Nabucco-Pipeline - Weltlage: Nabucco-Pipeline - Energiesicherheit für Europa? Die geplante Nabucco-Pipeline soll Lieferstörungen von Gas aus Russland zukünftig lösen. Ist die Energieversorgung Europas dann wirklich gesichert?

Wenn alles nach Plan läuft, führt in sechs Jahren ein Stahlrohr von Aserbaidschan bis in die Nähe Wiens. Ein Rohr, so groß, dass man gebückt hindurchgehen könnte, 3.900 Kilometer lang, über sechs Ländergrenzen hinweg. Wenn alles nach Plan läuft, strömt durch dieses Rohr Erdgas vom Kaspischen Meer bis nach Mitteleuropa.

Es läuft aber nicht alles nach Plan.

Seine potenziellen Betreiber haben das Rohr Nabucco genannt, was darauf deutet, dass es nicht nur um kaspisches Gas geht. Wie die Juden aus babylonischer Gefangenschaft, so soll sich Europa mit Nabucco aus der Umklammerung durch Russland befreien. Gegenwärtig liefern die Russen mit ihren Pipelines im Norden, in der Mitte und im Süden des Kontinents rund 34 Prozent des in der EU verbrauchten Gases, Tendenz steigend. Aber unter dem Wüstensand Turkmenistans, im Meer vor der Küste Aserbaidschans, in Usbekistan und unter den kasachischen Steppen werden die zweitgrößten Gasreserven der Welt vermutet; hier könne demnächst so viel Gas gefördert werden wie in Iran und in Norwegen zusammengenommen, urteilt die Internationale Energieagentur in Paris.

Davon will Europa seinen Teil. Doch das Terrain sei "unglaublich schwierig", sagt Günther Oettinger, der in Europa der Energiekommissar ist, also so etwas wie ein europäischer Energiezar. Oettinger setzt mit aller Macht auf Nabucco – und läuft Gefahr, am Ende mit leeren Händen dazustehen . Denn neben den Europäern wollen auch die Chinesen an das kaspische Gas, die Russen sowieso. Auch die Amerikaner spielen mit im Spiel um Energie, dazu Iran, die Türkei, Aserbaidschan und Turkmenistan. Und natürlich die Konzerne: BP, die norwegische Statoil, RWE, Österreichs OMV und die russische Gasprom .

In diesem Herbst wird sich entscheiden, ob das Megaprojekt platzt.

Drei Probleme gefährden Nabucco: Erstens ist nicht sicher, ob die potenziellen Gaslieferanten auch wirklich Gas liefern wollen. Zweitens tut Russland alles, um der dominante Gasversorger Europas zu bleiben. Und drittens ist längst nicht ausgemacht, ob sich die Pipeline langfristig überhaupt lohnt.

Problem eins hat einen Staat in den Mittelpunkt gerückt, den es vor rund 20 Jahren noch gar nicht gab. Aserbaidschan entstand aus der Konkursmasse der Sowjetunion und mauserte sich nach der Jahrtausendwende Dank seines Öl- und Gasreichtums zu einem der am schnellsten wachsenden Länder der Welt. Von ihm will Nabucco etwa 10 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr beziehen, also knapp ein Drittel der auf 31 Milliarden Kubikmeter angelegten Kapazität der Röhre. Dieses Gas soll aus dem riesigen Feld Shah Deniz II stammen, das 70 Kilometer südöstlich der aserbaidschanischen Kapitale Baku im Kaspischen Meer liegt.

Den größten Teil der Förderrechte für Shah Deniz halten die beiden Energieriesen BP und Statoil, daneben sind Aserbaidschans staatliche Öl- und Gasgesellschaft und vier weitere Firmen beteiligt. Dieses Konsortium hat mehrere Pipeline-Betreiber – neben Nabucco zwei Unternehmen, über die noch zu reden sein wird – aufgefordert, bis Oktober verbindliche Preisangebote für das für Europa bestimmte Gas abzugeben. Bis zum Jahresende soll dann endgültig entschieden werden.

Das klingt so, als werde streng nach ökonomischen Kriterien geurteilt. Und tatsächlich hat BP durchblicken lassen, dass es von den langfristigen Aussichten Nabuccos nicht überzeugt ist. Allerdings "werden die an Shah Deniz beteiligten Firmen nichts tun, was den Interessen Aserbaidschans widerspricht", sagt ein europäischer Spitzenmanager, der für Nabucco oft in der Region unterwegs ist und der wie alle seine Kollegen nicht mit Namen genannt werden will. Letztlich entscheidet also die Regierung in Baku. Folgerichtig hat EU-Kommissar Oettinger dem Regime in Baku mehrere Male die Aufwartung gemacht, im Juni bezeichnete er Aserbaidschan vollmundig als einen "Schlüsselpartner" Europas. Ähnlich gefällig äußerte sich zeitgleich ein Emissär der USA, der im ausdrücklichen Auftrag von Präsident Barack Obama ans Kaspische Meer gereist war und die "engen Beziehungen" zwischen beiden Ländern lobte.