Kein Zweifel erlaubt! "Ich bin bereit, für die Revolution zu sterben": So stellt sich der junge Mann den Touristen aus Deutschland vor. John ist 25, Student der Betriebswirtschaft an der Universität Kairo, koptischer Christ und an diesem 13. Juli Platzbesetzer auf dem Tahrir Square. Auf seinem T-Shirt verschränkt sich die Abbildung eines islamischen Halbmonds mit einem christlichen Kreuz. Die zehn Touristen aus Deutschland sind Gäste des Reiseveranstalters Biblische Reisen, unter ihnen Pastoren und eine Vertreterin der Deutschen Bibelgesellschaft. Für den Herbst haben sie eine Gruppenreise bei dem Veranstalter gebucht. Dann wollen sie mit ihren Gemeinde- oder Stiftungsmitgliedern Kairo besuchen. Noch sind sie unschlüssig. Ist der geplante Aufenthalt möglicherweise zu riskant ? Um ihre Skepsis zu zerstreuen, hat Biblische Reisen sie eingeladen, sich ein Bild vom neuen Ägypten zu machen.

Vor einem halben Jahr begann die Revolution hier auf dem Tahrir-Platz. Seit vier Tagen ist das weltberühmt gewordene Karree wieder belagert. Doch die Stimmung wirkt so friedlich wie die Botschaft auf Johns T-Shirt. Die Besucher aus Deutschand passieren problemlos die Eingangskontrolle beim Archäologischen Museum. Ein junger Mann hebt lächelnd einen schmächtigen Stacheldraht-Kringel zur Seite und sagt: "Ah, Alemania! Welcome to New Egypt!"

Am Südrand des Platzes klebt eine Zeltstadt wie eine verrutschte Miniatur des Daches vom Münchner Olympiastadion. Überwiegend junge Menschen fischen Dosenlimonade aus Kühlboxen oder lauschen, nur halb zugewandt, einem improvisierten Bühnenauftritt auf einer Empore aus Kisten. John übersetzt den Gästen eine Liedzeile des Barden: "Wenn wir einschlafen, werden sie uns nicht nur den Schlaf rauben..." Nicht einschlafen, weitermachen. Die Demonstranten kritisieren, dass die Strafverfolgung von korrupten Politikern des alten Regimes, von gewalttätigen Polizisten zu stockend vorangeht.

Die meisten hier scheinen John zu kennen. Einige winken ihm zu. Nein, er wolle keine Rache für seinen ermordeten Freund und Kommilitonen, sagt John und deutet über den Platz auf das Regierungsgebäude, wo das Verbrechen vermutlich geschah. Jedes Stockwerk ist ausgebrannt, die Schaltzentrale der Korruption zerschlagen. Die Demonstranten haben die Machthaber gestürzt, viele zahlten dafür jedoch mit dem Leben, auch Johns Freund. Keine Rache, aber Bestrafung der Täter fordert der junge Mann. "Look at this!" John zeigt auf ein Plakat, das seinem Wunsch Ausdruck verleiht. Es stellt Politikerköpfe hinter Gitterstäben dar. "Das wollen wir sehen. Wir fordern Direktübertragungen der Prozesse hier auf den Platz. Wir brauchen Beweise, dass etwas vorangeht." Gerade macht die Neuigkeit die Runde, dass Mubaraks Sekretär sieben Millionen Dollar auf sein Privatkonto geschaufelt habe. Aber immerhin: Der Mann ist inhaftiert . Es gibt fast stündlich Neues vom Gleichen.

John grüßt zum "Kentucky Fried"-Tisch hinüber. Dort hat eine Gruppe eine Banderole mit dem ironischen Bekenntnis aufgespannt: "Wir sind die Kentucky-Fried-Leute!" Eine Anspielung auf einen Treppenwitz der Revolution: Die Mubarakisten ließen im Februar verbreiten, die Platzbesetzer würden von US-Fast-Food-Ketten alimentiert.

Die heiße Luft steht flirrend über dem Zement. Nirgendwo liegt Müll oder Papier herum. Auch das sei Ausdruck des erwachten Stolzes, verkündet John: Die Demonstranten haben sich den öffentlichen Raum erobert. Und seinen Raum hält man sauber. John hat sich den Kommentar eines europäischen Politikers gemerkt, an dessen Namen er sich nur nicht erinnern kann: "Was sind das für wunderbare Leute, die einen Platz besetzen, erst ihre Unterdrücker wegfegen und dann den Platz sauber fegen."

Müll ist ein altes, ein neues und ein vielschichtiges Thema in Kairo. Womöglich auch eines, das Touristen interessieren könnte. Georg Röwekamp, Leiter der deutschen Reisegruppe und Geschäftsführer von Biblische Reisen, erwägt, künftigen Teilnehmern den Besuch des Bezirks Esbet El Nakhl anzubieten – als Ergänzung zu Tempeln, Moscheen und Museen. Dort, im Nordosten der Stadt, leben die "Müllmenschen", vornehmlich koptische Christen, die für die Abfallentsorgung Kairos zuständig sind. Heute will Röwekamp mit seinen Gästen antesten, ob es sinnvoll ist, einen Besuch der Sozialstation von Esbet El Nakhl in sein Programm aufzunehmen.