BibliothekenDer erotischste Ort der Erde

Eine Ausstellung in München feiert die Bibliothek als himmlischen Ort des Wissens und der Blicke. von Marie Schmidt

Sollte man sich, da jetzt die Bücher totgesagt sind, nicht Sorgen um die Bibliotheken machen? Noch einmal hingehen, nostalgisch um die Regale schleichen, in denen Wissen in seiner altmodischen, schwer wiegenden Form enthalten ist? Es kommt sogar vor, dass man dort auf eine Leiter steigen muss, den Arm ausstrecken, um von ganz oben ein Bändchen zu holen, das vielleicht noch Spuren seines vorigen Lesers trägt. Ein metallischer, gelblicher Geruch entströmt ihm. Und die tiefe Ruhe eines Dings, das einen Ort hat, an dem es Jahrzehnte überdauert, in souveräner Unabhängigkeit davon, ob der ephemere Leser es jetzt aufblättert oder sehr viel später.

Weil wir aber einen Evolutionssprung der Trägermedien erleben, soll es mit solchen staubigen Turnübungen bald vorbei sein, heißt es. Das Weltwissen implodiert. Aus den Papierreservaten, den Bibliotheksgebäuden, Regalen, Magazinen zerstäubt es digital in die virtuelle Wolke, zu der handliche Geräte von überall her Zugang verschaffen. Wozu also noch Bibliotheken?

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Die Ausstellung Die Weisheit baut sich ein Haus des Architekturmuseums der TU München nimmt in dieser Frage einen intelligenten Weg. Sie abstrahiert von der schieren Funktion der Aufbewahrung von Büchern und erzählt die Geschichte der Bibliotheken als Geschichte der materialisierten Ordnung von Erkenntnis. Eine Perspektive, aus der es ganz so aussieht, als gäbe es ein unerschütterliches menschliches Grundbedürfnis, sich Modelle des Wissens körperhaft gegenüberzustellen.

Diese folgerichtig mit der Erfindung der Schrift beginnende Darstellung verdankt sich dem Architekturhistoriker Werner Oechslin, der im schweizerischen Einsiedeln eine Bibliothek von etwa 100.000 Bänden zusammengetragen hat. Heute ist sie eine Stiftung und untersteht der ETH Zürich. Es gibt da einen Bestand historischer Publikationen zu Geschichte und Ordnung von Bibliotheken, die in der Münchner Ausstellung zu betrachten sind. Sie sind vor einer Fototapete platziert, die eine Regalwand der Oechslin-Bibliothek zeigt, sodass sich die exquisite Atmosphäre einer solchen Privatbibliothek auf den Ausstellungsbesucher übertragen mag.

Dieser bringt möglicherweise die Muße nicht auf, die Buchseiten im Stehen zu studieren. Unmittelbar prägt sich ohnehin ein, was sie zeigen, nämlich die Ikonografie der Ordnung, die das Prinzip der Bibliothek sowie der Architektur ist. Als Gründungsmythos dieser Verbindung liest Oechslin die Erzählung vom biblischen Seth, der das seit Anbeginn der Menschheit gesammelte Wissen auf zwei Säulen aus gebranntem Ton festgehalten und so vor der Sintflut gerettet haben soll.

Diesem Urbild der Mnemotechnik entsprechen Versuche, alle Erkenntnis zu systematisieren und in Tabellen, Bäumen, Netzen zur Anschauung zu bringen. Als prominentestes Beispiel gilt hier der Stammbaum »Système Figuré des Connaissances Humaines« der Encyclopédie Diderots und D’Alemberts, der später oft Grundlage von Bibliotheksordnungen und Katalogen war. Außerordentlich anschaulich wird die Verwandtschaft solcher Wissensordnungen in ihrer geometrischen Schönheit mit der Baukunst, ihrer gemeinsamen »Architectonic«: So heißt nach Kant die »Kunst der Systeme«.

Modelle und Fotografien zeigen die »architektonische Verfestigung« solcher Ordnungsvorstellungen in Bibliotheksgebäuden. Das Bedürfnis nach Konzentration, Auswahl und Kontemplation scheint hier mit dem Willen zu konkurrieren, das erworbene Wissen als allumfassend darzustellen, seine Beherrschung und seinen Besitz als Zeichen der Macht und des Reichtums zu repräsentieren. Als etwa im Escorial bei Madrid zum ersten Mal die Bücher nicht auf Pulten aufbewahrt wurden, wie in den Klosterbibliotheken zuvor, sondern in Schränken an der Wand, mehrte das nicht zuletzt die Pracht des Raumes, denn sie wurden mit dem geprägten Goldschnitt nach vorn aufgestellt. Neben Saalbauten, in denen Bänke und Büchertische zum Studium aufgereiht stehen, treten um die Mitte des 18. Jahrhunderts monumentale, Globalität symbolisierende Zentralbauten. Die Bibliothek des British Museum, die Bibliothèque nationale in Paris, die Library of Congress in Washington und die Königliche Bibliothek in Berlin entstehen als nationale Symbole mit von mächtigen Kuppeln überwölbten Lesesälen.

Leserkommentare
  1. Wer hat eigentlich angeblich die Bücher totgesagt? Habe ich noch nicht mitbekommen. Waren es etwa LatteMacchiato-trinkende iPad-Nutzer? Über Moden und ihre mit jedem Wimpernschlag wechselnden Mode-Medien wird die Zeit hinweggehen: Jede Woche wird ein neuer Trend, irgendeine Inovation zur Medienrevolution hochgejazzt, seit gefühlt 10 Jahren versucht man, das eBook zur Zukunft zu erklären, auch wenn partout keiner welche kauft.
    Aber Bücher sind von Dauer. Sie waren vor uns - sie werden nach uns sein. Und deshalb werden auch Bibliotheken noch sehr lange überwältigende, erotische (Geist ist geil!) Orte sein. =)

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    • Tisi
    • 31. Juli 2011 13:12 Uhr

    Immer wieder wurde in der Mediengeschichte irgendetwas totgesagt: das Theater ist tot, das Kino ist tot, das Buch ist tot. Mich nerven diese steten kulturpolitischen Apokalypsen sehr und ich finde es nicht lustig, wenn sie als journalistische Köder eingesetzt werden und noch viel weniger, wenn dies in "Die Zeit" geschieht.
    "Geist ist geil": super!!

    die damit arbeiten. Funktionen wie beispielsweise das Suchen von bestimmten Wörtern in PDF-Dateien sind von unschätzbarem Wert. Innerhalb einem Bruchteil einer Sekunde bekommt man angezeit wo überall im Text ein bestimmtes Wort/Begriff/Satz/Zusammenhang steht das/den man sucht.
    Für die Freizeit mögen Bücher noch für einige Zeit praktikabel sein, aber wer gezielt nach Informationen sucht (und darum geht es ja in den meisten Fällen in einer Bibliothek) wird nicht mehr umsteigen wollen.

    Werfen Sie doch einfach einen Blick über den Atlantik, die mist in solchen Trends etwas früher dran sind als wir. Vor kurzem hat die Buchkette Borders dort zu gemacht. Teils, weil sie das Online-Geschäft verschlafen haben, zum großen Teil aber auch, weil sich in den USA langsam eReader durchsetzen.

    Mit CDs war es doch das gleiche: Vor fünf Jahren habe ich gemeint, dass ich mir auf jeden Fall immer noch die wirklich guten Alben als CDs kaufen werde. Inzwischen ist es schon ewig her, wo ich mein letztes Album gekauft habe, da die Musik-Abonnement-Dienste einfach viel praktischer sind und man seine Wohnung nicht noch weiter zumüllen muss. Ähnlich wird es den Büchern ergehen, da nun die eReader qualitativ ernst zu nehmen sind.

    • Tisi
    • 31. Juli 2011 13:12 Uhr

    Immer wieder wurde in der Mediengeschichte irgendetwas totgesagt: das Theater ist tot, das Kino ist tot, das Buch ist tot. Mich nerven diese steten kulturpolitischen Apokalypsen sehr und ich finde es nicht lustig, wenn sie als journalistische Köder eingesetzt werden und noch viel weniger, wenn dies in "Die Zeit" geschieht.
    "Geist ist geil": super!!

  2. die damit arbeiten. Funktionen wie beispielsweise das Suchen von bestimmten Wörtern in PDF-Dateien sind von unschätzbarem Wert. Innerhalb einem Bruchteil einer Sekunde bekommt man angezeit wo überall im Text ein bestimmtes Wort/Begriff/Satz/Zusammenhang steht das/den man sucht.
    Für die Freizeit mögen Bücher noch für einige Zeit praktikabel sein, aber wer gezielt nach Informationen sucht (und darum geht es ja in den meisten Fällen in einer Bibliothek) wird nicht mehr umsteigen wollen.

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    • FranL.
    • 31. Juli 2011 20:13 Uhr

    Man kann bestimmte Daten viel schneller im Internet finden. Doch wenn Sie sich eingehender mit einem komplexen Thema beschäftigen wollen, z.B. mit Französischen Revolution, genügen die Informationsfetzen die man per PDF-Datei oder auf Wikipedia findet nicht. In "Die große Zukunft des Buches", gehen Umberto Eco und J.P. Carriere auf dieses Thema an. Eco hat recht wenn er schreibt, daß das Buch so genial ist, weil es nicht verbessert werden kann, so wie das Rad. Die eReader können eine gute Ergänzung sein, werden wohl eines Tages ganz die Schulbücher und Zeitungen ersetzen. Aber wie sollen Bildbände (großformatige, mit herrlichen Photos) durch diese Dinger ersetzt werden? Soll man Kleinkindern statt Bilderbüchern wirklich elektronische Geräte in die Hände geben? Was ist, wenn man ein Buch auf dem Reader irrtümlich löscht? Oder wenn es, wie vor einiger Zeit geschehen, extern gelöscht wird, weil man es zwar käuflich erworben hat, aber die Rechte nicht geklärt waren? Das geschieht mit klassischen Büchern nicht.

    So geht es dem, der getrieben wird und es zuläßt, getrieben zu werden. Derartige Menschen sind zwingend auf Informationen angewiesen, weil .....
    Kann ich nicht beantworten.
    Was ein Mehr an Leben, also an Lebensqualität ist, können Sie in der aktuellen Printausgabe der ZEIT im Interview mit Georg Kreisler lesen. Online habe ich das Interview nicht finden können. Also auch hier gilt. Das auf Papier gedruckte bringt uns weiter.
    Übrigens ein interessanter Mensch, klug und bescheiden und mit vielen weiteren positiven Attributen versehen. Ich werde mich mehr mit der Person Georg Kreisler beschäftigen, mit seinen Büchern, Gedichten, Satiren, denn ich bin sicher, es bewirkt Positives. Und ich muss es "auf Papier" lesen.

    ... liegt noch die Welt von "Lesen aus Freude". Nicht jede Bibliothek ist nur deshalb entstanden weil sie die Suche nach Wissen ermöglichen will. Aus dieser Sicht heraus ist mir meine (bescheidene) private Wand aus Büchern um Welten lieber als verschlagwortete Pdf-Dokumente... für die ich übrigens keinen Cent bezahlen würde.

    Ein Hesse, Preußler oder auch Pratchett als Pdf? Nein, danke.

  3. Werfen Sie doch einfach einen Blick über den Atlantik, die mist in solchen Trends etwas früher dran sind als wir. Vor kurzem hat die Buchkette Borders dort zu gemacht. Teils, weil sie das Online-Geschäft verschlafen haben, zum großen Teil aber auch, weil sich in den USA langsam eReader durchsetzen.

    Mit CDs war es doch das gleiche: Vor fünf Jahren habe ich gemeint, dass ich mir auf jeden Fall immer noch die wirklich guten Alben als CDs kaufen werde. Inzwischen ist es schon ewig her, wo ich mein letztes Album gekauft habe, da die Musik-Abonnement-Dienste einfach viel praktischer sind und man seine Wohnung nicht noch weiter zumüllen muss. Ähnlich wird es den Büchern ergehen, da nun die eReader qualitativ ernst zu nehmen sind.

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    Wenn man einmal den Preis ignoriert, sind da einfach ein paar Sachen die ein E-Reader nicht so schnell ersetzen kann. Taschenbücher kann man sich z.B. tatsächlich in die Tasche stecken im Bus rausholen, am See rausholen und muss sich nicht immer sorgen darum machen, dass das Display kratzer bekommt oder der Akku leer geht oder es geklaut wird.

    Den meisten Leuten fehlt es an der fahrlässigkeit die nötig ist mit einem E-Reader so umzugehen, dass das gleiche lesevergügen aufkomt. Stattdessen sitzen sie am Küchentisch, Ladekabel bereit und ein Lappen um das Display sauber zu machen.

    Zudem haben Bücher noch so viele andere Funktionen, sie können wackelige Tische reparieren, als Briefbeschwerer dienen, einnige Bücher sind groß genug um als Waffe zu dienen.

  4. Informationen suchen geht praktisch und schnell, ist jedoch kein Ersatz für profundes Wissen.
    Das sollte niemals verwechselt werden.

    Für zweiteres ist es notwendig, wenn man das aufbereitete Wissen in chronologischer, zusammenhängender Buchform von vorn bis hinten durchgegangen ist und dabei die Ruhe und Konzentration hatte, die ein Bildschirm bei Text nicht bieten kann.
    Für visuelle Darstellungen kann ein Bildschirm mit Videos und interaktiven Modellen allerdings widerum viel Vorstellungsarbeit und Translation von Text zu Bild ersetzen und das Lernen erleichtern. Hauptsache es wird dabei nicht verlernt, die Dinge zu benennen, wenn man nur noch das Bild kennt. Sprache und Eloquenz sind die Grundlage für Wissen und dessen Weitergebung.

    Mal ganz abgesehen von Batterielosigkeit, Gemütlichkeit und emotionaler Verbindung, welche unschätzbaren Wert einem profunden Lernprozess hat.

  5. Kommunikation VS Reizminderung VS Flexibilität/Behaglichkeit

    Das Rolex Learning Center von Sanaa hat einen kommunikativen Ansatz, es gibt sogar Kommikationskabinen. Für wirkliche Konzentration und Vertiefung geht man aber besser wieder nach Hause mit seinem Buch. Der schön gedachte Außenbereich scheitert an fehlendem Windschutz.

    Norman Fosters FU-Bibliothek hat eine transluzente Hülle anstatt von Fenstern, um Konzentration zu erleichtern, wirkt jedoch mit den grauen Tischen und grellen Lampen wie ein Aktenlager, ungastlich.

    Max Dudlers HU-Bibilothek hingegen hat viel Holz und angenehme Materialien/Farben mit gutem Tageslichteinfall, was einlädt, dort auch mal länger zu bleiben. Es gibt einen großen Ruheraum zur Konzentration, Fensterplätze nahe den Regalen für aktivere Recherche und Ausblick ohne hundert andere Lesende im Blick und gemütliche Sitzecken, die zur Diskussion einladen. Wenn auch die Regalgänge etwas steril wirken, ist sie meiner Meinung sehr gelungen, was sich auch an ihrer gnadenlosen Überfüllung zu Stoßzeiten zeigt, die sich direkt mit dem überforderten und unflexiblen Garderobensystem beißt. Hierzu trägt allerdings auch ihre zentrale Lage bei.

    Dies sind nur drei Bibilotheksmodelle, es gibt natürlich hunderte Lösungen, die manchmal mit der Detailausführung stehen und fallen können. Aber ihr Nutzen verliert sich erst bei liebloser Ausführung und schlechter Angebotspflege.

    • FranL.
    • 31. Juli 2011 20:13 Uhr

    Man kann bestimmte Daten viel schneller im Internet finden. Doch wenn Sie sich eingehender mit einem komplexen Thema beschäftigen wollen, z.B. mit Französischen Revolution, genügen die Informationsfetzen die man per PDF-Datei oder auf Wikipedia findet nicht. In "Die große Zukunft des Buches", gehen Umberto Eco und J.P. Carriere auf dieses Thema an. Eco hat recht wenn er schreibt, daß das Buch so genial ist, weil es nicht verbessert werden kann, so wie das Rad. Die eReader können eine gute Ergänzung sein, werden wohl eines Tages ganz die Schulbücher und Zeitungen ersetzen. Aber wie sollen Bildbände (großformatige, mit herrlichen Photos) durch diese Dinger ersetzt werden? Soll man Kleinkindern statt Bilderbüchern wirklich elektronische Geräte in die Hände geben? Was ist, wenn man ein Buch auf dem Reader irrtümlich löscht? Oder wenn es, wie vor einiger Zeit geschehen, extern gelöscht wird, weil man es zwar käuflich erworben hat, aber die Rechte nicht geklärt waren? Das geschieht mit klassischen Büchern nicht.

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    Büchern die als PDF-Dateien gespeichert sind. (Viele Bibliotheken sind momentan dabei ihren Bestand zu digitalisieren.) Wie hier der Unfang der Inhalte geringer sein soll müssen Sie mir erklären.
    Zum Datenverlust: Stadtarchiev Köln, Hausbrände,... Das Schrift auf Papier sicher vor Datenverlust ist wäre mir neu.

    • FranL.
    • 31. Juli 2011 20:20 Uhr

    Das klassische Buch ist so genial weil es so einfach ist. Ich schlage es auf und kann es lesen (natürlich nur, wenn ich die Schrift lesen kann und die Sprache beherrsche). Ich brauche dazu keine Batterien. Wenn der eReader überraschend kaputt geht kann ich erst wieder zu lesen anfangen, wenn ich mir einen neuen gekauft habe. Letztendlich ist es (fast) unverwüstlich. In alten Bibliotheken gibt es Bücher die tausend Jahre alt sind, alte Handschriften die man jetzt noch lesen kann. Ich besitze Bücher die älter sind als meine Urgroßeltern, ich kann sie lesen, aber mit fünfzehn Jahre alte Disketten kann ich jetzt nichts mehr anfangen, weil mein Laptop kein Diskettenlaufwerk hat. Die CD-Roms die ich jetzt nutze um meine Daten abzuspeichern werden mir in fünfzehn Jahren nichts nutzen, weil ich dann garantiert einen anderen Computer haben werden.

    Abgesehen davon erweisen sich die digitalen Datenträger als unbeständig.

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