An diesem Freitag entscheidet sich, wie viel Demokratie Deutschland verträgt : Ist das Land reif für mehr Bürgerbeteiligung? Und: Sind es auch die Bürger? Denn Niederlagen gehören eben auch zur Demokratie.

Wenn Heiner Geißler die Ergebnisse des Stresstests von Stuttgart 21 vorstellt, geht ein großes Demokratieexperiment zu Ende. In seinem Ausmaß war es beispiellos. Es umfasste neun öffentliche Schlichtungsrunden, unzählige Sitzungen in Arbeits- und Lenkungskreisen und einen Leistungsnachweis für den Tiefbahnhof, für dessen Überprüfung allein 3000 Arbeitsstunden nötig waren. Mehr nachträgliche Bürgerbeteiligung ist nicht möglich bei einem Projekt, das alle demokratischen Instanzen schon durchlaufen hatte und auf rechtskräftigen Verträgen beruht.

Das Experiment musste deshalb so groß ausfallen, weil die Ignoranz der Mächtigen zuvor noch größer war. Sie hatten eine echte Mitsprache der Bürger jahrelang verhindert, Gutachten wurden unter Verschluss gehalten, Einwände beiseitegewischt. Nun hat die Bahn nach dem Testat von unabhängigen Prüfern den Stresstest bestanden – wenn auch mit Auflagen. Das müssen die Bahnhofsgegner akzeptieren. Sie können ein Experiment, dessen Versuchsaufbau sie zugestimmt haben, nicht nachträglich für ungültig erklären, nur weil ihnen dessen Ausgang nicht passt. Genau das tun sie aber und wirken dabei wie schlechte Verlierer.

Kippen kann das Projekt jetzt nur noch der Wille der Mehrheit. Dafür müsste beim geplanten Volksentscheid ein Drittel aller Wahlberechtigten in Baden-Württemberg gegen den Bahnhof stimmen. Die Hürden sind hoch, aber so sind die Regeln.

Das heißt nicht, dass von nun an jede Kritik an Stuttgart 21 hinfällig wird. Zweifel an der Sache bleiben berechtigt, den Bahnhof muss niemand lieben. Er bleibt ein Prestigebau mit unklarem Nutzwert, bei dem nur sicher scheint, dass er teurer wird als geplant.

Doch jetzt geht es um etwas Größeres. Um die Frage, ob Stuttgart einen Demokratiestandard setzen kann, hinter dem die Republik nicht mehr zurückbleiben darf. Das entscheidet sich ausgerechnet daran, ob die Bahnhofsgegner ihm selbst gerecht werden. Dazu gehört auch, eine Niederlage nach einer offenen Auseinandersetzung zu akzeptieren. Wenn sie diese Größe haben, kann das Geißlersche Modell zur Blaupause für künftige Großprojekte werden. Für Stuttgart 21 kam es leider zu spät.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio