Digitale Grundschule Guten Morgen, Herr Rechner!

Kinder können am Computer Jets steuern, die Bundesliga managen, Zivilisationen aufbauen. Könnten sie so nicht auch Grammatik und Rechnen lernen? Eine Reise zur digitalen Grundschule der Zukunft

Mit dem Zeigefinger kritzelt Jens Haase das Wort »Schule« an die riesige Computertafel vorne im Klassenzimmer. Ein Fingertippen verwandelt den Schriftzug in Druckschrift. Blitzschnell kopiert er einen Wikipedia-Text über das menschliche Ohr aus dem Internet-Browser, färbt darin einzelne Wörter weiß und macht sie so, für ein kleines Ratespiel, unsichtbar. Dann malt er eine grüne Kreisfläche, »meine Lösungslupe«, schiebt sie unter eines der unsichtbaren Wörter, und da steht es wieder, weiß auf grün. Handgemalte Kreise und Rechtecke werden von der Tafel-Software perfekt zurechtgerückt, Linien können alle Farben und Formen annehmen. »Und wenn ein Kind erst mal nicht schreiben will«, sagt Haase, »dann sieht es vielleicht, dass es hier auch eine Sternenschrift gibt« – er zaubert eine geschwungene Linie aus goldenen Sternen auf den Bildschirm und beendet seine kleine Vorführung mit den triumphierenden Worten: »und dann will es plötzlich doch an die Tafel.«

Jens Haase ist 62 Jahre alt und Leiter der Grundschule an der Bäke im Berliner Stadtteil Lichterfelde. Mit seinem ergrauten Vollbart und seiner rundlichen Brille wirkt er wie der gute alte Lehrer aus dem Bilderbuch und nicht wie ein Vorkämpfer der digitalen Revolution in der Grundschule. »Die Möglichkeiten dieser neuen Tafeln«, sagt er, »sind einfach phänomenal.« Deshalb hat seine Schule als erste staatliche Grundschule der Stadt (und als zweite in Deutschland) alle ihre Kreidetafeln abmontiert und durch Computerbildschirme ersetzt. Vor zwei Jahren, als die letzte Kreidetafel aus der Schule verschwand, war Haase seiner Zeit weit voraus.

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Und heute ist er das immer noch. Ein »interaktives Whiteboard«, wie der berührungsempfindliche Riesenmonitor etwas umständlich genannt wird, steht in weiterführenden Schulen immer häufiger, an deutschen Grundschulen ist es nach wie vor eine Ausnahme. Dabei kann dieser große Bildschirm eines besonders gut: die Aufmerksamkeit kleiner Kinder auf sich ziehen – allerdings auch die Bedenken vieler Eltern und Lehrer. Denn die Whiteboards eignen sich als Projektionsfläche nicht nur für Pixel und digitale Medien aller Art, sondern auch für unsere gemischten Gefühle gegenüber dem Computer – und die sind umso heftiger, wenn es um die jüngsten Schüler geht.

Werden sie in ihren ersten Schuljahren statt menschlicher Zuwendung bald bloß noch kühle Technik erfahren? Sollen sie – Stichwort: Lehrermangel – stundenlang am Computer ruhiggestellt werden? Das ganze Verschusselungspotenzial des Computers, der unsere Konzentration zerstückelt und unser Gedächtnis schwinden lässt (Mozarts Geburtsjahr? Wikipedia!) – sollte man das nicht fernhalten von Kindern, die erst noch lernen müssen, wie man überhaupt lernt? Werden Schüler, die am Computer mit dem Lesen beginnen, jemals ein Buch in die Hand nehmen, sagen wir die Buddenbrooks? Die Digitalisierung, die auch Erwachsene gelegentlich in Verwirrung stürzt, stellen wir mit der Computertafel ins Zentrum des Unterrichts. Das bedeutet eine viel größere Veränderung als alle bisherigen Computerräume und »Medienecken«.

Kann denn nicht wenigstens die Grundschule so lange wie möglich eine Oase des Analogen bleiben?

Der Gedanke ist charmant, wirkt aber zunehmend weltfremd. Unter den Erstklässlern, die in den nächsten Wochen ihre Schullaufbahn beginnen, werden viele Computerveteranen sein, mehr als je zuvor. Wer es noch nicht mit eigenen Augen gesehen hat – in der eigenen Familie, im Bahnabteil, im Restaurant –, kann sich bei YouTube davon überzeugen. Dort ist in den vergangenen Monaten ein Videogenre erblüht, das Ein- bis Vierjährige beim virtuosen Umgang mit Tablet-PCs wie dem iPad zeigt. Eingeschult werden heute Kinder, die jahrelange Spielerfahrung mit Nintendo DS und der Xbox mitbringen. Sie kommen mit Gadgets und Apps klar, bevor sie lesen, schreiben, rechnen lernen. Was die Frage aufwirft, wie sie im Zeitalter der iPädagogik lesen, schreiben, rechnen lernen sollen.

In Deutschland, das ermittelte kürzlich eine Umfrage des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs), steht in neun von zehn Haushalten mit Kindern im Grundschulalter mindestens ein Computer. Die Mehrheit der 6- bis 13-Jährigen ist im Internet unterwegs. 65 Prozent »interessieren sich« für Computerspiele, 32 Prozent sogar »sehr« – mit diesem Wert liegen PC-Spiele unter den Freizeitbeschäftigungen an zweiter Stelle, hinter »Freunden«. 71 Prozent der Jungen in dieser Altersgruppe spielen mindestens einmal pro Woche, bei den Mädchen sind es 54 Prozent. Computer und Computerspiele sind eigentlich nicht dasselbe, in Kinderhänden manchmal schon.

Und so steht die Schule an einer Weggabelung: Sie kann der Computermacht trotzig den traditionellen Unterricht entgegenstellen – oder diese Macht ins Klassenzimmer holen.

Immerhin lernen Kinder am Computer in jahrelangem Training die erstaunlichsten Dinge: einen Jumbojet zu steuern oder einen Formel-1-Rennwagen, eine Fußballbundesliga-Mannschaft zu managen oder als Weltenlenker ganze Zivilisationen aufzubauen. Warum sollten sie dann mit der gleichen Methode nicht auch Grammatik und die Grundrechenarten lernen können?

Weil der Computer spielsüchtig und dumm macht, sagen manche. Die fatalen Auswirkungen der Computerspielerei auf lernende Kinder schilderte der Hirnforscher Manfred Spitzer vor einigen Monaten in einem Essay so: »Verglichen mit der Zeit, die nachmittags an Konsolen, Computern und Bildschirmen verbracht wird, ist der Unterricht am Vormittag langweilig.« Weil aber Emotionen für Lernprozesse wichtig seien, werde in der Schule nur wenig gelernt. Und dann führe auch noch die »Playstation am Nachmittag« dazu, »dass das wenige, das am Vormittag dennoch hängen blieb, regelrecht gelöscht wird«.

Eine Lösung wäre, Computerspiele aus der Welt der Schüler zu verbannen. Realistischer wäre es vielleicht, den Unterricht in Zukunft mithilfe des Computers etwas weniger langweilig zu machen. Eines Tages, wer weiß, vielleicht sogar so spannend wie ein gutes Computerspiel.

Leser-Kommentare
  1. Computer ist, wenn sinnvoll eingesetzt, sehr nützlich. Gerade monotone Übungen werden so für Kinder attraktiv. Die spielerisch aufgemachten Übungen machen Spaß, und die Zeit, wo die Kinder sich über "Fleißkärtchen" gefreut haben, ist ohnehin vorbei.

    Wenn sich aber ein Musikleher bei der Vorführung eines Klaviers Bemerkungen anhören muss wie "Das Gerät hat keinen Stecker und trotzdem kommen da Töne raus", "das Teil ist total langweilig, wenn ich eine Taste drücke, dann kommt nur ein Ton raus - bei meinem Computer kommt gleich ein ganzes Lied raus, wenn ich eine Taste drücke", dann stellt man bestürzt fest, dass manchen Kindern sogar die grundsätzlichsten Lebenserfahrungen fehlen, und dass für sie nur der "Knopfdruck" Realitätsbezug hat.

    Man darf also nicht nur auf Computer setzen, sondern auch die Sinnesempfindungen der Kinder fördern.

    Letztendlich müssen die Kinder auch die Fähigkeiten entwickeln, im Notfall ohne Strom klar zu kommen.

    Und selbst wenn die Kinder das Lesen am PC lernen - die Vorfreude, welche vom Duft eines frisch gedruckten Buchs ausgeht, das bleibt.

  2. "wir müssen die Kinder nicht für unsere Vergangenheit ausbilden, sondern für ihre Zukunft.
    Ob da der Computer oder das Web der richtige Ort ist, die beide mit perfekten Buchwissen vollgestopft sind, muß man aber bezweifeln.

    • eschu
    • 30.07.2011 um 12:33 Uhr

    Ich bedauere sehr, dass es wieder die Hauptstadt ist, deren Schule an der Bäke mit ihrer Referenzarbeit auf dem Gebiet der neuen Medienvorgestellt wird.
    Ich war Lehrerin an einer kleinen Schule im Weserbergland und Hauptinitiatorin der Ausstattung der Schule mit Whiteboards.
    Wir arbeiten nun über 3 Jahre mit den elektronischen Tafeln, immer in Kombination mit realen Handlungssituationen. Das hätte die ZEIT-Redaktion einmal zeigen sollen.
    Es geht doch gar nicht darum, die Kinder mit Technik und elektronischen Spitzfindigkeiten vollzustopfen.
    Es geht um Lernen und arbeiten mit neuen Medien in Kombination mit der Realität der Kinder, drinnen wie draußen.
    Schade dass der Bericht nicht vom Lande und aus Lippoldsberg kam.

    • tyty
    • 31.07.2011 um 11:40 Uhr

    ich gehöre zu jenen, die immer wieder versucht haben, die neue digitale Realität in die Klassenräume einzuführen - nicht weil ich ein fanatischer Anhänger der Neuen Medien bin, sondern weil ich die sich immer mehr ausbreitende Hilflosigkeit der traditionellen Pädagogik am eigenen Leib erleben durfte. Denn sie ist einfach dysfunktional angesichts der erlebten Realität der jungen Menschen.
    Bei meinen Bemühungen bin ich eigentlich gescheitert - auch wenn ich jetzt als Pensionär immer weiter versuche, einer digitalisierten Pädagogik in die Schulen Eingang zu verschaffen.
    Schuld daran ist nicht die Ausstattung der Schule. Schuld daran ist nicht eine bornierte Schulleitung. Schuld daran ist eine Mehrheit der Kollegen, die nicht bereit ist, Neues zu probieren und die - das muss man zu der Entlastung der Kollegen sagen - in einer Flut papierener behördlicher Vorgaben derart versinkt, dass sie für das Neue (das übrigens viele der Vorgaben besser erfüllen würde, als die papierene Pädagogik es vermag) keine Zeit und Lust mehr hat.
    Insofern kann ich die "diktatorische" Vorgehensweise des Grundschulleiter nachvollziehen. Gut heißen kann ich sie nicht!
    Festhalten muss ich letzen Endes, dass die verkehrte, unproduktive Verdichtung der Lehrerarbeit den notwendigen Fortschritt der Pädagogik hemmt. Allerdings war es nicht ihr Ziel. Ihr Ziel war immer nur ein Sparziel. Die "Investition in die Bildung" war ausschließlich Gegenstand der Sonntagsreden.

    OSt in R. aus HH

    Eine Leser-Empfehlung
    • hader
    • 01.08.2011 um 21:48 Uhr

    Ab und zu gehe ich als Lehrer gerne mit den Kindern in den Computerraum. Der große Vorteil dort: Die Kinder lernen mit verschiedener Geschwindigkeit und mit jeweils angepasster Schwierigkeit (individuelles Lernen!). Am Whiteboard jedoch werden alle Schüler gleichgeschaltet (den flotteren Kindern ist langweilig, die schlechteren sind überfordert), dies ist veralteter Frontalunterricht.
    Der große Vorteil des Computers (auf jedes Individuum abgestimmter Unterricht) wird vom Whiteboard (passiver Frontalunterricht) absolut zerstört. Das Whiteboard wird oft auch als "Aktivboard" bezeichnet. Dies ist die größte Werbelüge überhaupt, denn nur der Lehrer oder jeweils 1 Schüler sind aktiv, der Großteil der Schüler kann nur passiv zusehen.

    Nach 1 Jahr Arbeit mit dem Aktiv(!)board in meinem Klassenzimmer ist mein Resumee:

    Ein Whiteboard ist eine der größten Steuergeldverschwendungen aller Zeiten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Mit demselben Argument können Sie auch den Vorgänger, die grüne Tafel abhängen und jeden Schüler einzeln auf seiner Schiefertafel kritzeln lassen.

    PS:
    Leider gibt es größere Steuergeldverschwendungen.

    Mit demselben Argument können Sie auch den Vorgänger, die grüne Tafel abhängen und jeden Schüler einzeln auf seiner Schiefertafel kritzeln lassen.

    PS:
    Leider gibt es größere Steuergeldverschwendungen.

  3. Ich halte die Tafel für ein absolut geniales, einfaches, effektives, kreatives und kostengünstiges Hilfsmittel, dass man auf keinen Fall aus der Schule verbannen darf.
    Nur weil es "zeitgemäß" ist, werden schon wehrlose Referendare zu aufwendigen, vorbereitungsintensiven Multimedia getue verdammt, statt ein paar Vokabeln einfach an eine der im Klassenraum vorhandenen Tafeln zu schreiben oder eine einfache Skizze anzufügen.

    Es wird im Artikel mit keinem Wort darauf eingegangen, wie Wartungs- und Störanfällig die Whiteboardnutzung ist, nur womit behilft man sich bis der nicht vorhandene PC-Service kommt?

    Welche Hintergrundfarbe stellen die Computernutzer auf ihrer Arbeitsoberfläche ein, wenn Sie der quietschbunten Multimediaattacken überdrüssig sind: Windows Standard im ach so veralteten Tafelgrün oder blau.

  4. Einige Lehrer haben übertrieben und lizensierte Programme oder gar Bücher als pdf auf Ihren Schulserver (moodle) ins Netz gestellt.
    Das Land NRW ist verklagt worden, Schadenersatz von 44000 € zu zahlen, das Land ist an den Schulleiter rangetreten, der soll die 44k€ zahlen.
    Unser Schulleiter hat daraufhin den Schulserver abschalten lassen, weil er nicht gewährleisten kann, dass kein(!) urheberrechtlich geschütztes Material daraufliegt. Deshalb gibt's bei uns kein moodle mehr...

  5. Mit demselben Argument können Sie auch den Vorgänger, die grüne Tafel abhängen und jeden Schüler einzeln auf seiner Schiefertafel kritzeln lassen.

    PS:
    Leider gibt es größere Steuergeldverschwendungen.

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