Das Dorf, weit hinten im Tiroler Bschlabertal, scheint aus der Zeit gefallen zu sein. Der Ort Boden wirkt ausgestorben, nur das Rauschen eines Gebirgsbachs ist in den menschenleeren Straßen zu hören. Kleine Häuser ducken sich aneinander, einige komplett aus Holz gebaut. Der Föhn pfeift zwischen ihnen hindurch. Viele sind unbewohnt und trotzen seit Jahren dem rauen Wetter. Dicke Nebelschwaden verhüllen die schroffen Felskanten, die gleich hinter den Gebäuden steil in die Höhe ragen.

Das Bschlabertal verbindet das Inn- und das Lechtal miteinander. Nur eine Autostunde westlich von Innsbruck, führt eine abenteuerliche Strecke über das auf 2.000 Meter Seehöhe gelegene Hahntennjoch in eine andere Welt. Die kurvenreiche Passstraße, mit steilen Abgründen auf der einen und bedrohlichen Felswänden auf der anderen Seite, ist unter Motorradfahrern beliebt. Im Sommer brettern sie zu Tausenden durch die Kurven. Sie bringen Leben in das Tal, meist sind sie die einzigen Besucher. Marterln entlang der Straße erzählen von den tödlichen Unfällen, die sich hier in regelmäßigen Abständen ereignen.

Keine 40 Einwohner zählt Boden noch, einer von drei Ortsteilen der Gemeinde Pfafflar, der einzigen im Bschlabertal. Im ganzen Tal leben nur noch 120 Menschen; kurz nach dem Zweiten Weltkrieg waren es noch doppelt so viele. Wer kann, zieht weg. Übrig bleiben die Alten. Der Kindergarten wurde vor fünf Jahren geschlossen, in der Volksschule lernen noch vier Kinder Lesen und Schreiben. Keine zwanzig Personen zwischen 25 und 40 Jahren leben hier, die Zukunftsaussichten für sie sind düster.

Arbeitsplätze gibt es nur vereinzelt, und der Tourismus, in vielen Alpenregionen ein Goldesel, existiert fast nur noch in den Erzählungen der Alten. Während Tirol über 43 Millionen Nächtigungen jährlich verzeichnet, kommt das Bschlabertal gerade auf 12.000 – Tendenz sinkend. Urlauberhochburgen wie Ischgl, Sölden oder St. Anton bauen seit Jahren höher, weiter und größer – um Dörfer wie Boden machen die Besucherströme einen Bogen. Das ist der Kollateralschaden des Massentourismus.

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild © Daniel Jarosch

Walter Lechleitner ist einer der wenigen, die geblieben sind. Der 85-jährige Sohn einer ledigen Bäuerin aus Boden kennt das Tal wie kaum ein anderer Bewohner. Vor über fünfzig Jahren hat er hier sein Hotel Bergheimat eröffnet. Wie ein Fremdkörper ragt der dreistöckige Bau am Ende der Dorfstraße empor. Als es aufsperrte, erlebte der Tourismus gerade goldenen Jahre. Deutsche Gäste fielen scharenweise in die Alpen ein und bescherten selbst entlegenen Regionen einen ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung. "Drei Hotels gab es hier im Ort", erzählt Lechleitner. "An manchen Sonntagen ging es auf der Dorfstraße zu wie auf einem Boulevard in Paris, das waren Massen, die sich hier getummelt haben. Man musste nur ein Inserat schalten und schon hatte man das Haus voll."

Walter Lechleitner spricht schnell, er möchte viel erzählen. Den für viele nur schwer verständlichen Lechtaler Dialekt hat er abgelegt. Heute ist seine Herberge verödet, kein Gast hat sich an diesem verregneten Tag hierher verirrt. Der klein gewachsene Hotelier sitzt an einem runden Tisch im Speisesaal, die Sitzbänke sind mit abgewetztem Stoff überzogen. Durch große Glaswände sieht man auf den kleinen Garten des Hotels und den verwaisten Swimmingpool. Die rote Farbe der Tische ist verblasst, die Eiskarten sind vergilbt. Fritz, der steirische Kellner, schlurft mit einer Kaffeetasse in der Hand durch den Raum. "Ich fühle mich hier wohl", schmunzelt er. "Es gibt hier zwar nichts, aber wenigstens habe ich keinen Stress."