Kabarettist Georg Kreisler "Man schreibt Böses, um Gutes zu bewirken"
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"Heute sind die Leute klüger durch das Internet"

ZEIT: Was war das für ein Mann?

Kreisler: Sehr gescheit, klug, interessant. In meinen Augen das Gegenteil von Frisch. Frisch war Architekt, und so hat er auch geschrieben.

ZEIT: Auch Charlie Chaplin haben Sie gekannt.

Kreisler: Ja, aber das war früher, 1947, in den Studios von Hollywood, ich habe für ihn Klavier synchronisiert. Im Film Monsieur Verdoux spielt Chaplin Klavier, aber hören tut man mich. Ich habe auch seine Musikideen vertont. Chaplin konnte keine Noten lesen. Also pfiff er Melodien, ich schrieb die Noten auf und brachte sie zu Hanns Eisler, der in Malibu wohnte und aus meinen Noten die Musik arrangierte. Chaplin war sehr liebenswürdig und ungeheuer sozial eingestellt. Ich kann nur Gutes über ihn sagen. Eisler war eher kühl. Er nahm nur schnell die Noten in Empfang und schloss die Tür.

ZEIT: Bereuen Sie es manchmal, nach Europa zurückgekehrt zu sein? Wenn Sie sich mit Ihren surrealistischen Liedern in den USA durchgesetzt hätten, wäre der Erfolg ungleich größer gewesen.

Kreisler: Nein, die USA haben schon in den frühen Fünfzigern, in der McCarthy-Ära einen finsteren Weg beschritten, von heute ganz zu schweigen. Auch wenn ich dieser Tage in die USA reise – es ist jedes Mal eine Qual. Die Restriktionen, die Prüfungen. Es ist ekelhaft. 1947 habe ich schwarze Lieder noch auf Englisch geschrieben. Die Platte hieß Please Shoot Your Husband. Nach ein paar Wochen teilte mir die Plattenfirma mit, dass ihre Vertreter sich weigerten, die Platte zu vertreiben.

ZEIT: Ihre amerikanischen Lieder kann man heute im Internet hören.

Kreisler: Zu meiner Zeit gab es kein Internet, da konnten die Fernsehsender und die Plattengesellschaften verhindern, dass die Öffentlichkeit mich hört. Seither agierte ich am Rande. Heute sind die Leute klüger durch das Internet. Und deshalb wird eines Tages auch eine Revolution kommen. Dann werden die Massenmedien aufwachen und ihrem Erziehungsauftrag wieder nachgehen. Erziehung kann ja durchaus unterhaltsam sein. Wie man an Erich Kästner sieht, der mich stark beeinflusst hat.

ZEIT: Kästner war am Ende resigniert. Er saß am Fenster in München und trank Whiskey.

Kreisler: Ich weiß, ich habe ihn dort kennengelernt. Er gehört zu meinen Seelenverwandten wie Ringelnatz, Morgenstern, Nestroy.

ZEIT: Zurück zum Internet – Sie bezeichnen sich selber als Anarchisten und glauben daher an die Masse und ihre Schwarmintelligenz?

Kreisler: Ja. Ich traue der Masse viel zu.

ZEIT: Das wundert uns, in der ersten Hälfte Ihres Lebens war die Masse eher bestialisch.

Kreisler: Jetzt erweist sie sich eventuell als heilsam. In den arabischen Ländern weiß man, man will nicht zu den Mubaraks zurück. Die Masse ist durch das Internet nicht mehr so manipulierbar wie zu meiner Zeit. Früher wurden die Leute durch das Radio beschallt. Das Internet dagegen ist Anarchismus. Es wird dort natürlich auch viel Schmarren verbreitet, das sehe ich schon, wenn ich mich hin und wieder an den Computer begebe und aufrufe, was über mich selbst geschrieben wird. Aber trotzdem könnten die Völker durch das Internet aufgeklärt werden und erfahren, dass es eine Welt außerhalb von Diktaturen gibt.

Das Interview geht zu Ende, wir schauen uns um. Obwohl Georg Kreisler auch in diesem Haus erst seit vier Jahren lebt, ist jedes Zimmer vollgestopft. Er schleppt offenbar sein ganzes Leben mit sich herum. An den Wänden hängen Bilder. Tische und Tischchen, Lampen und Lämpchen, Figuren und Figurinen füllen den Raum. Drei Lkw und 400 Kisten waren für den letzten Umzug nötig. »Nichts wirklich wertvoll«, sagt Kreisler, »aber an allem hängt eine Erinnerung.« Da steht eine lauschige Hausbar, im Gartenhaus gibt es noch eine zweite, die haben Kreisler und seine Frau, die Schauspielerin Barbara Peters, aus Amerika importiert. Frau Peters kommt während des Gesprächs ab und zu herein und schaut, ob die Gäste noch genug Kuchen und Mineralwasser haben. Kreisler schaut seine 20 Jahre jüngere Frau an. »Wirst du mich noch lieben, wenn ich so alt bin wie der Johannes Heesters?«, fragt er sie. Und sie antwortet: »Den Heesters hab schon als jungen Mann nicht gemocht. Dich mag ich auch mit hundert.«

ZEIT: Haben Sie nach einem so aufregenden Leben noch Wünsche?

Kreisler: Ich möchte so lange wie möglich mit meiner Frau Barbara zusammen sein. Es ist eine sehr gute Ehe.

ZEIT: Immerhin Ihre vierte...

Kreisler: ...die aber schon 35 Jahre andauert.

ZEIT: In Ihren Liedern werden die Frauen oft schlecht behandelt. Man gewinnt den Eindruck, Sie könnten Frauen nicht leiden. Wir denken an Bidla buh, wo eine Geliebte nach der anderen zu munteren Klängen abgemurkst wird, an den Schönen Heinrich, wo Frauen sich von einem Popanz demütigen lassen, oder an I hab ka Lust, wo es gegen die Ehefrauen geht.

Kreisler: Die Lieder entstanden in einer Zeit, als es die Frauenbewegung noch nicht gab, dafür aber eine Menge Herrenwitze. Es herrschte damals ein anderer Grundton in der Gesellschaft, man hat sich über Frauen lustig gemacht. Und dem habe ich mich angeschlossen. Es war eine Konzession an den Zeitgeschmack. Man tut viel, wenn man kein Geld hat.

ZEIT: In Ihrem Lied über das opportunistische Kabarett heißt es: »Anfangs macht man Konzessionen, um zu essen und zu wohnen / später macht man Konzessionen für Personen, die sich lohnen / bis man eines Tages einzusehn beginnt / dass die meisten Konzessionen keine mehr sind / Denn man teilt die Meinung derer / die es leichter haben statt schwerer / und das Publikum will lachen / und man kauft sich schöne Sachen«. Das klingt wie Kritik an sich selber, denn die Frauen hatten es damals schwer.

Kreisler: Ja, mein Umgang mit den Frauen war ein Fehler. Ich finde das heute selber nicht mehr gut.

ZEIT: In Ihrem jiddischen Lied Für was bist du gekommen fragen Sie ein Neugeborenes, was es auf dieser hässlichen Welt bewirken will. Dasselbe wollen wir jetzt am Ende Ihres Lebens von Ihnen wissen: Für was sind Sie gekommen?

Kreisler: Das ist eines der Geheimnisse des Lebens. Diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten. Sie geht über meinen Horizont.

 
Leser-Kommentare
    • Zenj
    • 01.08.2011 um 17:33 Uhr

    Kreisler war immer einer der Besten! Hochachtung!!! Chapeaux!

    ...und heute?
    Vielleicht 'The Tiger Lillies' ...
    http://www.youtube.com/wa...

  1. Ich schätze Kreisler sehr.

    Vielleicht irre ich, aber das Interview empfinde ich größtenteils als zu tratschig, zu bieder. Vielleicht gründet es sich in diesen dahinplätschernden Klatschfragen: Wer war mit wem wie lange zusammen? Wie denken die Kinder über den alternden Vater? etc. Manche Passagen finde ich, insb. gegenüber einem 90-jährigen Mann, irgendwie beleidigend und hohl. Leise beschleicht mich Gefühl, dass es die falschen Interviewer gewesen sind.

    Was den Titel ("Man schreibt Böses, um Gutes zu bewirken") betrifft, ein Auszug aus der ZEIT-Online-Netiquette:

    "Zynismus und Ironie sind in schriftlichen Kommentaren oft nicht eindeutig zu erkennen. Vermeiden Sie diese Stilmittel, um die Diskussion nicht unnötig anzuheizen und nicht missverstanden zu werden."

  2. Das Taubenvergiften im Park stammt allerdings nicht von Georg Kreisler, sondern von Tom Lehrer http://www.youtube.com/wa... da hat er geklaut, was meine Sympathie für Kreisler aber nicht schmälert...;-)...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Da haben Sie mir die Worte aus dem Mund genommen. Auch ein anderes, weniger bekanntes Lied von Kreisler ("Ich habe deine Hand") weist auffällige Parallelen zu Lehrers "I Hold Your Hand In Mine" auf. Ein Schelm, wer Böses denkt ;-)

    Meine Sympathie für Kreisler würde es in keinster Weise schmälern, wenn er es denn wenigstens nicht leugnen würde, schließlich liegt es ziemlich offensichtlich auf der Hand. Wie dem auch sei, sowohl Kreisler als auch Tom Lehrer sind ansonsten uneingeschränkt zu empfehlen.

    Da haben Sie mir die Worte aus dem Mund genommen. Auch ein anderes, weniger bekanntes Lied von Kreisler ("Ich habe deine Hand") weist auffällige Parallelen zu Lehrers "I Hold Your Hand In Mine" auf. Ein Schelm, wer Böses denkt ;-)

    Meine Sympathie für Kreisler würde es in keinster Weise schmälern, wenn er es denn wenigstens nicht leugnen würde, schließlich liegt es ziemlich offensichtlich auf der Hand. Wie dem auch sei, sowohl Kreisler als auch Tom Lehrer sind ansonsten uneingeschränkt zu empfehlen.

  3. Kinder zertrammpeln und Atomkraftwerke in die Luft jagen ist nicht zur Gewalt aufrufend?
    Wird hier nicht Gewalt verherrlicht?
    Wer beobachtend wachsam die möglichen Nachahmer?
    Ist hier nicht die Demokratie in Gefahr?
    Werden mögliche Fans als mögliche zukünftige Massenmörder beobachtet?

    Eine Leser-Empfehlung
    • Stt
    • 01.08.2011 um 19:09 Uhr

    Überschrift!

  4. 6. Ditto

    Da haben Sie mir die Worte aus dem Mund genommen. Auch ein anderes, weniger bekanntes Lied von Kreisler ("Ich habe deine Hand") weist auffällige Parallelen zu Lehrers "I Hold Your Hand In Mine" auf. Ein Schelm, wer Böses denkt ;-)

    Meine Sympathie für Kreisler würde es in keinster Weise schmälern, wenn er es denn wenigstens nicht leugnen würde, schließlich liegt es ziemlich offensichtlich auf der Hand. Wie dem auch sei, sowohl Kreisler als auch Tom Lehrer sind ansonsten uneingeschränkt zu empfehlen.

  5. Danke für das Interview. Möge er hundert Jahre alt werden!
    Ein paar Gedanken zu Kreisler hier:
    http://ad-sinistram.blogs...

  6. ein wirklich wichtiger Künstler im deutschsprachigen Raum. Seine alten Texte sind auch heute noch überwiegend aktuell.
    Und wenn er Fehler begangen hat (Frauen), dieses auch öffentlich zu bekennen, zeugt von wahrer Größe.
    Bleiben Sie uns bitte noch lange erhalten.

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