Als im Jahr 1897 fünfzehn Männer zum Boston-Marathon antraten, waren sie die ersten Extremsportler des Industriezeitalters. Seit der Einführung des Laufschuhs 1970 ist ihre Zahl extrem gewachsen. Schon 1987 stellte Jean Baudrillard nach Betrachten des New-York-Marathons entsetzt fest: »Es waren 17.000. So viele waren damals bei der Schlacht um Marathon nicht mal im Feld.«

Extremer als der Marathon , wenn diese Steigerung erlaubt sei, ist der Triathlon ; hier haben sich die Starterzahlen in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Über die »Ironman« genannte Distanz von 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen wollen sich am kommenden Wochenende in Frankfurt 2.850 Sportler schinden. Nach wenigen Stunden waren die Startplätze zu je 425 Euro ausverkauft. Die Schnellsten in Frankfurt qualifizieren sich für den Ironman auf Hawaii, für den man vielleicht am besten auf dem Rad in der Sauna trainiert. Hawaii wiederum ist nichts gegen den Badwater-Ultramarathon – 217 Kilometer durch das Death Valley – oder den Quadruple-Ultratriathlon über die vierfache Ironman-Distanz. Wie extrem oder normal ist es, wenn 34.000 Läufer, unter ihnen 150 Männer über siebzig, den Berlin-Marathon beenden können?

Ans Äußerste gehen. Aber was ist das Äußerste?

Weil die Masse stetig aufschließt, muss die Avantgarde die Grenze zum Extrem immer weiter verschieben. Dem lateinischen Ursprung des Wortes gemäß: ans Äußerste gehen. Aber was ist das Äußerste? Und wie fühlt es sich dort an?

»Spätestens bei Kilometer 30 hörst du auf zu schwitzen. Du frierst, und neben dir kollabieren die ersten Idioten, die sich nicht vernünftig einschätzen konnten. Du kotzt und fluchst, dass du dir diesen Scheiß angetan hast«, sagt ein Hamburger Marathonläufer, der gern anonym bleiben möchte. Trotz der Schmerzen lief er ins Ziel. Warum quält er sich ohne jede Not?

Eine literarische Antwort hat der niederländische Autor und Radrennfahrer Tim Krabbé gegeben. Weil er ein Rennen in Südfrankreich unbedingt gewinnen will, hetzt er mit einer Ausreißergruppe durch die Berge, am Straßenrand die Zuschauer gemütlich beim Picknick. Er kann nicht mehr, schaltet aber nicht runter: »Der Hebel meiner Gangschaltung fühlt sich wie eine Kruste auf einer Wunde an. Schalten ist eine Form der Schmerzbekämpfung, also gleichbedeutend mit Aufgeben. Denn wenn ich meine Schmerzen bekämpfen will, weshalb sollte ich mir dafür dann nicht die effizienteste Art und Weise aussuchen? Radsport bedeutet doch gerade, Schmerzen hervorzurufen.« Anscheinend wollten Ausdauersportler Schmerzen leiden und sich daran laben – auch wenn sie das auf Anfrage abstreiten.

Das liegt am Rausch. Läuft, schwimmt oder radelt man trotz der Erschöpfung immer weiter, zieht ein Neurotransmittergewitter durch den Kopf, das nicht nur fröhlich stimmt, sondern auch reinigende Wirkung hat: Die Qual wird überschrieben, und das Gedächtnis, ohnehin kein zuverlässiger Partner des Selbst, prägt sich die Euphorie ein.

Das könnten die Sportler freilich auch allein im Wald oder im Hallenbad haben. Jedoch zieht es sie zu Zehntausenden in die Städte zu den Wettkämpfen. Für das Publikum ist das praktisch; es ist ja schon da. Mutmaßlich haben die meisten Zuschauer dieser Veranstaltungen mit Sport so viel zu tun wie die Besucher einer Langen Museumsnacht mit Kunst. Ihnen geht es ums Spektakel. Den Sportextremisten um den Ruhm. Auf keinem anderen Feld können sie so schnell zu Helden werden. Sie dürfen bloß nicht stehen bleiben.