Weltkulturerbe Bedrohtes Bamberg
Ein ganzes Quartier soll abgerissen werden
Auch Bambergs wunderbare Altstadt blieb vom Zerstörungsfuror der Nachkriegszeit nicht verschont, im jüdischen Quartier wurden in den 1970er Jahren gleich drei stattliche barocke Häuser und ein Rokokopalais abgerissen und durch eine Sparkasse ersetzt. Deren banaler Tristesse schämt sich unterdessen wohl auch der Eigentümer, die Sparkasse will das Gebäude entsorgt wissen – was eine gute Nachricht sein könnte. Es gibt auch einen abbruchwilligen Interessenten für die Immobilie – was zugleich die schlechte Nachricht ist. Die MultiDevelopment GmbH verspricht Investoren für ein Einkaufszentrum zu finden, das viel Raum braucht: 16800 Quadratmeter sind geplant, eine riesige unterirdische Ladenfläche plus drei überirdische Gebäude. Das geht über die Möglichkeiten des Sparkassengrundstücks und des angrenzenden Parkplatzes weit hinaus. Quer durch einen ganzen Häuserblock soll sich der Komplex daher schieben – und was sich ihm in den Weg stellt, droht weggeschoben zu werden: umfangreiche Reste der Bamberger Stadtmauer aus dem 13. sowie 15. Jahrhundert, mittelalterliche Keller, ein Ensemble mit Bauten des 16. bis 18. Jahrhunderts, ja sogar eine jüdische Mikwe und vermutlich noch Reste der spätmittelalterlichen Synagoge, deren Existenz Quellen belegen.
Gewiss, es stehen hier keine Prachtbauten, sondern eher unscheinbare, vom Verfall bedrohte Gebäude in der zweiten Reihe. Aber diese engen und dunklen Häuser sind ebenso aussagekräftige Zeugnisse für eine Lebensform wie das Bischofspalais neben dem Dom: Im Schatten der Stadtmauer blühte das jüdische Leben Bambergs nach der ersten Vertreibung der Juden aus dem Zentrum, bis es in den 1930er Jahren erlosch. Und diese Gebäude sind nicht zuletzt auch Teil jenes geschichtlichen Weltkulturerbes, zu dem die Bamberger Altstadt 1993 ernannt worden war – als größter weitgehend erhaltener historischer Stadtkern Deutschlands.
Spätestens seitdem sollten die Bamberger wissen, welchen Schatz sie hüten. Stattdessen droht nun der traurige Schluss eines mehrteiligen Dramas: Der erste Akt war in den 1970er Jahren der Abriss der barocken Häuser. Rund zehn Jahre später folgte der zweite Akt, als das südliche Drittel des jüdischen Siedlungsgebietes einschließlich der Synagoge aus dem 17. Jahrhundert weichen musste für das Neubaugebiet Theatergassen (das heute allgemein als städteplanerischer Fehler gilt). Geht nun der Vorhang auf zum dritten Akt, bei dem die letzten jüdischen Hinterhäuser pikanterweise einem Shoppingcenter weichen? Er würde zugleich der finale Akt sein, denn weitere Zeugnisse der jüdischen Vergangenheit existieren nicht mehr.
Vielleicht aber gibt es noch Hoffnung: Die Stadt hat jetzt für das Planverfahren immerhin festgeschrieben, dass die Mikwe und die Reste der Stadtmauer dort, wo sie stehen, erhalten bleiben müssen. Allerdings wäre das jüdische Tauchbad als Fragment ohne baulichen Zusammenhang nur mehr ein dekoratives Versatzstück und nicht mehr ein sprechendes Zeugnis der Bamberger Geschichte, die ja als Weltkulturerbe geschützt ist, gerade um sie den üblichen ökonomischen Verwertungsketten zu entziehen.
- Datum 26.07.2011 - 17:26 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 21.7.2011 Nr. 30
- Kommentare 3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







... aber endlich wird dieses Thema auch einmal hier angestoßen.
Es ist heute leider gang und gäbe, dass Denkmäler abgerissen werden. Und das eben nicht nur in der für seinen mittelalterlichen Stadtkern bekannten Bamberger Altstadt. Bedenkt man, dass Deutschland diesbezüglich besonders gelitten hat – weitaus schlimmer als die Zerstörungen des 2. Weltkriegs ist die vermeintliche Modernisierungswelle der 70ger Jahre – ist es wirklich traurig, dass derartiges heute noch so einfach möglich ist. Solange es Investoren mit Geld gibt, steht auch dem Abriss unseres kulturellen Erbes nichts im Weg. Ebenso schlimm ist dabei die Dekadenz mit der in wenigen Generationen das zerstört wird, was über Jahrhunderte gewachsen ist und so für die Nachwelt immer verloren ist.
Insofern wäre es angebracht dieses Thema mehr in das öffentliche Bewusstsein zu rücken, denn ist derartiges erst einmal bekannt, sträuben sich auch die Anwohner gegen derartige Vorhaben.
"weitaus schlimmer als die Zerstörungen des 2. Weltkriegs ist die vermeintliche Modernisierungswelle der 70ger Jahre"
Wobei das nur in absoluten Zahlen gelten kann, wenn alle während der Wirtschaftswunderjahre abgerissenen Altbauten in Stadt und Land zusammenzählt werden. Die entscheidenden Kernbereiche der Altstädte in unseren Großstädten stünden ohne den Bombenkrieg natürlich noch. Um ein Beispiel zu nennen: Natürlich wären auch in einem unzerstörten Frankfurt, Braunschweig oder Hildesheim etliche Gebbäude "abgegangen", trotzdem hätte sich dies letztlich in überschaubaren Grenzen gehalten und die Städte würden sich noch heute als weitgehend geschlossene Fachwerkensembles wie Goslar, Celle oder Quedlinburg präsentieren.
Trotzdem ist eine kritischere Bewertung der traditionsfeindlichen 50er bis 70er Jahre überfällig. Uns wird vielfach ein Geschichtsbild präsentiert, als wäre das eine Zeit gewesen, in der die Deutschen (in der Bundesrepublik) endlich alles richtig gemacht hätten. Wir sollten die Verluste des Bombenkriegs und der Modernisierungswelle auch nicht einfach als unabänderlich hinnehmen. Wir brauchen endlich eine Rückkehr zu einer traditionellen Architektursprache und großflächige Rekonstruktionen in den Altstadtbereichen unserer geschändeten Großstädte. Der Dresdner Neumarkt und das Frankfurter Altstadtareal auf dem Gebiet des ehemaligen Technischen Rathauses können nur ein kleiner Anfang sein.
Wer seine Vergangenheit zerstoert,verliert auch seine Zukunft.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren