Andre Westerkamp kommt drei Minuten zu spät. Damit habe ich nicht gerechnet. Immerhin trägt der 45-Jährige den Titel »Deutschlands Chauffeur des Jahres« , mit anderen Worten: Keiner kutschierte seine Gäste 2010 so gut durch die Republik wie er. Das zumindest hat der Bundesverband der Chauffeur & Limousinen Service Unternehmen entschieden. Sicher: Auszeichnungen dieser Art gibt es wie Sand am Meer. Jede Branche verleiht Pokale oder Urkunden für ihre Besten. Trotzdem weckt der Superlativ Interesse.

Preisträger Westerkamp holt mich in Osnabrück ab. Der selbstständige Chauffeur trägt einen schwarzen Anzug, Krawatte und ein Bärtchen, ähnlich dem der Musketiere, leichte Geheimratsecken und ausgeprägte Stirnfalten, die beim Sprechen lustig hüpfen. Trotz Verspätung steigt er gemächlich aus seinem Audi A8, Langversion. Westerkamp geht, nein: Er gleitet um sein 5,34 Meter langes Fahrzeug, begrüßt mich mit kräftigem Händedruck. Dann öffnet er die Autotür hinten rechts und sagt: »Stilecht soll es ja sein. Ich bitte, die Verspätung zu entschuldigen.« Ein Unfall, Stau und keine Ausweichmöglichkeit. Auch ein Chauffeur steckt mal fest.

Das wohltemperierte Auto gewährt endlose Beinfreiheit, dazu gibt es hellbraune Ledersessel, WLAN, eine Steckdose für technisches Gerät. Hier sitzen also sonst die Vorstände, Banker und Rechtsanwälte, die Westerkamp durch Deutschland und Europa fährt. Namen will er nicht nennen – mit Ausnahme von José Carreras, der offenbar nichts dagegen hat, von Westerkamp erwähnt zu werden. Grundsätzlich aber gehört Diskretion zum Geschäft.

Sein Fahrstil ist solide und sicher, nicht außergewöhnlich – mit Ausnahme des oft und nahezu theatralisch ausgeführten Schulterblicks. Westerkamp führt Buch über die Vorlieben seiner Gäste. So weiß er, welche Zeitungen und Getränke erwünscht sind, begrüßt mal mit FTD und Mineralwasser, mal mit SZ und Cola. »Harmonie ist in diesem Beruf das Schlüsselwort«, sagt er mit weicher, ruhiger Stimme. »Schließlich verbringen der Kunde und ich gemeinsam viel Zeit auf drei Quadratmetern.«

Wir fahren nach Bramsche, vor den Toren Osnabrücks. Hier wohnt Westerkamp. Hier ist er groß geworden, in einem alten Bahner-Haus. Der Vater fuhr früher Reisebusse. »Vielleicht hat das abgefärbt«, sagt Westerkamp, während er wendet und den Wagen erneut in Richtung Osnabrück steuert – vereinbart war nur eine kurze Spritztour, eine Testfahrt gewissermaßen.

Ein Hauch von Pfefferminz liegt in der gekühlten Luft des Wageninneren. »Guter Atem gehört dazu«, sagt Westerkamp, »ebenso wie gutes Benehmen.« Zu Hause blättere er auch manchmal im Knigge. Aber reicht das denn für den Titel Chauffeur des Jahres? Zumindest dann, wenn auch die formellen Kriterien der Jury erfüllt sind, die Westerkamp als Liste vorträgt: »Keine Punkte in Flensburg, ein lupenreines polizeiliches Führungszeugnis, Nachweise über Fahrsicherheitstrainings, nationale und internationale Berufserfahrung, geschulter Umgang mit Oberklassefahrzeugen und gute Allgemeinbildung.«

Zurück in Osnabrück, steuert Westerkamp den Wagen am ehemaligen Karmann-Gelände vorbei, das seit der Insolvenz des Autozulieferers Volkswagen Osnabrück gehört. Westerkamp fällt es schwer, sich mit den neuen Besitzverhältnissen anzufreunden: »Mir tut es weh, dieses VW-Logo am alten Karmann-Turm zu sehen.« Zwanzig Jahre lang hat er hier gearbeitet. Nach seiner Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann landete er im Fuhrpark, machte erst kleinere Fahrten, dann einige größere, irgendwann auch die ganz großen. Er wurde zum Chefchauffeur ernannt, beförderte die Vorstände. 2007 verließ er den Betrieb, um einen eigenen Fahrservice aufzubauen.

Für seinen Partner, der diese Firma schließlich gründete, arbeitet Westerkamp mittlerweile als Angestellter. Das Geschäft laufe gut, beteuert er mehrmals, auch wegen der Auszeichnung zum Chauffeur des Jahres. Manchmal sogar fast zu gut, weil das Familienleben bei etwa 100.000 Kilometern pro Jahr oft auf der Strecke bleibe.

Heute muss er noch nach Hannover – spontane Anfrage eines Stammkunden. Unsere Tour endet vor meiner Haustür. Westerkamp öffnet formvollendet die Wagentür. Die Nachbarn schauen irritiert: Hat der Romberg jetzt einen Chauffeur? Ja, sogar den Chauffeur des Jahres. Leider nur für eine Fahrt.