Haben deutsche Firmen keine Fantasie? Oh doch! Die Broschüren sind voll mit kühnen Wünschen: »Wir reden miteinander, nicht übereinander«, »Wir sind die ersten Diener unserer Kunden«, »Mitarbeiter sind unser wertvollstes Kapital«. Diese Visionen sollen als Leitsterne funkeln. Und ist das nicht gut so? Vor jeder großen Tat stand eine große Idee. Die ersten Menschen sind nicht mit einem Flugkörper zum Mond gereist, sie taten es mit ihrer Fantasie.

Bedeutet das: Ein Unternehmen, das eine mutige Vision formuliert, ist auf dem Weg in andere Sphären? Lassen sich dort, wo jeden Tag die Fetzen fliegen, die Friedenstauben herbeivisionieren? Lassen sich Hierarchien, die steil wie die Eigernordwand sind, mit einer Vision abtragen? Und ist ein Management, das täglich vor dem Altar der Rendite kniet, mit der Medizin einer Vision von der Plutokratie heilbar?

Gegenfrage: Was geschieht auf einer Weihnachtsfeier , wenn dort ein Alleinunterhalter mit ernstem Gesicht die Firmenvision zitiert? Alles lacht! Die Kluft zwischen Vision und Wirklichkeit ist in den meisten Firmen nicht zu überbrücken. Nicht auf ein erreichbares Ziel, sondern auf einen unheilbaren Mangel weisen Visionen in der Regel hin. Was die Taten verfehlen, sollen die Worte wettmachen. Mitarbeiter merken das; sie sind nicht blöd.

Goethe würde sagen: Es ist nicht genug, eine Vision zu entwickeln – man muss auch tun. Wo die Ideen der Mitarbeiter vom Management abprallen, wo zum Meeting nur die Oberhäuptlinge Zutritt haben, wo die Vorstände mit Rekordgehältern belohnt und die Mitarbeiter mit Nullrunden abgespeist werden, dort läuft eine Vision von Demokratie ins Leere wie ein Volksbegehren in einer Diktatur.

Umgekehrt: Wo Mitarbeiter und Vorgesetzte an einem Strang ziehen, muss niemand den gegenseitigen Respekt in goldenen Visionslettern anmahnen. Und wo Offenheit herrscht, wäre der Spruch »Hier arbeiten alle miteinander und nicht gegeneinander!« ein lächerlicher Pleonasmus.

Wie man kein Produkt nach seiner Werbung beurteilen sollte, allenfalls umgekehrt, so sollte man keine Firma nach ihrer Vision beurteilen. Das gilt vor allem beim Bewerben. Interessante Frage im Vorstellungsgespräch: »Können Sie mir ein paar Beispiele nennen, wie Ihre Vision im Alltag angewendet wird?« Je länger das Schweigen jetzt dauert, desto mehr ist gesagt!