. Juli 2011 10:02 Uhr

    Die Unabhängigkeitserklärung eines freien Palästina in der Westbank und Gaza ist die letzte Chance für Israel, per Zwei-Staaten-Lösung seinen Charakter als jüdischer und halbwegs demokratischer Staat zu erhalten.
    Wenn die Netanjahu-Regierung dumm genug ist, diesen Prozess zu torpedieren - und wenn Obama schwach genug ist, sich diesbezüglich von AIPAC und Co. erpressen zu lassen, dann war es das auf lange Sicht mit dem Staat der Juden.
    Dann gibt es nur noch eine Ein-Staaten-Lösung. Diese aber mit allen langfristigen demographischen Konsequenzen. Entweder wird dann eine jüdische Minderheit gewaltsam über eine palästinensische Mehrheit herrschen - Modell Apartheid in Südafrika. Oder es gibt eine binationalen Staat, der allen seinen Bürgern unabhängig von Religion und ethnischer Herkunft die gleichen Rechte und Pflichten einräumt - Modell Normalität.
    Die Frage ist nur, was dann mit den vielen zionistischen und islamistischen Extremisten geschehen soll?

  5. Vielleicht haben Sie es noch nicht bemerkt ... aber die Zeiten wandeln sich gerade weltweit sehr stark und auch im Nahen Osten ist etwas Neues angesagt. Weder israelische Bomben oder Schlägertrupps der Hamas, noch fanatische Moslems oder durchgeknallte jüdische "Siedler" können dies auf Dauer verhindern. Auf die alten Feindbilder und deren Mechanismen haben zunehmend weniger Menschen Lust und das ist auch gut so!

    • Beebo
    • 26. Juli 2011 10:31 Uhr

    Westjordanland ist auf den Spenden anderer Länder angewiesen. Israel sorgt dafür, das sich dort nichts entwickeln kann. Wenn die Gelder eines Tages nicht mehr so mächtig fließen, sieht es da düster aus. Israel Profitiert auch von den Geldern. Dieses Geld sichert im Westjordanland frieden. Ohne Frieden könnte Israel dort keinen Siedlungen bauen. Eine Perverse Situation also, die von Israel ausgenutzt wird.

    Eigentlich sollte man den Westjordanland den Geldhahn schnell zudrehen. Dann wird es schnell unruhig dort, und Israel muss sich aus zurückziehen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • towo
    • 26. Juli 2011 11:14 Uhr

    Dass es irgendwie pervers ist, stimm ich Ihnen zu. Israel wird sich aber nicht zurückziehen, wenn es seine Siedler bedroht sieht. Ganz im Gegenteil. Schon ein Umdenken bei Hamas kann zur Öffnung führen, was ich leider bezweifle, die Führung ist zu alt und zu fundamental eingestellt.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Barack Obama | Salam Fajad | Westjordanland | Fatah | Palästinenser | Weltbank
Service