Deutsche Geschichte Klub der roten Lichter

Zu DDR-Zeiten wurden in exklusiven Zirkeln Privilegien zelebriert. Die Dresdner Intelligenz traf sich im Lingnerschloss am Elbhang.

Manfred von Ardenne 1933

Manfred von Ardenne 1933

Der durch das Mundwasser Odol binnen weniger Jahre reich gewordene Karl August Lingner (1861 bis 1916) vermachte seine herrschaftliche Villa an der Elbe, die im Volksmund nur Lingnerschloss heißt, der Stadt Dresden. Diese sollte das Haus der gesamten Bevölkerung zugänglich machen. Denn der Industrielle wünschte »kein Etablissement nur für reiche Leute«.

Von 1957 bis zum Ende der DDR kam es dann aber zu einer ganz anderen Nutzung des Anwesens am Loschwitzer Elbhang, es entstand dort die Heimstätte einer einzigartigen Pflege sozialistischer Bürgerlichkeit – daran erinnert das laufende Lingner-Jubiläumsjahr, unter anderem zum 150. Geburtstag des Unternehmers. Nachdem jüngst in der sogenannten Berliner Republik eine »neue Bürgerlichkeit« entdeckt worden ist und es auch in Deutschland wieder als legitim gilt, Reichtum zu zeigen und von Eliten zu sprechen, lohnt sich ein Rückblick auf die Elitenpflege im Arbeiter- und Bauernstaat. Er offenbart, wie das staatssozialistische Projekt der Schaffung einer neuen Gesellschaft von Paradoxien geprägt war – indem man Gleichheit durch Hierarchisierung so erzeugen wollte wie die endgültige Befreiung der Menschheit durch Zwang. Zugleich wird sichtbar, dass das Bedürfnis nach Distinktion eben in jeder Gesellschaftsform zu beobachten ist.

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Innerhalb des von dem Dichter und späteren Kulturminister Johannes R. Becher geleiteten Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands wurden seit 1953 in den Bezirksstädten der DDR Klubs der Intelligenz geschaffen, so auch in Dresden. Zwei Jahre später setzte Manfred von Ardenne allerdings die Gründung eines zweiten, noch exklusiveren Zirkels durch, indem er die Einrichtung eines Dresdner Klubs im einstigen Wohnsitz Lingners vorschlug – dabei konnte er sich vor allem auf SED-Generalsekretär Walter Ulbricht berufen.

Karl-Siegbert Rehberg

Inhaber des Lehrstuhls für Soziologische Theorie, Theoriegeschichte und Kultursoziologie an der TU Dresden, ist Herausgeber der Arnold-Gehlen-Gesamtausgabe und Leiter eines kunstsoziologischen Projektes. Er hat über die Künste in der DDR und die Transformationsprozesse seit 1990 geforscht und veröffentlicht.

Das Erfindergenie von Ardenne, der an seinem Lebensende, ohne je studiert zu haben, stolze 600 Patente besaß, war nach dem Krieg für eine Mitarbeit am Atomwaffenprogramm der Sowjetunion zwangsverpflichtet worden (vielleicht, weil er einige Kompetenzen dafür schon während Hitlers verzweifelter Suche nach einer »Wunderwaffe« erworben hatte). 1955 durfte er mit Walter Ulbrichts Unterstützung ein großes Forschungsinstitut in Dresden aufbauen. Ulbricht hatte den Wissenschaftler gleich am Tage nach dessen Ankunft in der ihm zur Verfügung gestellten Villa auf dem Weißen Hirsch aufgesucht und ihm Staatsaufträge »für wirklich großzügige Forschungen« mitgebracht. Zusätzlich übergab ihm der damalige Dresdner Oberbürgermeister Walter Weidauer als Geschenk Ulbrichts eine nagelneue Limousine aus den sowjetischen Stalinwerken.

Derart hofiert, konnte Ardenne es sich leisten, für seine Klubgründung verschiedene »Attraktionen« zu fordern – und er machte dabei seinem Spitznamen roter Baron alle Ehre. Detailliert listete Ardenne auf, was nach seinem Empfinden unverzichtbar erschien: Speisesaal, Teezimmer, Unterhaltungsraum mit Sesselgruppen, Kaminzimmer mit großen Sofas, Tanzraum mit kleiner Bar, Bibliothekszimmer »mit Zeitschriften, auch ausländischen«. Außerdem getrennte Räume zum Musizieren, Fernsehen und Billardspielen, Wintergarten, Milchbar und Eisdiele, Türmchen »evtl. mit kleinem astronomischem Fernrohr«, Vortragssaal mit Experimentierbühne, Sauna und auch ein Spielzimmer für kleinere Kinder. Vergleicht man die damalige SED-Klubkultur mit heutigen, vor allem aus England und den USA übernommenen Modellen exklusiver Geselligkeit, so mag erstaunen, dass es in der Gleichheitsgesellschaft der DDR etwas sehr Ähnliches gab, selbst wenn damals in Dresden auch nicht alle Träume in Erfüllung gingen – der große Parkplatz sehr wohl, nicht hingegen der eigene Tennisplatz, nicht das »Schwimmbassin« (weder auf dem Dach, noch mit Liegewiese), nicht der erbetene »Stall für zwei Reitpferde« oder die »Esel für die Kinder«, die dann später zu Kinderfesten immerhin gemietet wurden.

Leser-Kommentare
  1. scheint man keine Mitglieder diese "Intellektuellen"-Clubs oder deren Geistesleistungen zu kennen. Waren es am Ende doch nur irgendwelche SED-verquickten Mitläufer und der Beweis der Intellektualität war die Anpassung ans System incl. entsprechender Bekenntnisse?

  2. Für mich ist diese Exklusivitätssehnsucht in Dresden (und auch Leipzig) eine Erklärung dafür, warum diese Stadt sich noch über jede deutsche Gesellschaftskrise retten wird. Hier kommt ja nicht nur zum Ausdruck, dass sich das Bürgertum und nicht die "Eliten", das ist für mich fundamental verschieden!, einen Zusammenkunftsort ohne Berührungsängste wünscht und die Kraft hat diese Räume auch zu bilden.

    Zu DDR-Zeiten waren die "Eliten" ja parteigebunden und armeegebunden, aber in diesen Klubs trafen sich Funktionsträger der Wissenschaften und Künste, also Milieus, denen im "Arbeiter- und Bauernstaat" das "Bildungsprivileg gebrochen" werden sollte.

    Aber anders als in Berlin & Brandenburg definierten sich keine Milieus über einen Superiorismus, weder die Eliten, noch die Intellligenz, sondern durch ein In-Ruhe-Gelassen und Ungestört-Sein-Wollen. Dies ist für mich der Grund, warum Sachsen und Preußen sich nie verständigen konnten und nach wie vor nicht können. In Sachsen herrschte und herrscht immer noch ein offenerer Umgang zwischen "Eliten", Leistungsträgern und anderen bürgerschaftlichen Milieus. Man kommuniziert nicht über die Presse, sondern durch mehr oder weniger offene soziale Netzwerke, Zirkel, lose oder enge Vereine und "Kränzchen". Was für ein schönes Wort - typisch sächsisch!

    Man kann nur hoffen, dass sich dieses informelle System noch lange erhalten wird und die Medienöffentlichkeit nicht schnell Fuß fassen wird in Sachsen!

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    dieser Zusammenkünfte Gleichgesinnter ist zuvorderst ein gemeinsames Interesse an einer bestimmten Sache oder einem Thema, oft von kultureller Natur, und das ist authentisch, ehrlich gemeint und steht im Vordergrund (Letztlich bildet dies Basis und Milieu vor allem für kulturelle Spitzenleistungen, z.B. Wiederaufbau Frauenkirche).

    Die in anderen (im Zweifel westlicheren?) Städten üblichere Selbstvermarktung, Statusgehabe und Abgrenzung einer (vermeintlich) elitären Schicht von der in der gesellschaftlichen Rangfolge Nächstfolgenden - wie z.B. im Hamburger Überseeklub - tritt in den Hintergrund. Typisch sächsisch ist daran trotz der Pflege "elitärer Themen" die unprätentiöse Bodenständigkeit, Offenheit und eben das wirkliche, echte Sein, also eben weniger der äußere Anschein.

    Wo bitte schön findet die heutzutage noch statt?
    In den "Mainstreammedien" sicher längst nicht mehr.

    und @ Nr. 3 Ein Wiederaufbau ist keine kulturelle Spitzenleistung, sondern bestenfalls die Nachahmung von bereits Geschaffenem. Würden Sie irgendeine sonstige 1:1 Kopie als kulturelle Spitzenleistung bezeichnen?
    Handwerklich sicher zu feiern, meinetwegen auch finanztechnisch und städtebaulich, aber eine kulturelle Spitzenleistung war bestenfalls das Original.

    dieser Zusammenkünfte Gleichgesinnter ist zuvorderst ein gemeinsames Interesse an einer bestimmten Sache oder einem Thema, oft von kultureller Natur, und das ist authentisch, ehrlich gemeint und steht im Vordergrund (Letztlich bildet dies Basis und Milieu vor allem für kulturelle Spitzenleistungen, z.B. Wiederaufbau Frauenkirche).

    Die in anderen (im Zweifel westlicheren?) Städten üblichere Selbstvermarktung, Statusgehabe und Abgrenzung einer (vermeintlich) elitären Schicht von der in der gesellschaftlichen Rangfolge Nächstfolgenden - wie z.B. im Hamburger Überseeklub - tritt in den Hintergrund. Typisch sächsisch ist daran trotz der Pflege "elitärer Themen" die unprätentiöse Bodenständigkeit, Offenheit und eben das wirkliche, echte Sein, also eben weniger der äußere Anschein.

    Wo bitte schön findet die heutzutage noch statt?
    In den "Mainstreammedien" sicher längst nicht mehr.

    und @ Nr. 3 Ein Wiederaufbau ist keine kulturelle Spitzenleistung, sondern bestenfalls die Nachahmung von bereits Geschaffenem. Würden Sie irgendeine sonstige 1:1 Kopie als kulturelle Spitzenleistung bezeichnen?
    Handwerklich sicher zu feiern, meinetwegen auch finanztechnisch und städtebaulich, aber eine kulturelle Spitzenleistung war bestenfalls das Original.

  3. dieser Zusammenkünfte Gleichgesinnter ist zuvorderst ein gemeinsames Interesse an einer bestimmten Sache oder einem Thema, oft von kultureller Natur, und das ist authentisch, ehrlich gemeint und steht im Vordergrund (Letztlich bildet dies Basis und Milieu vor allem für kulturelle Spitzenleistungen, z.B. Wiederaufbau Frauenkirche).

    Die in anderen (im Zweifel westlicheren?) Städten üblichere Selbstvermarktung, Statusgehabe und Abgrenzung einer (vermeintlich) elitären Schicht von der in der gesellschaftlichen Rangfolge Nächstfolgenden - wie z.B. im Hamburger Überseeklub - tritt in den Hintergrund. Typisch sächsisch ist daran trotz der Pflege "elitärer Themen" die unprätentiöse Bodenständigkeit, Offenheit und eben das wirkliche, echte Sein, also eben weniger der äußere Anschein.

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  4. Wo bitte schön findet die heutzutage noch statt?
    In den "Mainstreammedien" sicher längst nicht mehr.

    und @ Nr. 3 Ein Wiederaufbau ist keine kulturelle Spitzenleistung, sondern bestenfalls die Nachahmung von bereits Geschaffenem. Würden Sie irgendeine sonstige 1:1 Kopie als kulturelle Spitzenleistung bezeichnen?
    Handwerklich sicher zu feiern, meinetwegen auch finanztechnisch und städtebaulich, aber eine kulturelle Spitzenleistung war bestenfalls das Original.

    Antwort auf "Sächsische Eigenarten"
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    Da ist sie wieder, die Verachtung für Intellektualität. In der DDR ist sicherlich vieles falsch gelaufen. Auch in Bezug auf die Förderung wahrer Leistung.

    Aber wogegen haben die Ossis den Staatssozialismus eingetauscht? Gegen eine Gesellschaft, in der die Dicke des Scheckbuches über den Zugang zu Kultur und gesellschaftlicher Teilhabe entscheidet vielleicht? Die Ossis, die heute diesem Vulgärkapitalismus huldigen, verachte ich bald noch mehr als so verblendete, stumpfsinnige, rote Ideologen.

    Mir ging es in meinem Kommentar darum, dass eine Gesellschaft solche öffentlichen Räume benötigt für informelle Debatten und als Orte des sich-Begegnens und sich-Zuhörens. Das ist die größte Schwäche der westdeutschen Gesellschaftsform: man hört sich einander nicht zu, man trifft sich nicht, man entwickelt keinen Konsens, aber hat immer Recht! Diese Gesellschaft ist eine Gesellschaft der sozialen Separation. Reiche gehen golfen und in den nächsten Yacht-Club, Arme versammeln sich im örtlichen "Stadtteilhaus" zum nächsten "sozialen Projekt". Man kommuniziert über Pressemitteilungen, "öffentliche Aktionen" und den frisierten TV-Talk.

    Dieses System war in Dresden nie so verankert. Und wird es hoffentlich auch nie werden, obwohl erste Anzeichen erkennbar sind!

    Da ist sie wieder, die Verachtung für Intellektualität. In der DDR ist sicherlich vieles falsch gelaufen. Auch in Bezug auf die Förderung wahrer Leistung.

    Aber wogegen haben die Ossis den Staatssozialismus eingetauscht? Gegen eine Gesellschaft, in der die Dicke des Scheckbuches über den Zugang zu Kultur und gesellschaftlicher Teilhabe entscheidet vielleicht? Die Ossis, die heute diesem Vulgärkapitalismus huldigen, verachte ich bald noch mehr als so verblendete, stumpfsinnige, rote Ideologen.

    Mir ging es in meinem Kommentar darum, dass eine Gesellschaft solche öffentlichen Räume benötigt für informelle Debatten und als Orte des sich-Begegnens und sich-Zuhörens. Das ist die größte Schwäche der westdeutschen Gesellschaftsform: man hört sich einander nicht zu, man trifft sich nicht, man entwickelt keinen Konsens, aber hat immer Recht! Diese Gesellschaft ist eine Gesellschaft der sozialen Separation. Reiche gehen golfen und in den nächsten Yacht-Club, Arme versammeln sich im örtlichen "Stadtteilhaus" zum nächsten "sozialen Projekt". Man kommuniziert über Pressemitteilungen, "öffentliche Aktionen" und den frisierten TV-Talk.

    Dieses System war in Dresden nie so verankert. Und wird es hoffentlich auch nie werden, obwohl erste Anzeichen erkennbar sind!

  5. Da ist sie wieder, die Verachtung für Intellektualität. In der DDR ist sicherlich vieles falsch gelaufen. Auch in Bezug auf die Förderung wahrer Leistung.

    Aber wogegen haben die Ossis den Staatssozialismus eingetauscht? Gegen eine Gesellschaft, in der die Dicke des Scheckbuches über den Zugang zu Kultur und gesellschaftlicher Teilhabe entscheidet vielleicht? Die Ossis, die heute diesem Vulgärkapitalismus huldigen, verachte ich bald noch mehr als so verblendete, stumpfsinnige, rote Ideologen.

    Mir ging es in meinem Kommentar darum, dass eine Gesellschaft solche öffentlichen Räume benötigt für informelle Debatten und als Orte des sich-Begegnens und sich-Zuhörens. Das ist die größte Schwäche der westdeutschen Gesellschaftsform: man hört sich einander nicht zu, man trifft sich nicht, man entwickelt keinen Konsens, aber hat immer Recht! Diese Gesellschaft ist eine Gesellschaft der sozialen Separation. Reiche gehen golfen und in den nächsten Yacht-Club, Arme versammeln sich im örtlichen "Stadtteilhaus" zum nächsten "sozialen Projekt". Man kommuniziert über Pressemitteilungen, "öffentliche Aktionen" und den frisierten TV-Talk.

    Dieses System war in Dresden nie so verankert. Und wird es hoffentlich auch nie werden, obwohl erste Anzeichen erkennbar sind!

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