Türkische Sprichwörter sind beliebt. Und einige helfen sogar in Deutschland. Sana taş atana, sen ekmek at zum Beispiel, was so viel heißt wie: »Wenn dich jemand mit Steinen bewirft, wirf Brot zurück.« Wahlweise gibt es den Spruch auch mit Rosen.

Nun war Thilo Sarrazin also bei den Türken und Arabern in Berlin-Kreuzberg. Geplant war eine »lockere Begegnung«, sagen die Macher der ZDF-Kultursendung Aspekte, die den Ex-Bundesbankvorstand und Integrationskritiker mit der Kamera begleiteten. Die Stationen dieses Kiezspazierganges waren der »Türkenmarkt« am Maybachufer (was wohl dem besonderen Interesse des Bestsellerautors an Obst- und Gemüsehändlern Rechnung tragen sollte), ein türkisches Restaurant, wo sich Sarrazin bei einem Mittagessen mit dem erfolgreichen Besitzer unterhalten wollte, und ein Besuch bei der Alevitischen Gemeinde.

Wie locker das alles tatsächlich wurde, kann man in einem vorab veröffentlichten Video auf YouTube sehen. Wo Sarrazin auch hinkam, schlossen sich die Türen. Es fanden sich überall ein oder zwei meist türkischstämmige Kreuzberger, die deutlich machten, dass er sich doch bitte aus »ihrem« Kreuzberg entfernen solle. Für wen sie sprachen, wurde nicht klar. Sie führten sich aber auf, als seien sie die Rächer der entehrten türkischstämmigen Kreuzberger. Oder gleich aller Deutschtürken. Bei der Alevitischen Gemeinde fand sich sogar eine kleine Gruppe, die Sarrazin im Chor »Hau ab!« entgegenrief.

Es gab also kein Brot für den Mann, durch den sich viele Einwanderer auf ihren genetischen Code reduziert sahen . Und auch keine Rosen. Dabei wäre es die beste Gelegenheit gewesen, sich mit Thilo Sarrazin und seinen Thesen, die sich mehr als eine Million Mal verkauft haben, auseinanderzusetzen. Auf dem Türkenmarkt: ihn mit einem Kilo Tomaten zu beschenken und ihm dabei zu erzählen, wie hart es ist, jeden Tag um drei Uhr morgens aufzustehen und Gemüsekisten zu schleppen. Im Restaurant: dem Ex-Finanzsenator von Berlin den besten Döner zu servieren, ihn exquisit zu bedienen, natürlich nicht abzukassieren und über Vor- und Nachteile der Risikobereitschaft von migrantischen Unternehmern für die deutsche Volkswirtschaft zu debattieren. Bei den Aleviten: gemeinsam über die Bedeutung des Humanismus in den unterschiedlichen Glaubensrichtungen nachzudenken. Und bei der Gelegenheit den Beweis anzutreten, dass die Tendenz, beleidigt zu sein, vielleicht eine Frage der Mentalität, nicht aber des Glaubens ist.

Es wäre die Gelegenheit gewesen, zu reden und gehört zu werden. Reden und notfalls streiten ist immer besser, als die Tür zuzuschlagen.

Stattdessen großes Bohei. Wegen der Überreaktion einiger Hitzköpfe herrscht nun wieder das Bild des aufgeregten Migranten vor. Interessant dabei ist, dass am lautesten ein paar alternativ angehauchte Migranten-Yuppies aufschrien und den Restaurantbesitzer unter Druck setzten. Eine besonders empörte junge Frau (mit deutschem Pass und Uni-Abschluss) fand es »ganz schlimm«, dass Sarrazin dahin komme, wo auch sie jeden Tag esse. Als gebürtige Kreuzbergerin wolle sie bitte nicht in dem Raum sitzen, den Sarrazin mit seinen »blöden« Thesen verpestet habe.