Welches Land investiert am meisten Geld in den USA? Etwa China, das Reich der vollen Dollarkassen? Oder Deutschland, der Wirtschaftsmotor Europas? Ach was, es ist die Schweiz. Laut Daten, die das Handelsministerium in Washington jüngst veröffentlicht hat, landete sie bei den ausländischen Direktinvestitionen letztes Jahr auf Rang eins – vor Großbritannien, Japan, Frankreich und Deutschland: Helvetische Unternehmen kauften US-Firmen, bauten US-Fabriken oder gründeten US-Filialen für 36 Milliarden Dollar.

Dieser Betrag ist an sich schon ein ernsthafter Faktor: Aus allen Ländern der Erde flossen letztes Jahr 194 Milliarden Dollar an Direktanlagen in die USA. Obendrein gehört die Schweiz schon seit langem zu den Top Eight, also jenen acht Staaten, die zusammen über 80 Prozent der Investitionen in Amerika tätigen; 2008 und 2009 lag sie zum Beispiel auf den Rängen drei und vier. Und schließlich sind Direktanlagen besonders gutes Geld: Wie das Department of Commerce vorrechnete, schaffen sie überdurchschnittlich gut bezahlte Arbeitsplätze – sowie Jobs, die in Krisenzeiten weniger rasch abgebaut werden.

Dass ausgerechnet Schweizer Unternehmen im vergangenen Jahr zwischen east coast und west coast dermaßen prominent aufschienen, mag ein bisschen dem Zufall geschuldet sein. So dürfte sich die Übernahme des Augenheil-Konzerns Alcon durch Novartis in der Statistik spürbar niedergeschlagen haben. Vor allem aber zeigt sich hier ein weiterer Aspekt der Währungsentwicklung: Der billigere Dollar verleitet nicht nur Herrn Hinz und Frau Kunz zu Shoppingtrips über den Atlantik, sondern auch Konzernchefs. Und umgekehrt betrachtet: In den Investitionszahlen wird bereits greifbar, dass die Industrie wegen des hohen Frankens einen Teil ihrer Produktion und ihrer Kosten auslagert – so erklärt Martin Naville, der Chef der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer, die Entwicklung. »Hier zeigt sich schon eine Reaktion auf die Hausse des Frankens.«

Dennoch: Die erwähnten 36 Milliarden spiegeln auch ein spezifisches helvetisches Vertrauen in die US-Wirtschaft und ihre Währung. Unternehmen aus Ländern wie Australien oder Kanada, die in früheren Jahren ebenfalls namhafte Direktinvestoren waren, fuhren die Neu-Engagemente 2010 zurück. Obendrein ist das Wohlwollen gegenseitig: Die Schweiz ist siebtgrößter Empfänger von amerikanischen Direktanlagen, und US-Unternehmen legen hier mehr Geld an als ihre Konkurrenten aus Deutschland (Rang zwei) oder Frankreich (Rang drei).

Bemerkenswert ist allerdings, wie leicht das übersehen wird. Der Top-Rang bei den Direktinvestitionen wurde in der hiesigen Öffentlichkeit gar nicht erst zur Kenntnis genommen. Andererseits wecken die jüngst angekündigten US-Klagen gegen Schweizer Banker neue Ängste vor einer weiteren Erniedrigung, vor einer neuen Affäre à la UBS. Und das knallharte Auftreten der Amerikaner bei den Verhandlungen zur Bereinigung der Bankenaltlasten weckt vielfach das Gefühl, man habe es jenseits des Atlantiks mit einem schlechten Partner zu tun.

Dabei hätte die Schweiz eine solide Basis, um in Washington selbstbewusst aufzutreten: Die Reibereien, welche die Banken mit ihren Offshore-Geschäften verschuldet haben, finden zwischen ebenbürtigen Parteien statt – siehe oben. Zudem sind sie gar nicht so entscheidend: Der distanziertere Blick auf die Verflechtungen zeigt ein intaktes Verhältnis, das auf jahrzehntealten, tiefen Beziehungen der Industrie basiert.

Die Finanzbranche wird sich in Amerika wohl noch auf absehbare Zeit für frühere Sünden rechtfertigen müssen. Aber das ist letztlich Privatsache. Es ist das Problem einiger Banker, einiger Firmen, einer Branche – aber gewiss keine Notlage für die Schweiz.