Ägypten-ReisenTest am Nil

Ägypten – herrscht da nicht Revolution? Ein deutscher Veranstalter lädt Kunden zur Probereise nach Kairo ein. von Claus-Peter Lieckfeld

Die Pyramiden von Gizeh. Einheimische führen eine Touristengruppe vorbei.

Die Pyramiden von Gizeh. Einheimische führen eine Touristengruppe vorbei.  |  © Chris Hondros/Getty Images

Kein Zweifel erlaubt! "Ich bin bereit, für die Revolution zu sterben": So stellt sich der junge Mann den Touristen aus Deutschland vor. John ist 25, Student der Betriebswirtschaft an der Universität Kairo, koptischer Christ und an diesem 13. Juli Platzbesetzer auf dem Tahrir Square. Auf seinem T-Shirt verschränkt sich die Abbildung eines islamischen Halbmonds mit einem christlichen Kreuz. Die zehn Touristen aus Deutschland sind Gäste des Reiseveranstalters Biblische Reisen, unter ihnen Pastoren und eine Vertreterin der Deutschen Bibelgesellschaft. Für den Herbst haben sie eine Gruppenreise bei dem Veranstalter gebucht. Dann wollen sie mit ihren Gemeinde- oder Stiftungsmitgliedern Kairo besuchen. Noch sind sie unschlüssig. Ist der geplante Aufenthalt möglicherweise zu riskant ? Um ihre Skepsis zu zerstreuen, hat Biblische Reisen sie eingeladen, sich ein Bild vom neuen Ägypten zu machen.

Vor einem halben Jahr begann die Revolution hier auf dem Tahrir-Platz. Seit vier Tagen ist das weltberühmt gewordene Karree wieder belagert. Doch die Stimmung wirkt so friedlich wie die Botschaft auf Johns T-Shirt. Die Besucher aus Deutschand passieren problemlos die Eingangskontrolle beim Archäologischen Museum. Ein junger Mann hebt lächelnd einen schmächtigen Stacheldraht-Kringel zur Seite und sagt: "Ah, Alemania! Welcome to New Egypt!"

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Am Südrand des Platzes klebt eine Zeltstadt wie eine verrutschte Miniatur des Daches vom Münchner Olympiastadion. Überwiegend junge Menschen fischen Dosenlimonade aus Kühlboxen oder lauschen, nur halb zugewandt, einem improvisierten Bühnenauftritt auf einer Empore aus Kisten. John übersetzt den Gästen eine Liedzeile des Barden: "Wenn wir einschlafen, werden sie uns nicht nur den Schlaf rauben..." Nicht einschlafen, weitermachen. Die Demonstranten kritisieren, dass die Strafverfolgung von korrupten Politikern des alten Regimes, von gewalttätigen Polizisten zu stockend vorangeht.

Die meisten hier scheinen John zu kennen. Einige winken ihm zu. Nein, er wolle keine Rache für seinen ermordeten Freund und Kommilitonen, sagt John und deutet über den Platz auf das Regierungsgebäude, wo das Verbrechen vermutlich geschah. Jedes Stockwerk ist ausgebrannt, die Schaltzentrale der Korruption zerschlagen. Die Demonstranten haben die Machthaber gestürzt, viele zahlten dafür jedoch mit dem Leben, auch Johns Freund. Keine Rache, aber Bestrafung der Täter fordert der junge Mann. "Look at this!" John zeigt auf ein Plakat, das seinem Wunsch Ausdruck verleiht. Es stellt Politikerköpfe hinter Gitterstäben dar. "Das wollen wir sehen. Wir fordern Direktübertragungen der Prozesse hier auf den Platz. Wir brauchen Beweise, dass etwas vorangeht." Gerade macht die Neuigkeit die Runde, dass Mubaraks Sekretär sieben Millionen Dollar auf sein Privatkonto geschaufelt habe. Aber immerhin: Der Mann ist inhaftiert . Es gibt fast stündlich Neues vom Gleichen.

John grüßt zum "Kentucky Fried"-Tisch hinüber. Dort hat eine Gruppe eine Banderole mit dem ironischen Bekenntnis aufgespannt: "Wir sind die Kentucky-Fried-Leute!" Eine Anspielung auf einen Treppenwitz der Revolution: Die Mubarakisten ließen im Februar verbreiten, die Platzbesetzer würden von US-Fast-Food-Ketten alimentiert.

Die heiße Luft steht flirrend über dem Zement. Nirgendwo liegt Müll oder Papier herum. Auch das sei Ausdruck des erwachten Stolzes, verkündet John: Die Demonstranten haben sich den öffentlichen Raum erobert. Und seinen Raum hält man sauber. John hat sich den Kommentar eines europäischen Politikers gemerkt, an dessen Namen er sich nur nicht erinnern kann: "Was sind das für wunderbare Leute, die einen Platz besetzen, erst ihre Unterdrücker wegfegen und dann den Platz sauber fegen."

Müll ist ein altes, ein neues und ein vielschichtiges Thema in Kairo. Womöglich auch eines, das Touristen interessieren könnte. Georg Röwekamp, Leiter der deutschen Reisegruppe und Geschäftsführer von Biblische Reisen, erwägt, künftigen Teilnehmern den Besuch des Bezirks Esbet El Nakhl anzubieten – als Ergänzung zu Tempeln, Moscheen und Museen. Dort, im Nordosten der Stadt, leben die "Müllmenschen", vornehmlich koptische Christen, die für die Abfallentsorgung Kairos zuständig sind. Heute will Röwekamp mit seinen Gästen antesten, ob es sinnvoll ist, einen Besuch der Sozialstation von Esbet El Nakhl in sein Programm aufzunehmen.

Leserkommentare
  1. Der Pfarrer ist wohl nicht nur Hellseher, denn wer weiss schon, was im November sein wird, sondern wurde auch noch ganz schön hinters Licht geführt. Die Leute, zu denen die Gruppe Kontakt hatte, würde NIE etwas negatives sagen. Sogar wenn sie auf einem Pulverfass mit brennender Lunte sitzen würden, wäre offiziell alles bestens und man müsste sich um die Sicherheit keine Sorgen machen.

    Die Realität in Ägypten ist leider alles andere als entspannt. Die Kriminalität ist so hoch, wie nie zuvor. Täglich werden Menschen wegen umgerechnet 3 Euro abgeschlachtet, Taxifahrer ausgeraubt, es wird geklaut was nicht einbetoniert ist, von den schlimmen Übergriffen auf die Koptischen Christen mal ganz zu schweigen. Und das Volk ist gereizt bis zum Anschlag. Das äussert sich auch auf die Touristen am Roten Meer: Erst vorgestern wurde ein gut besuchtes Hotel der gehobeneren Klasse kurzerhand vom Personal zerstört: Eine "Demonstration" der Angestellten. Die schockierten Gäste wurden in andere Hotels gebracht....

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    Natürlich haben Sie recht, dass niemand wissen kann was hier in Kairo im November sein wird, aber den zweiten Teil Ihres Kommentars kann ich, als jemand der selbst in Kairo lebt, absolut nicht nachvollziehen und schon gar nicht bestätigen.

    Also, woher nehmen Sie Ihre Informationen und können Sie Ihre Behauptungen durch Quellen belegen? Sollte dies nicht der Fall sein, würde ich mich freuen, wenn Sie Unterstellungen dieser Art in Zukunft unterlassen würden.

    Übrigens demonstrieren die meisten Kopten gerade selber gegen ihre geistlichen Anführer...

    Gruß aus dem schönen Kairo!

  2. Natürlich haben Sie recht, dass niemand wissen kann was hier in Kairo im November sein wird, aber den zweiten Teil Ihres Kommentars kann ich, als jemand der selbst in Kairo lebt, absolut nicht nachvollziehen und schon gar nicht bestätigen.

    Also, woher nehmen Sie Ihre Informationen und können Sie Ihre Behauptungen durch Quellen belegen? Sollte dies nicht der Fall sein, würde ich mich freuen, wenn Sie Unterstellungen dieser Art in Zukunft unterlassen würden.

    Übrigens demonstrieren die meisten Kopten gerade selber gegen ihre geistlichen Anführer...

    Gruß aus dem schönen Kairo!

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    Ich lebe auch in Ägypten. Und ich werde das nächste mal ein Foto für Sie machen, wenn ich wieder zuschaue, wie die Polizei eine Leiche aus einem Wassertank zieht oder ein halbverkohlter Körper am Strassenrand findet. Das ist in den letzten Monaten so oft passiert, wie zuvor in 10 Jahren nicht.

    Aber so etwas sieht man halt nicht, wenn man zwischen Citystars und Carrefour pendelt...

  3. Ich lebe auch in Ägypten. Und ich werde das nächste mal ein Foto für Sie machen, wenn ich wieder zuschaue, wie die Polizei eine Leiche aus einem Wassertank zieht oder ein halbverkohlter Körper am Strassenrand findet. Das ist in den letzten Monaten so oft passiert, wie zuvor in 10 Jahren nicht.

    Aber so etwas sieht man halt nicht, wenn man zwischen Citystars und Carrefour pendelt...

    Antwort auf "Vollkommener Unsinn!"
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    ganze mal wieder auf eine Ebene der Sachlichkeit zu bringen: in diesem Artikel geht es darum ob Ägypten und vor allem Kairo für Touristen sicher sind und das ist ja wohl, zumindest zur Zeit, der Fall. Sollte tatsächlich ein Hotel am Roten Meer von 'revolutionären Angestellten' in Brand gesteckt worden sein, wie Sie in Ihrem ersten Kommentar behaupten, dann wäre darüber sicher etwas im Internet zu lesen. Ihre Darstellung lässt den Unwissenden Leser in Deutschland vermuten, dass auf den Straßen Kairo Mord und Totschlag herrschen und man Angst um Leib und Leben haben muss wenn man als Tourist herkommt, was völliger Unsinn ist. Ihr Kommentar ist diesem Fall sogar nichts anderes als schädigend für ein Land, das den Tourismus gerade jetzt so dringend braucht.

    Ich weiß nicht wo und wie Sie in Ägypten leben, ich persönlich kenne mich mit Carrefour und Citystar nicht besonders gut aus...

    • ek.
    • 30. Juli 2011 15:13 Uhr

    Sie dürfen gerne auch eine ägyptische Quelle zitieren, auch einen Blog, hier können viele Englisch. Wenn hier die Leichen geradezu auf der Straße liegen, sind Sie sicher nicht der einzige, der sie gesehen hat. Und speziell ein abgebranntes Hotel kann dem Rest der Welt nicht entgangen sein. Das "gut besuchte Hotel" hat bestimmt einen Namen und einen Standort, die sich googlen ließen, wenn Sie ihn preisgäben.

  4. ganze mal wieder auf eine Ebene der Sachlichkeit zu bringen: in diesem Artikel geht es darum ob Ägypten und vor allem Kairo für Touristen sicher sind und das ist ja wohl, zumindest zur Zeit, der Fall. Sollte tatsächlich ein Hotel am Roten Meer von 'revolutionären Angestellten' in Brand gesteckt worden sein, wie Sie in Ihrem ersten Kommentar behaupten, dann wäre darüber sicher etwas im Internet zu lesen. Ihre Darstellung lässt den Unwissenden Leser in Deutschland vermuten, dass auf den Straßen Kairo Mord und Totschlag herrschen und man Angst um Leib und Leben haben muss wenn man als Tourist herkommt, was völliger Unsinn ist. Ihr Kommentar ist diesem Fall sogar nichts anderes als schädigend für ein Land, das den Tourismus gerade jetzt so dringend braucht.

    Ich weiß nicht wo und wie Sie in Ägypten leben, ich persönlich kenne mich mit Carrefour und Citystar nicht besonders gut aus...

    Antwort auf "Quellen?"
    • ek.
    • 30. Juli 2011 15:13 Uhr

    Sie dürfen gerne auch eine ägyptische Quelle zitieren, auch einen Blog, hier können viele Englisch. Wenn hier die Leichen geradezu auf der Straße liegen, sind Sie sicher nicht der einzige, der sie gesehen hat. Und speziell ein abgebranntes Hotel kann dem Rest der Welt nicht entgangen sein. Das "gut besuchte Hotel" hat bestimmt einen Namen und einen Standort, die sich googlen ließen, wenn Sie ihn preisgäben.

    Antwort auf "Quellen?"
    • ek.
    • 30. Juli 2011 19:36 Uhr

    Wer sich nicht von wilden Geschichten verwirren lassen will, kann sich die Seite des Auswärtigen Amtes auf den Bildschirm holen. Dort findet er dann zu jedem Land die aktuell empfehlenswerten Sicherheitshinweise, die z.B. auch für die in dem jeweiligen Land lebenden Bediensteten der Bundesrepublik gelten. Für Ägypten heißt es dort nur, man möge Demonstrationen meiden und Alleinreisen in entlegene Gebiete unterlassen.

    http://www.auswaertiges-a...

  5. Sorry, aber ich habe nicht von einem abgebrannten Hotel geredet... Es handelt sich um das Mamlouk in Hurghada.
    Und ja, sorry: Die Leichen liegen sprichwörtlich auf der Strasse. Es gibt Überfälle und andere Gewaltdelikte, in Massen wie noch nie, seit ich dieses Land kenne. Und das sind schon viele Jahre.

    Wenn Sie in Ägypten leben, dann sehen Sie doch selber, dass keine Ordnung mehr herrscht. Die Polizei ist nur sehr wenig präsent, greift auch nicht ein und wird kein bisschen mehr respektiert. Ich kenne Leute, die seit 20 Jahren in Ägypten leben, die sich aber jetzt nachts nicht mehr auf die Strasse trauen. Und die haben mein vollstes Verständnis, auch wenn ich das lange als Quatsch abgetan habe. Es gab mehrere Übergriffe von Taxifahrern auf ausländische Frauen. Vor einer Woche wurde in Hurghada von einer Gruppe bewaffneter auf ein Auto geschossen, um die Insassen auszurauben. Eine Bekannte liegt noch immer im Spital, weil ihr aus einem fahrenden Auto ihre Handtasche entrissen wurde, wegen 50 Pfund. Das war übrigens nicht mitten in der Nacht.
    Leider sind das auch keine Einzelfälle. Aber natürlich hängt man diese Vorkommnisse nicht an die grosse Glocke. Man könnte ja die Touristen erschrecken...

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    Mindestens ein paar von ihnen waren ziemlich erschrocken, als sie bei einem Ausflug nach Luxor nicht mehr weiter kamen, weil eine Horde wild gewordener die Strasse blockierten und der Bus nicht mehr weiter fahren konnte. Die Polizei hat nicht mal versucht, etwas dagegen zu unternehmen. Diesmal waren es Bauern und deren Frauen, das nächste mal sind es eventuell bewaffnete Islamisten, die ihre Forderungen mit Gewalt durchsetzen wollen. So wie die 150 Islamisten, die am Freitag eine Polizeistation angriffen.
    Meines Erachtens ist es nur eine Frage der Zeit, bis mal wieder Touristen in solch schreckliche Vorfälle einbezogen werden. Also von Sicherheit kann in diesem Land keine Rede mehr sein. Dafür gibt es niemanden mehr, der dafür sorgt.

  6. Mindestens ein paar von ihnen waren ziemlich erschrocken, als sie bei einem Ausflug nach Luxor nicht mehr weiter kamen, weil eine Horde wild gewordener die Strasse blockierten und der Bus nicht mehr weiter fahren konnte. Die Polizei hat nicht mal versucht, etwas dagegen zu unternehmen. Diesmal waren es Bauern und deren Frauen, das nächste mal sind es eventuell bewaffnete Islamisten, die ihre Forderungen mit Gewalt durchsetzen wollen. So wie die 150 Islamisten, die am Freitag eine Polizeistation angriffen.
    Meines Erachtens ist es nur eine Frage der Zeit, bis mal wieder Touristen in solch schreckliche Vorfälle einbezogen werden. Also von Sicherheit kann in diesem Land keine Rede mehr sein. Dafür gibt es niemanden mehr, der dafür sorgt.

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    • ek.
    • 30. Juli 2011 22:02 Uhr

    Wenn es so ist, wie Sie schreiben, dann wäre das ein Anlass für das Auswärtige Amt, Reisewarnungen für Ägypten herauszugeben oder wenigstens abzuraten, wenn schon nicht zu warnen. Ich habe eine Meldung dort hin geschickt mit der Bitte, Ihre Aussagen zu prüfen und gegebenenfalls entsprechend zu reagieren.

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  • Schlagworte Ägypten | Müll | Oldtimer | Weltwunder | Kairo | Europa
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