Sahra Wagenknecht © Steffen Kugler/Getty Images

DIE ZEIT: Frau Wagenknecht, Sie haben mal gesagt: »So, wie ich lebe, wollte ich nie leben.« Warum tun Sie es dann?

Sahra Wagenknecht: Das bezog sich auf das typische Leben eines Berufspolitikers. So möchte ich immer noch nicht leben. Schon im Europaparlament war es schwierig. Nachdem ich dann 2009 in den Bundestag gewählt wurde, habe ich das erste halbe Jahr so gelebt wie vermutlich die meisten Politiker: Ich ging früh aus dem Haus, kam spätabends zurück, hetzte von einem Termin zum nächsten. Ich hatte zu nichts mehr Zeit. Es ging nur darum, irgendwo dabei zu sein, und überhaupt nicht mehr darum, eigene Gedanken zu fassen. Ich habe dann die Notbremse gezogen und meine Termine deutlich reduziert. Nur so habe ich es geschafft, trotz Mandat ein neues Buch zu schreiben. Seither kämpfe ich um meine Freiräume. Ich glaube nicht, dass ich meinen Lebensentwurf verraten habe.

DIE ZEIT: Wie sah Ihr Lebensentwurf aus?

Wagenknecht: Als junge Frau wollte ich studieren und dann wissenschaftlich arbeiten. Ich hatte zwar auch mal angefangen, Dramen und Gedichte zu schreiben. Aber das waren frühe literarische Versuche, und es war schon richtig, dass ich einen anderen Weg gegangen bin.

DIE ZEIT: Welche Thematik hatten diese Versuche – mehr Brecht oder mehr Goethe?

Wagenknecht: Ich war damals sehr beeinflusst von Peter Hacks, mit dem ich persönlich bekannt war. Ich hatte mich in Ästhetik und die Technik des Dramas eingearbeitet und begonnen, ein historisches Drama in fünfhebigen Jamben zu schreiben. Es war eine interessante Erfahrung, mehr nicht.

DIE ZEIT: War Hacks ein Held für Sie?

Wagenknecht: Mit dem Heldenbegriff kann ich wenig anfangen. Vor einem Helden erstarrt man, man schaut nach oben und ist in tiefer Demut. Ich hege große Verehrung für Goethe, und ich halte auch Peter Hacks für einen großen Dichter, aber Helden habe ich in meinem Leben nicht unbedingt gehabt.

DIE ZEIT: In Ihrem Büro sollen Bilder von Goethe, Richelieu und Ulbricht hängen.

Wagenknecht: Ein Bild von Ulbricht hat früher mal, noch zu DDR-Zeiten, in meiner Wohnung gehangen, das war so ein gewisser Trotz. Man kann heute ja schon den Namen nicht in den Mund nehmen, weil jeder auf »näselnde Sprache« und »lächerlich« abhebt. Trotzdem war Ulbricht derjenige, der Ende der fünfziger Jahre relativ klar gesehen hat, dass die DDR radikale Reformen braucht. Er hat solche Reformen dann auch vorangebracht. Das hieß damals Neues Ökonomisches System und war in den Grundideen ziemlich vernünftig. Dafür ist er dann von Honecker gestürzt worden. Danach war Ulbricht in der DDR eine Unperson.

DIE ZEIT: Gibt es diese Bildergalerie noch?

Wagenknecht: Nein, als Studentin ist das etwas anderes. Da hing auch Napoleon bei mir an der Wand, und Marx und Hegel. Ich glaube, dass sich junge Leute oft Bilder von Menschen an die Wände hängen, die ihnen irgendwie wichtig sind.

DIE ZEIT: Familienministerin Kristina Schröder hatte sich ein Poster Helmut Kohls an die Wand gehängt.

Wagenknecht: In die Versuchung bin ich nie gekommen.

DIE ZEIT: Wer hängt heute bei Ihnen an der Wand?

Wagenknecht: Goethe.