Der sich selbst porträtierende Schopfmakake

Eine Welle der Selbstermächtigung bestimmt derzeit das Verhältnis von Technik und Tierwelt. Gerade erst klaute sich eine Möwe aus Cannes einen herumliegenden Camcorder, drehte damit einige Runden über den Dächern der nächtlichen Stadtkulisse und wurde mit ihrem Clip zum YouTube-Star . Jetzt griff im indonesischen Sulawesi ein Affe zur Digitalkamera des britischen Fotografen David Slater, als dieser gerade mit dem Aufbau seiner Stative beschäftigt war, und machte einige Hundert Schnappschüsse von sich selbst .

Im Gegensatz zur filmenden Möwe steht der Fall des knipsenden Schopfmakaks nicht unter dem Verdacht, eine geplante Aktion viralen Marketings zu sein. Zu authentisch sind die Selbstbildnisse, die der fröhliche Primat in seinem Wald erstellte: Die meisten von ihnen sind verschwommen. Auf den wenigen gelungenen grinst der Affe allerdings derartig professionell und gestochen scharf in die Kamera, dass er sofort zur Ikone der Sozialen Netzwerke wurde. Als Profilbild schmückt er unzählige Facebook-Konten.

Das Tier hat damit sein eigenes Werk geschaffen. Und bringt so die Frage, die die Kunst und ihre Kritiker seit Urzeiten beschäftigt wieder auf: Affe oder Künstler?

Ginge man von Letzterem aus, könnte die Serie der unscharfen Bilder beispielsweise als eine Anlehnung an Gerhard Richters Wischtechnik verstanden werden. Oder imitiert der Schopfaffe mit seiner Fotokunst doch nur die Obsession der Menschheit mit dem Fotohandy?

Als Alter Ego trieb die Figur des Primaten Künstler wie Jörg ImmendorffDer Affe und ich – seit jeher um. Symbolhaft steht er für den genialen Dilettanten, der die Schlichtheit zeitgenössischer Kunst entlarvt, als Spiegel der Menschheit, als ewige Nachahmung und als Urahn der göttlichen Schöpfung. Mit dieser Serie einzigartiger Selbstporträts ist die kunsthistorische Evolution von Mensch und Affe nun einen entscheidenden Schritt weitergegangen. Willkommen im digitalen Zeitalter!