Auf YouTube, diesem System kommunizierender Röhren, das unser kollektives Bildergedächtnis so perfekt zur Darstellung bringt, ist er für alle Zeiten festgehalten: der Moment, in dem die Heldin strauchelt. Wie ein angeschlagener Boxer steht sie da, geht in die Knie, ringt sichtlich um Balance, Würde und auch Erbarmen. Schon angezählt, rappelt sie sich noch einmal hoch, steuert mit staksigen Schrittchen auf das Mikrofon zu, während der Chor, empört über das Gebotene, unter lauten Buhrufen sein Recht einklagt: The show must go on! Und dann kommt es tatsächlich, das gespenstische Finale.

You’re Wondering Now, der Song, mit dem Amy Winehouse sich von der Welt verabschiedete, wirkt wie ein ironischer Kommentar auf ihre Karriere. Schmucklos die Halle zu Belgrad, in der sie den Abgesang anstimmte – obwohl »Singen« kein angemessener Ausdruck für die Art ist, mit der sie einfach dastand und einen ihrer Backgroundsänger den Job verrichten ließ. You’re wondering now, what to do, now you know this is the end, säuselte er zu Reggae-Rhythmen, und schließlich: You’re wondering now, you will pay, for the way you did behave. Dass es sich um prophetische letzte Worte handelt, steht seit vergangenem Samstag fest. Begriffsstutzig wirkt im Nachhinein allein die Hauptfigur.

Uns User, Hinschauer und Mitverfolger, die wir gewohnt sind, das Weltgeschehen vor Computerbildschirmen Revue passieren zu lassen, uns maßvoll teilnehmende Beobachter einer kurzen, aber umso heftigeren Laufbahn hat die Todesbotschaft weniger unvorbereitet getroffen: Irgendwie haben wir es immer schon gewusst. Verwunderlich allenfalls, wie nahtlos rückblickend das eine ins andere zu greifen scheint: der frühe Ruhm, die Rückschläge, die unzähligen Peripetien, in denen die Heldin für alle sichtbar neben sich stand, am Ende sogar reuig und rehabilitationsbereit, ohne doch anders zu können, als blind in den nächsten Exzess zu taumeln. Das Leben der Amy Winehouse hatte etwas von einer griechischen Tragödie: Man konnte nur am Rand stehen und zuschauen, wie es seinen Lauf nahm.

Zugeschaut allerdings wurde reichlich, von den Fans, die sie als letzte authentische Stimme des Soul feierten, den Paparazzi, die jeden ihrer Schritte verfolgten, von uns Social-Media-Networkern in Ausübung unserer Lieblingstätigkeit: dem Posten von Fundstücken aus dem Internet. Kein Akt des Dramas, der nicht auf Pinnwänden und anderen Foren des weltweiten Webens genüsslich weitergegeben wurde: Amy, wie sie in Recife beinahe von der Bühne stürzt, Amy, wie sie schon vor Jahren den Text zu ihren Stücken vergessen hat, Amy bei der gemeinsamen Dröhnung mit Pete Doherty, ihrem Zwilling im Geiste. Jetzt, nachdem die Show vorüber ist, erhebt er sich gewaltiger denn je zuvor, der tausendstimmige Chor der Netzgemeinde, und während die einen vom Spiel mit dem Feuer sprechen, zitieren die anderen das Martyrium herbei. Erstaunlicherweise haben beide recht.

Als öffentliche Figur war Amy Jade Winehouse das Resultat der Kollision zweier Welten, die in den letzten beiden Dekaden selten zueinanderfanden. Einerseits verfügte sie über ein durchaus zeitgenössisches Gespür für das Zeichen- und Zitathafte: Amy, die Postmoderne. Das meiste an ihrer Aufmachung wie an ihrer Musik lässt sich als Variation über historische Themen lesen, der Sound, der sie berühmt gemacht hat, als Hommage an die Sechziger, die Zeit, in der Motown-Soul die Hitparaden eroberte, ihre berühmte Bienenkorbfrisur als Reprise der Girlgroup-Ära. Selbst das Unverwechselbarste an ihr, ihre Stimme, hat sich immer wieder Vergleiche gefallen lassen müssen, wenngleich schmeichelhafte: von Billie Holiday bis Dusty Springfield reicht das Spektrum. Und doch wäre Amy Winehouse ohne ihren Sinn fürs große Drama bloß eine weitere Retro-Soul-Sängerin.

Biografisch allein lässt er sich nicht erklären. Unspektakulär ihre Kindheit in Southgate, einer wenig glamourösen Wohngegend im Norden Londons, verhaltensunauffällig ihre Eltern, eine Apothekerin und ein Jazz liebender Taxifahrer. Vom Bruder lernt sie erste Akkorde auf der Gitarre, die kunstsinnige Großmutter legt ihr den Besuch einer Theaterschule nahe. Fotos zeigen ein eigenwillig dreinschauendes Mädchen mit dünnen Ärmchen und Mickymaus-Ohren, das war’s auch schon, was die frühen Jahre an Sensationen zu bieten haben. Erst an der Kunstakademie, der BRIT School for Performing Arts & Technology, wo junge Talente am Fließband geschliffen werden, scheint eine größere Portion Exzentrik in ihr heranzureifen. Mit 18 unterschreibt Amy Winehouse ihren ersten Plattenvertrag, mit 20 bringt sie Frank heraus, eine geschmackvolle, indes nicht sonderlich erfolgreiche Erkundung von Jazzstilistiken. Den Durchbruch bringt erst der Nachfolger Back To Black.

They tried to make me go to rehab, I said no, no no! – harscher als in den mittlerweile klassischen Eröffnungszeilen ist die Absage an eine Zeit, in der alles erklärbar, therapierbar und damit nivellierbar erscheint, seit den Sechzigern nicht mehr formuliert worden. Stattdessen: Sehnsucht, Verausgabung, haltlose Suche in alle erdenklichen Himmelsrichtungen und jeden bereitstehenden Abgrund hinein, stets getragen von der Idee, dem Künstlichen doch noch einmal das Echte abzutrotzen. Back To Black, das ist ein Bekenntnis zur schwarzen Musik mit all ihren mythischen Erzählungen von Spielern, Herumtreibern und Teufeln, die an der Straßenecke warten, um arme Seelen in Besitz zu nehmen. Back To Black formuliert aber auch so etwas wie ein persönliches Programm: Raus aus den Beschränkungen der Alltagsvernunft, rein in den Rausch, der tiefere Erfahrungen verspricht, egal was an persönlichen Torturen damit verbunden sein mag.