Als wir Georg Kreisler besuchen, herrschen in Salzburg Temperaturen von über 30 Grad Celsius. Auf der Anfahrt beschleicht uns die Sorge, unser Gesprächspartner – der immerhin auf die 90 zugeht – könnte sich nicht kräftig genug fühlen für ein langes Interview. Doch als wir an seinem Haus in der Nähe des Aigner Schlosses klingeln, macht uns ein gut gelaunter alter Herr auf, der darauf brennt, unsere Fragen zu beantworten. Es gibt keinen besonderen Anlass, Georg Kreisler zu interviewen, außer dass er seinen 89. Geburtstag gefeiert hat und außer dass er der eigenwilligste und abgedrehteste Liedermacher ist, den wir kennen, und außer dass wir froh sind, dass er noch lebt. Seine kabarettistischen Songs sind voller Witz und Tücke. Grausam, grenzenlos, gemein und genial. Manchmal bloß surrealistische Wortspiele wie »Max auf der Rax«, manchmal traurig wie »Mein kleines Mädele«, manchmal schwermütig wie »Ich kann tanzen«, manchmal verliebt wie »Verlassen«, manchmal verrückt wie der »Opernboogie«. Auch politische Lieder hat Kreisler in den sechziger und siebziger Jahren geschrieben, nicht selten mündeten sie in herbeifantasierte Revolten oder Blutbäder. Wenn er sang, hämmerten seine Finger mit enormer Virtuosität auf das Piano ein – auf Tonträgern kann man es immer noch hören. Das Klavier bildet nach wie vor das Zentrum seines Wohnzimmers.

DIE ZEIT: Herr Kreisler, vor Ihnen sitzen zwei Journalisten, die Ihre Stimme, Ihre Lieder und Ihr rasendes Klavierspiel seit ihrer Kindheit kennen. Unsere Eltern haben uns Ihre Platten geschenkt, und Ihre Lieder haben uns ein Leben lang begleitet. Spielen Sie immer noch jeden Tag Klavier?

Georg Kreisler: Nein. Warum? Jeden Tag wär doch langweilig. Ich geh ans Klavier, wenn ich komponiere – allerdings nur ernste Musik. Mit dem Liederschreiben habe ich schon in den achtziger Jahren aufgehört.

ZEIT: Wieso?

Kreisler: Ich hab gemerkt: Mir fällt nichts Gescheites mehr ein. Ich hab neue Lieder weggeworfen und weggeworfen und schließlich begriffen: Ich hab in meinen Liedern alles gesagt .

ZEIT: Sie hatten am 18. Juli Geburtstag, Sie sind ins 90. Lebensjahr eingetreten.

Kreisler: Dafür bin ich dankbar. Ich höre gut, sehe gut, fahre Auto. Nur die Beine sind schlecht.

ZEIT: Da geht es Ihnen wie dem alten Portier in Ihrem Lied Unheilbar gesund , das vom Altwerden handelt. Der Portier bewegt sich mit seiner Nichte durch eine sich auflösende Welt, und zuletzt heißt es: »Doch die Nichte wird zum Nichts / und in seinen Füßen sticht’s / er bleibt stehen, denn die Füße tun ihm weh...« Jetzt sind Sie selber unheilbar gesund.

Kreisler: Meine Beine sind unheilbar, das stimmt. Sonst bin ich gesund. Nur langsamer bin ich geworden, komplizierte Passagen am Klavier hab ich früher besser gespielt.

ZEIT: In Ihrer Autobiografie sagen Sie: »Nur die Unzufriedenheit macht glücklich.« Was meinen Sie damit?

Kreisler: Mit Unzufriedenheit meine ich, dass man nicht aufhören soll, nach etwas zu streben. Sich für etwas zu interessieren. Gerade hat mir meine Frau aus der Zeitung vorgelesen, dass sich jetzt Rentner melden, um an Bahnhöfen anderen alten Leuten beim Umgang mit den Automaten zu helfen. Ich denke mir, das können doch nur Rentner sein, die wirklich nichts anderes zu tun haben. Es ist schön, dass sie sich melden, aber es ist gleichzeitig ein Armutszeugnis: Ist ihnen langweilig? Lesen sie keine Bücher? Hören sie keine Musik? Interessieren sie sich nicht für Politik? Interessieren sie sich nicht für Kunst? Gar nichts? Lieber helfen sie anderen Leuten, Fahrkartencomputer zu bedienen. Ein trauriges Zeichen.

ZEIT: Wieso? Das ist doch freundlich! Alte Leute plagen sich am Automaten ab, und dann kommt einer und hilft...

Kreisler: Es ist hilfreich wie jede Arbeit, das wohl. Aber es ist Arbeit. Der Ruhestand ist für anderes da. Reisen, lesen, Musik hören, Gespräche führen, sich für Dinge interessieren, für die keine Zeit war und die nicht im Fernsehen zu sehen sind. Sich weiterentwickeln.

ZEIT: Obwohl man nicht mehr nützlich ist?

Kreisler: Man ist nützlich, wenn man sich weiterentwickelt.

ZEIT: Nicht mehr nützlich für den Arbeitsmarkt.

Kreisler: Was ist schon der Arbeitsmarkt...

ZEIT: Und als Ziel bleibt: klüger sterben?

Kreisler: Das Ziel heißt: sich nicht mehr ausnützen lassen, sondern Dinge tun, die Freude machen. Vielleicht macht es den Rentnern ja Spaß, alten Leuten zu helfen, aber das ist ein Eingeständnis, dass sie sich ohne Arbeit nutzlos fühlen. Die Bahn sollte lieber jemanden anstellen, der den alten Leuten hilft, und nicht Rentner, die ohnehin ihr Leben lang geschuftet haben, erneut ausbeuten. Immerhin hat die Bahn selbst ja diese undurchschaubaren Computer aufgestellt.

ZEIT:Martin Walser sagte, als er einen hohen Geburtstag beging, er sei »sensationell unvorbereitet« auf das Alter. Obwohl er sein Leben lang über Menschen geschrieben hat, die Probleme mit dem Altern haben. Ist Ihnen dieses Gefühl vertraut?

Kreisler: Nichts, was Martin Walser sagt, ist mir vertraut. Es ist die typische Äußerung von jemandem, der das Alter als Fluch empfindet. Ich finde das überhaupt nicht. Das Alter ist manchmal unangenehm, aber andere Sachen sind auch unangenehm. Das Alter ist eine ganz spezielle Lebenszeit, vorbereiten kann man so was nicht. Das Alter ist auch ein Erlebnis. Wie gesagt, ich bin dankbar.