Wenn Banker ihre Sicht auf die Welt beschreiben, dann ist das für alle anderen zumeist etwas gewöhnungsbedürftig. Die Finanzmärkte erfüllten als »fünfte Gewalt« eine wichtige Wächterrolle im Staate, das hat Rolf E. Breuer, einst Vorstandssprecher der Deutschen Bank, einmal formuliert. »Sie prüfen ständig, ob die Politik in sich konsistent ist oder ob es nicht früher oder später zu einer Korrektur kommen muss.«

So ein Satz klingt vier Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise wie eine Ungeheuerlichkeit. Erst musste die internationale Gemeinschaft die Banken mit Milliarden stützen, um »die Märkte« zu beruhigen. Jetzt stützt sie mit noch mehr Milliarden ganze Staaten – und ein Ende ist nicht in Sicht.

Dabei haben die Europäer auf ihrem Gipfel der vergangenen Woche einen Kraftakt geleistet. Sie haben einen umfassenden Umbau der Währungsunion beschlossen – und ihren politischen Gestaltungswillen bewiesen. Es gibt jetzt neue Regeln, mehr Geld für die Krisenländer und einen europäischen Währungsfonds, der im Ernstfall mit Notkrediten aushilft. Die größte Reform seit Einführung der gemeinsamen Währung soll den Euro ein für allemal stabilisieren.

Trotzdem: Nach einer kurzen Phase der Euphorie werden an den Finanzmärkten schon wieder Wetten auf die nächste Rettungsrunde abgeschlossen. Irland und Portugal gelten als angeschlagen, Italien und Spanien erhalten nur noch gegen hohe Zinsen frisches Geld. Und außerhalb der Währungszone sieht es nicht viel besser aus.

Die Unruhen an den Märkten bedrohen fast alle westlichen Industrienationen. Die britische Regierung muss unter dem Druck der Finanzmärkte sparen wie zuletzt Margaret Thatcher. Die USA stehen kurz vor der Staatspleite, und die beiden großen Parteien streiten erbittert darüber, ob die gesetzliche Grenze für die Staatsverschuldung noch ein weiteres Mal erhöht werden darf. Der Preis des Goldes , der Leitwährung der Untergangspropheten, steigt fast täglich auf neue Höchstmarken. In aufstrebenden Schwellenländern Asiens werden bereits Nachrufe auf den westlichen Wohlfahrtsstaat verfasst.

Es fällt also schwer, den Gedanken niederzuschreiben – aber was, wenn Breuer trotzdem recht hat? Wenn die Finanzmärkte bei all ihrer Gier und ihrer Neigung zu Übersprungshandlungen eine wichtige Botschaft für uns haben? Wenn uns ihre Nervosität signalisiert, dass etwas in der westlichen Welt grundsätzlich schiefgelaufen ist und Rettungsschirme allein nicht mehr weiterhelfen?

Um es gleich zu sagen: Zur Rettung Griechenland und anderer Währungsgenossen gibt es keine ernst zu nehmende Alternative. Scheitern gehört zur Marktwirtschaft, aber ab einer bestimmten Unternehmensgröße – oder wenn es gar um ganze Staaten geht – ist es die Ausnahme. Zu sehr hängt im real existierenden, globalen Kapitalismus alles mit allem zusammen. Zu groß scheint die Gefahr, dass alle fallen, wenn einer fällt.