Projekt DesertecWüste Visionen

Hans Müller-Steinhagen träumt von Strom aus der Sahara. Er treibt das Projekt "Desertec" voran. von Ralf Geissler

Hans Müller-Steinhagen weiß noch genau, wie er 1969 den Mond erblickte: Livebilder von einem Raumschiff, das in der weit entfernten Wüste landete, flimmerten auf einem Schwarz-Weiß-Fernseher. Der damals 15-Jährige saß bei seiner Großmutter im Wohnzimmer und sah, wie der Astronaut Neil Armstrong in den Staub hüpfte und sprach: »Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer für die Menschheit.« Heute denkt Müller-Steinhagen oft an diesen Tag zurück.

»Unser Vorhaben ist mit der Mondmission vergleichbar«, sagt der Rektor der Technischen Universität Dresden. Wieder geht es um einen kühnen Plan, um Milliardenkosten und eine lebensfeindliche Gegend. Müller-Steinhagen arbeitet mit daran, im großen Stil Strom in der Sahara zu gewinnen: »Schon ein Prozent der Wüstenfläche könnte die ganze Welt mit Energie versorgen«, sagt er.

Anzeige

Für manche ist es Gigantismus, für ihn ist es Entwicklungshilfe

Steinhagen, heute 57 Jahre alt, ist auch Vorsitzender des Beirats der Desertec Industrie Initiative. Der Zusammenschluss aus europäischen Banken, Versicherungen, Technologie- und Energiekonzernen will in Nordafrika gigantische solarthermische Kraftwerke bauen. Das Prinzip: Parabolspiegel bündeln Sonnenstrahlen auf ein Rohr mit einer Flüssigkeit. Es entsteht Dampf, der Turbinen antreibt. Die Energie soll über Gleichstromleitungen nach Europa fließen. Geschätzte Investitionssumme bis zum Jahr 2050: etwa 500 Milliarden Euro. »Die Menschheit braucht Visionen«, sagt Mitinitiator Müller-Steinhagen. »Mit kleinen Schritten kommen Sie nicht weit.«

Die Wüstenstrom-Idee ist jahrzehntealt und hat viele Väter – wie den Hamburger Experimentalphysiker Gerhard Knies, der nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 erste Konzepte schrieb. Heute leitet der 74-Jährige den Aufsichtsrat der Desertec Foundation. Er sagt: »Hans Müller-Steinhagen hat der Sache zum Durchbruch verholfen.«

Als Ingenieur hat sich Müller-Steinhagen intensiv mit Wärmeübertragung und Solarenergie beschäftigt. Bevor er im August 2010 Rektor in Dresden wurde, hatte er zehn Jahre lang in Stuttgart das Institut für Technische Thermodynamik am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt geleitet. Die Berechnungen seiner damaligen Mitarbeiter, wie realistisch die Wüstenstrom-Idee ist, bildeten das Fundament für Gespräche mit Wirtschaftsvertretern. 2008 lud der Vorstandsvorsitzende der Münchner Rückversicherung Müller-Steinhagen zu einem Treffen ein. »Es war ein Schlüsselmoment«, erinnert sich der TU-Rektor. »Die Wirtschaft hatte Feuer gefangen.« Etwa ein Jahr später gründeten 13 Firmen die Desertec Industrie Initiative.

In zwei Jahren soll das erste Kraftwerk in Marokko gebaut werden, schon jetzt ruft die Industrie nach Subventionen. »Ohne staatliche Unterstützung wird der Anfang kaum gelingen«, sagt Müller-Steinhagen. Er sitzt in seinem Rektoratszimmer und spricht von den Chancen. Eine europäisch-afrikanische Energiepartnerschaft könne entstehen. Ökologisch, nachhaltig und sozial. Nur ein Drittel des Stroms aus den Wüstenkraftwerken soll nach Europa fließen, zwei Drittel sind für Afrika gedacht, um dort die Wirtschaft anzukurbeln. »Es ist auch ein entwicklungspolitisches Projekt«, sagt der Wissenschaftler.

Anfang Juli ist die TU Dresden als erste staatliche Hochschule Deutschlands dem Desertec-Universitätsnetzwerk beigetreten. Etwa 20 Einrichtungen aus Nordafrika, dem Nahen Osten und Europa forschen zu Solarthermie und Stromtransport. Afrikanische Nachwuchswissenschaftler werden in Europa auf den neusten Stand der Umwelttechnik gebracht. »Im Gegenzug können unsere Studenten ihre Diplom- oder Masterarbeiten zum Beispiel in Tunesien schreiben«, sagt Müller-Steinhagen. Auf die Forscher warte viel Arbeit. »Desertec übertrifft jedes Bauprojekt. Wir reden von Hunderten Kraftwerken, die miteinander vernetzt werden.«

Aber macht es überhaupt Sinn, Deutschland mit Strom aus Afrika zu versorgen? Ist das nicht Gigantismus? In Dresden-Weixdorf macht sich Klaus Gaber darüber Gedanken. Der 68-Jährige steigt über eine Aluminiumleiter auf das Dach einer Sporthalle, wo eine Solaranlage in der Sonne schimmert. Gaber hat sie mit projektiert. »Sie liefert jährlich 50 Prozent mehr Strom als die Halle selbst benötigt«, sagt er. Diese sei dank guter Dämmung und einer Wärmepumpe das energieeffizienteste öffentliche Gebäude in Sachsen.

Der studierte Elektrotechniker und Geschäftsführer einer Solargemeinschaft war von 1994 bis 2001 Umweltbürgermeister der Stadt Dresden. »Die Energieversorgung der Zukunft«, sagt er, »sollte dreierlei sein: erneuerbar, dezentral, bürgernah. Mir reicht es nicht, wenn man ein Kernkraftwerk durch ein Wüstenkraftwerk ersetzt.« Am Desertec-Projekt stört ihn, dass es wieder Großkonzerne wie E.on und RWE seien, die davon profitierten. »Ich befürchte, dass wir unser altes zentralistisches Denken nur auf neue Technologien übertragen«, sagt Gaber.

Er hingegen träumt von einer dezentralen Versorgung in den Händen vieler Bürger, die in Strom aus Sonne, Wind und Biomasse investieren – eng vernetzt. »Allein mit Solaranlagen auf deutschen Dächern ließen sich 25 Prozent des Bedarfs decken«, sagt Gaber. Und falls eines der Bürgerkraftwerke ausfiele, wären die Folgen wenig dramatisch – anders sähe es aus, wenn ein Despot in Nordafrika die Leitung nach Europa kappen würde.

Desertec-Kritiker wie den Dresdner gibt es viele – vor allem in der deutschen Ökostrom-Branche. Es geht ihnen auch ums Geld. Wenn der Staat Desertec fördert, wird wohl weniger für regionale Initiativen bleiben.

Könnte der Wüstenstrom die kleinen Unternehmer ganz verdrängen? Claudia Kemfert hält die Befürchtung für unbegründet. »Die dezentrale Versorgung mit Ökostrom wird unabhängig von Desertec wachsen«, schätzt die Energieexpertin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Beides stehe nicht in Konkurrenz zueinander. »Desertec ist ein langfristiges und ein gutes Projekt«, sagt sie. In erster Linie gehe es darum, die Versorgung in Afrika zu sichern. »Zudem wird eine grundsätzliche Möglichkeit geschaffen, Energie nach Europa zu transportieren.« Die Pläne der Initiatoren sehen vor, dass Desertec in 40 Jahren knapp ein Sechstel des gesamten europäischen Strombedarfs decken werde. Kemfert hält das für sehr optimistisch, aber machbar.

Timo Leukefeld, Solarstrom-Experte und Honorarprofessor an der Berufsakademie Sachsen, sieht in Desertec einen trägen Riesen. »Bis 2050 », sagt er, »können sich mehr Regionen selbst mit Energie versorgen.« Das Leipziger Muldenland, der Regionalverbund Westlausitz oder der Vogtlandkreis – alle streben danach, eine energieautarke Region zu werden. Trotzdem könne Desertec Europa nützen. »Unser Stromverbrauch wird steigen«, prognostiziert Leukefeld. Allein die wachsende Anzahl an Elektroautos dürfte Unsummen an Kilowattstunden verschlingen.

Leukefeld findet es gut, dass die TU Dresden mit Desertec kooperiert. »Die Solarthermie hat Potenzial, und die Hochschule kann von der Forschung im Verbund profitieren.« Früher hat der Freiberger Honorarprofessor das Wüstenstromprojekt kritischer gesehen. »Was ich an Sympathien dafür empfinde, kommt von Müller Steinhagen«, sagt er. Der Rektor hat in Fachkreisen im In- und Ausland unermüdlich für das Vorhaben geworben.

Tatsächlich wirkt Müller-Steinhagen selbst nach langen Arbeitstagen wieder hellwach, wenn er über Desertec spricht. »Die Wärmeenergie aus solarthermischen Anlagen lässt sich schon heute in Tanks mit Flüssigsalz speichern«, sagt er. So könnten die Wüstenkraftwerke auch bei Dunkelheit Strom produzieren. Desertec ermögliche eine Versorgung rund um die Uhr, wie sie bisher nur fossile Kraftwerke, Atomreaktoren oder Wasserkraftwerke gewährleisten können.

Erneuerbare Energien kann man in Dresden bald studieren

Häufig wird Müller-Steinhagen mit der Kritik am Projekt konfrontiert: Ob es nicht riskant sei, in der Wüste zu bauen, wo Sand die Anlagen zuwehe? »Mehr als 90 Prozent der Sahara bestehen aus Felsen«, antwortet er dann. Sein Beirat diskutierte zuletzt darüber, wie politisch stabil die Regionen sind, in denen investiert werden soll. Zu den Partnerländern gehört neben Marokko, Algerien, Jordanien und Tunesien auch Libyen. »Die Abhängigkeit von instabilen Regionen haben wir bei Gas und Öl schon jetzt«, sagt Müller-Steinhagen – und wirkt nicht mehr ganz so souverän. Im vorigen Jahr musste die Initiative klarstellen, dass die ersten Anlagen in Marokko nicht in der von dem Königreich okkupierten Westsahara gebaut werden.

Im Herbst wird Müller-Steinhagen an der TU den Studiengang Erneuerbare Energien einführen – mit der gesamten Breite des Fachs: Biomasse, Windkraft, Geothermie. Dass die Sahara in absehbarer Zeit die Stromversorgung für große Teile der Menschheit übernehmen werde, glaubt aber auch er nicht: »Es wird in jeder Region einen individuellen Energiemix geben«, sagt er. Trotzdem fasziniert ihn das Projekt. An der Dresdner Kinderuniversität sprach er im April über »Sonnenstrom aus der Wüste«. Etwa 1.000 Knirpse sahen ihn im Audimax mit staunenden Augen an. »Vielleicht«, sagte Müller-Steinhagen zum Abschied, »werden einige von euch die Vision mit umsetzen.«

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Strom aus der Wueste lohnt nicht wirklich.
    Was wenige wissen, und viele einfach nicht wissen wollen: Um Strom direkt aus der Sonnenkraft zu machen, gibt es verschiedene Verfahren. Sie haben einige Vorteile gegenueber der Stromerzuegung aus fosilen Energfien, aber auch einige gravierende Nachteile. Zum Beispiel Strom aus "Konzentrierter Sonnenkraft" mit solarthermischen Parabolrinnenkraftwerken,(concentrated solar power, CSP) wie in dem Foto dargestellt, das diesen Artikel illustriert.
    Erstens benoetigt mal hier viel Kuehlwasser, um den Turbinenkreislauf zu kuehlen. Zweitens, wenn man hier auch nachts Strom erzeugen will, benoetigt man ein Speichermedioum fuer die solare Waerme. Als Speichermedium werden heute meist spezielle Salze (molten salt) verwendet. Diese durefen allerding nicht unter eine gegebene Mindesttemperatur abkuehlen. Um das zu erreichen, "darf" man, z.B in Spanien, "per Gesetz" bis zu 15% der erzeugten Strom-Energiemenge mit fossilen Brennstoffen nachts nachheizen, um diese Temperatur zu erhalten. Wobei der gesamt-Wirkungsgrad neuester CSP-Anlage 15% betraegt. Bis zum Ort der Einspeisung in`s Netz...Mehr hier: http://www.hydrogenambass...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Claudia Kemfert | Desertec | Energie | Kraftwerk | Marokko | Nordafrika
Service