Digitale Grundschule Guten Morgen, Herr Rechner!
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 Die Kinder sind sowieso vor dem Computer - wieso nicht auch in der Schule?

Die Q2L, wie die Schule nach Art des Hacker-Slangs genannt wird, mag zunächst wie ein Auffangbecken für junge Spielsüchtige wirken, ist aber für alle Kinder konzipiert. »Ich schätze, dass sich höchstens zehn Prozent der Schüler als Hardcore-Gamer bezeichnen würden«, sagt Salen.

Wie alle amerikanischen Schulen wird auch die Q2L daran gemessen, wie ihre Schüler in den USA-weiten Standardtests abschneiden. »Wir finden zwar, dass dort nicht die richtigen Maßstäbe angelegt werden«, sagt Salen, »trotzdem wollen wir da gute Ergebnisse erzielen.« An der Verschiebung dieser Maßstäbe ins digitale Zeitalter wird allerdings auch schon gearbeitet: Bis 2014, so will es das US-Bildungsministerium, sollen die Tests genau die Fähigkeiten stärker gewichten, die sich viele Computerspieler antrainieren, räumliches und visuelles Denken etwa.

Damit wäre die Logik der Computerspiele endgültig im Bildungssystem verankert – für Salen eine ganz natürliche Entwicklung: »Was ich an Computerspielen liebe, ist, dass sie den Wunsch erzeugen, sich Wissen anzueignen«, sagt sie. »Sie schaffen einen Kontext, in dem man richtig hart arbeiten will.«

Noch ist die Q2L einzigartig, aber das wird nicht so bleiben. Die Schule sei »modular« entwickelt worden, »das Ziel ist, dass andere Schulen einzelne Elemente übernehmen können«, sagt Salen. Die Nachfrage sei groß: »Es kommen jede Woche fünf bis zehn Anfragen aus der ganzen Welt. Es melden sich Lehrer, aber auch Behörden, die gern so eine Schule starten würden.« Nach den Sommerferien wird Katie Salen in Chicago die erste Q2L-Schwesterschule eröffnen.

Auf dem Weg in die Zukunft muss allerdings nicht immer die ganze Schule neu erfunden werden. Hübsche Ideen für digitale Grundschulprojekte finden sich im Internet zum Beispiel auf den »Landesbildungsservern« der deutschen Kultusministerien (die das nötige Equipment allerdings auch nicht bezahlen müssen). Auf dem Server Baden-Württembergs liegen zwei Vorschläge, die direkt der Q2L entsprungen sein könnten – ein Recherchespiel namens WebQuest und diese Anregung: »Computerspiele sind häufig die erste Begegnung von Kindern mit dem Computer. Ein Spiel selber zu entwickeln lässt Kinder und LehrerInnen viel lernen.«

Seit 2005 schon wird an Berliner Schulen das Projekt »Explorarium« angeboten. Wie die Q2L orientiert es sich am gemeinsamen Erkunden eines Themas über vernetzte Computer. Erleichtert wird das durch eine Lernplattform namens Moodle, ein eindrucksvolles Open-Source-Projekt, das mittlerweile von Schulen in 200 Nationen genutzt wird. Die Software erstellt virtuelle Klassenzimmer und ein Chat-System für Schüler und Lehrer. In einem Video auf der Explorarium-Homepage ist zu sehen, wie Schülerinnen laptopgestützt den Schulgarten botanisch korrekt bepflanzen. Wichtigstes Lernziel, neben den Pflanztechniken: Aha, der Computer kann auch hinaus in die Natur führen!

Solche Szenen sind denkbar weit entfernt von der Horrorvision kindlicher Computer-Junkies, die viele Pädagogen und Eltern umtreibt. Verständlicherweise, denn Kinder verbringen absurd viel Zeit vor Bildschirmen aller Art. Also, letzter Versuch: Könnte nicht doch wenigstens die Grundschule ein Ort bleiben, an dem die Kinder ein paar Jährchen vom Computer ferngehalten werden?

Katie Salen dreht das Argument geschickt um: »Es stimmt zwar, dass viele Kinder Zugang zu digitalen Medien haben. Sie wissen aber nicht, wie man sie sinnvoll einsetzen kann.« Kindern dieses Wissen vorzuenthalten? »Das klingt für mich kriminell.«

Wie die Avantgardistin in Manhattan sieht auch der Schulleiter in Lichterfelde den digitalen Unterricht als »Schnittstelle zur späteren Lebens- und Berufswelt« der Schüler: »Es ist verantwortungslos, zu sagen: Ich will damit in der Schule nichts zu tun haben.« Und dann spricht Jens Haase einen Satz, der, ganz undigital, in Stein gemeißelt werden sollte: »Wir müssen die Kinder nicht für unsere Vergangenheit ausbilden, sondern für ihre Zukunft.«

Und selbst in dieser Zukunft wird manches bleiben wie eh und je. Den guten Lehrer, sagt Haase, erkenne man daran, dass das Whiteboard auch mal stundenlang ausgeschaltet ist (dann lässt sich mit abwischbaren Stiften darauf malen). »Und wenn’s um das Thema Obst geht«, sagt Jens Haase, »dann ist die beste Darstellungsform weiterhin ein Korb voller Obst.«

 
Leser-Kommentare
  1. Computer ist, wenn sinnvoll eingesetzt, sehr nützlich. Gerade monotone Übungen werden so für Kinder attraktiv. Die spielerisch aufgemachten Übungen machen Spaß, und die Zeit, wo die Kinder sich über "Fleißkärtchen" gefreut haben, ist ohnehin vorbei.

    Wenn sich aber ein Musikleher bei der Vorführung eines Klaviers Bemerkungen anhören muss wie "Das Gerät hat keinen Stecker und trotzdem kommen da Töne raus", "das Teil ist total langweilig, wenn ich eine Taste drücke, dann kommt nur ein Ton raus - bei meinem Computer kommt gleich ein ganzes Lied raus, wenn ich eine Taste drücke", dann stellt man bestürzt fest, dass manchen Kindern sogar die grundsätzlichsten Lebenserfahrungen fehlen, und dass für sie nur der "Knopfdruck" Realitätsbezug hat.

    Man darf also nicht nur auf Computer setzen, sondern auch die Sinnesempfindungen der Kinder fördern.

    Letztendlich müssen die Kinder auch die Fähigkeiten entwickeln, im Notfall ohne Strom klar zu kommen.

    Und selbst wenn die Kinder das Lesen am PC lernen - die Vorfreude, welche vom Duft eines frisch gedruckten Buchs ausgeht, das bleibt.

  2. "wir müssen die Kinder nicht für unsere Vergangenheit ausbilden, sondern für ihre Zukunft.
    Ob da der Computer oder das Web der richtige Ort ist, die beide mit perfekten Buchwissen vollgestopft sind, muß man aber bezweifeln.

    • eschu
    • 30.07.2011 um 12:33 Uhr

    Ich bedauere sehr, dass es wieder die Hauptstadt ist, deren Schule an der Bäke mit ihrer Referenzarbeit auf dem Gebiet der neuen Medienvorgestellt wird.
    Ich war Lehrerin an einer kleinen Schule im Weserbergland und Hauptinitiatorin der Ausstattung der Schule mit Whiteboards.
    Wir arbeiten nun über 3 Jahre mit den elektronischen Tafeln, immer in Kombination mit realen Handlungssituationen. Das hätte die ZEIT-Redaktion einmal zeigen sollen.
    Es geht doch gar nicht darum, die Kinder mit Technik und elektronischen Spitzfindigkeiten vollzustopfen.
    Es geht um Lernen und arbeiten mit neuen Medien in Kombination mit der Realität der Kinder, drinnen wie draußen.
    Schade dass der Bericht nicht vom Lande und aus Lippoldsberg kam.

    • tyty
    • 31.07.2011 um 11:40 Uhr

    ich gehöre zu jenen, die immer wieder versucht haben, die neue digitale Realität in die Klassenräume einzuführen - nicht weil ich ein fanatischer Anhänger der Neuen Medien bin, sondern weil ich die sich immer mehr ausbreitende Hilflosigkeit der traditionellen Pädagogik am eigenen Leib erleben durfte. Denn sie ist einfach dysfunktional angesichts der erlebten Realität der jungen Menschen.
    Bei meinen Bemühungen bin ich eigentlich gescheitert - auch wenn ich jetzt als Pensionär immer weiter versuche, einer digitalisierten Pädagogik in die Schulen Eingang zu verschaffen.
    Schuld daran ist nicht die Ausstattung der Schule. Schuld daran ist nicht eine bornierte Schulleitung. Schuld daran ist eine Mehrheit der Kollegen, die nicht bereit ist, Neues zu probieren und die - das muss man zu der Entlastung der Kollegen sagen - in einer Flut papierener behördlicher Vorgaben derart versinkt, dass sie für das Neue (das übrigens viele der Vorgaben besser erfüllen würde, als die papierene Pädagogik es vermag) keine Zeit und Lust mehr hat.
    Insofern kann ich die "diktatorische" Vorgehensweise des Grundschulleiter nachvollziehen. Gut heißen kann ich sie nicht!
    Festhalten muss ich letzen Endes, dass die verkehrte, unproduktive Verdichtung der Lehrerarbeit den notwendigen Fortschritt der Pädagogik hemmt. Allerdings war es nicht ihr Ziel. Ihr Ziel war immer nur ein Sparziel. Die "Investition in die Bildung" war ausschließlich Gegenstand der Sonntagsreden.

    OSt in R. aus HH

    Eine Leser-Empfehlung
    • hader
    • 01.08.2011 um 21:48 Uhr

    Ab und zu gehe ich als Lehrer gerne mit den Kindern in den Computerraum. Der große Vorteil dort: Die Kinder lernen mit verschiedener Geschwindigkeit und mit jeweils angepasster Schwierigkeit (individuelles Lernen!). Am Whiteboard jedoch werden alle Schüler gleichgeschaltet (den flotteren Kindern ist langweilig, die schlechteren sind überfordert), dies ist veralteter Frontalunterricht.
    Der große Vorteil des Computers (auf jedes Individuum abgestimmter Unterricht) wird vom Whiteboard (passiver Frontalunterricht) absolut zerstört. Das Whiteboard wird oft auch als "Aktivboard" bezeichnet. Dies ist die größte Werbelüge überhaupt, denn nur der Lehrer oder jeweils 1 Schüler sind aktiv, der Großteil der Schüler kann nur passiv zusehen.

    Nach 1 Jahr Arbeit mit dem Aktiv(!)board in meinem Klassenzimmer ist mein Resumee:

    Ein Whiteboard ist eine der größten Steuergeldverschwendungen aller Zeiten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Mit demselben Argument können Sie auch den Vorgänger, die grüne Tafel abhängen und jeden Schüler einzeln auf seiner Schiefertafel kritzeln lassen.

    PS:
    Leider gibt es größere Steuergeldverschwendungen.

    Mit demselben Argument können Sie auch den Vorgänger, die grüne Tafel abhängen und jeden Schüler einzeln auf seiner Schiefertafel kritzeln lassen.

    PS:
    Leider gibt es größere Steuergeldverschwendungen.

  3. Ich halte die Tafel für ein absolut geniales, einfaches, effektives, kreatives und kostengünstiges Hilfsmittel, dass man auf keinen Fall aus der Schule verbannen darf.
    Nur weil es "zeitgemäß" ist, werden schon wehrlose Referendare zu aufwendigen, vorbereitungsintensiven Multimedia getue verdammt, statt ein paar Vokabeln einfach an eine der im Klassenraum vorhandenen Tafeln zu schreiben oder eine einfache Skizze anzufügen.

    Es wird im Artikel mit keinem Wort darauf eingegangen, wie Wartungs- und Störanfällig die Whiteboardnutzung ist, nur womit behilft man sich bis der nicht vorhandene PC-Service kommt?

    Welche Hintergrundfarbe stellen die Computernutzer auf ihrer Arbeitsoberfläche ein, wenn Sie der quietschbunten Multimediaattacken überdrüssig sind: Windows Standard im ach so veralteten Tafelgrün oder blau.

  4. Einige Lehrer haben übertrieben und lizensierte Programme oder gar Bücher als pdf auf Ihren Schulserver (moodle) ins Netz gestellt.
    Das Land NRW ist verklagt worden, Schadenersatz von 44000 € zu zahlen, das Land ist an den Schulleiter rangetreten, der soll die 44k€ zahlen.
    Unser Schulleiter hat daraufhin den Schulserver abschalten lassen, weil er nicht gewährleisten kann, dass kein(!) urheberrechtlich geschütztes Material daraufliegt. Deshalb gibt's bei uns kein moodle mehr...

  5. Mit demselben Argument können Sie auch den Vorgänger, die grüne Tafel abhängen und jeden Schüler einzeln auf seiner Schiefertafel kritzeln lassen.

    PS:
    Leider gibt es größere Steuergeldverschwendungen.

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