Sollte man sich, da jetzt die Bücher totgesagt sind, nicht Sorgen um die Bibliotheken machen? Noch einmal hingehen, nostalgisch um die Regale schleichen, in denen Wissen in seiner altmodischen, schwer wiegenden Form enthalten ist? Es kommt sogar vor, dass man dort auf eine Leiter steigen muss, den Arm ausstrecken, um von ganz oben ein Bändchen zu holen, das vielleicht noch Spuren seines vorigen Lesers trägt. Ein metallischer, gelblicher Geruch entströmt ihm. Und die tiefe Ruhe eines Dings, das einen Ort hat, an dem es Jahrzehnte überdauert, in souveräner Unabhängigkeit davon, ob der ephemere Leser es jetzt aufblättert oder sehr viel später.

Weil wir aber einen Evolutionssprung der Trägermedien erleben, soll es mit solchen staubigen Turnübungen bald vorbei sein, heißt es. Das Weltwissen implodiert. Aus den Papierreservaten, den Bibliotheksgebäuden, Regalen, Magazinen zerstäubt es digital in die virtuelle Wolke, zu der handliche Geräte von überall her Zugang verschaffen. Wozu also noch Bibliotheken?

Die Ausstellung Die Weisheit baut sich ein Haus des Architekturmuseums der TU München nimmt in dieser Frage einen intelligenten Weg. Sie abstrahiert von der schieren Funktion der Aufbewahrung von Büchern und erzählt die Geschichte der Bibliotheken als Geschichte der materialisierten Ordnung von Erkenntnis. Eine Perspektive, aus der es ganz so aussieht, als gäbe es ein unerschütterliches menschliches Grundbedürfnis, sich Modelle des Wissens körperhaft gegenüberzustellen.

Diese folgerichtig mit der Erfindung der Schrift beginnende Darstellung verdankt sich dem Architekturhistoriker Werner Oechslin, der im schweizerischen Einsiedeln eine Bibliothek von etwa 100.000 Bänden zusammengetragen hat. Heute ist sie eine Stiftung und untersteht der ETH Zürich. Es gibt da einen Bestand historischer Publikationen zu Geschichte und Ordnung von Bibliotheken, die in der Münchner Ausstellung zu betrachten sind. Sie sind vor einer Fototapete platziert, die eine Regalwand der Oechslin-Bibliothek zeigt, sodass sich die exquisite Atmosphäre einer solchen Privatbibliothek auf den Ausstellungsbesucher übertragen mag.

Dieser bringt möglicherweise die Muße nicht auf, die Buchseiten im Stehen zu studieren. Unmittelbar prägt sich ohnehin ein, was sie zeigen, nämlich die Ikonografie der Ordnung, die das Prinzip der Bibliothek sowie der Architektur ist. Als Gründungsmythos dieser Verbindung liest Oechslin die Erzählung vom biblischen Seth, der das seit Anbeginn der Menschheit gesammelte Wissen auf zwei Säulen aus gebranntem Ton festgehalten und so vor der Sintflut gerettet haben soll.

Diesem Urbild der Mnemotechnik entsprechen Versuche, alle Erkenntnis zu systematisieren und in Tabellen, Bäumen, Netzen zur Anschauung zu bringen. Als prominentestes Beispiel gilt hier der Stammbaum »Système Figuré des Connaissances Humaines« der Encyclopédie Diderots und D’Alemberts, der später oft Grundlage von Bibliotheksordnungen und Katalogen war. Außerordentlich anschaulich wird die Verwandtschaft solcher Wissensordnungen in ihrer geometrischen Schönheit mit der Baukunst, ihrer gemeinsamen »Architectonic«: So heißt nach Kant die »Kunst der Systeme«.

Modelle und Fotografien zeigen die »architektonische Verfestigung« solcher Ordnungsvorstellungen in Bibliotheksgebäuden. Das Bedürfnis nach Konzentration, Auswahl und Kontemplation scheint hier mit dem Willen zu konkurrieren, das erworbene Wissen als allumfassend darzustellen, seine Beherrschung und seinen Besitz als Zeichen der Macht und des Reichtums zu repräsentieren. Als etwa im Escorial bei Madrid zum ersten Mal die Bücher nicht auf Pulten aufbewahrt wurden, wie in den Klosterbibliotheken zuvor, sondern in Schränken an der Wand, mehrte das nicht zuletzt die Pracht des Raumes, denn sie wurden mit dem geprägten Goldschnitt nach vorn aufgestellt. Neben Saalbauten, in denen Bänke und Büchertische zum Studium aufgereiht stehen, treten um die Mitte des 18. Jahrhunderts monumentale, Globalität symbolisierende Zentralbauten. Die Bibliothek des British Museum, die Bibliothèque nationale in Paris, die Library of Congress in Washington und die Königliche Bibliothek in Berlin entstehen als nationale Symbole mit von mächtigen Kuppeln überwölbten Lesesälen.