DIE ZEIT: Ihr Spitzname lautet Dr. Doom, Doktor Untergang – weil Sie die Weltfinanzkrise vorhergesagt haben...

Nouriel Roubini: Ich ziehe Dr. Realist vor.

ZEIT: Und wie sehen Sie als Dr. Realist die Zukunft Europas – jetzt, wo Griechenland ein weiteres Mal gerettet worden ist?

Roubini: Diese Umschuldung war der einzig vernünftige Schritt für die Euro-Zone. Alle anderen Lösungen, etwa ein hauptsächlicher Verlass auf Rückkäufe der griechischen Staatsanleihen, waren einfach Quatsch.

ZEIT: Und? Ist damit jetzt ein Schlussstrich unter die Probleme gezogen?

Roubini: Natürlich nicht. Die Verantwortlichen beteuern zwar, dass diese Rettungsaktion die absolute Ausnahme bleiben wird, aber das ist Wunschdenken. Irland und Portugal sind doch ebenfalls zahlungsunfähig. In ein paar Jahren wird der bisherige Rettungsplan für Portugal zusammenbrechen. Für Irland gilt das Gleiche. In Irland werden entweder die Banken umschulden müssen oder der Staat.

ZEIT: Was heißt das für die Euro-Zone insgesamt?

Roubini: Die Politiker der Euro-Zone können sich vielleicht noch fünf Jahre lang durchlavieren, danach kann man sehr harten Entscheidungen nicht mehr ausweichen. Die Chancen, dass Griechenland oder Portugal aus der Euro-Zone aussteigen, sehe ich bei 30 Prozent. Griechenlands Verschuldung erreicht kommendes Jahr 166 Prozent des Sozialprodukts. Das Land hat keine Liquiditätsprobleme, es ist insolvent.

ZEIT: Deshalb der Umschuldungsplan.

Roubini: Der löst aber das Kernproblem nicht: die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit im Süden Europas. Schon vor über einem Jahrzehnt haben die EU-Länder an der Peripherie an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber China , Asien , der Türkei und Osteuropa verloren. Ihre Produkte waren und sind oft noch überwiegend arbeitsintensiv, sie bieten nur einen geringen Mehrwert. Die scharfe Aufwertung des Euro seit 2002 hat die Wettbewerbsfähigkeit dieser Produkte erst recht ruiniert. Das war ein Sargnagel.

ZEIT: Können die Mittelmeerländer denn mehr wie Deutschland werden?

Roubini: Schwierig. Die Deutschen haben 15 Jahre damit verbracht, wieder wettbewerbsfähig zu werden – indem sie die Löhne weniger schnell steigen ließen als die Produktivität. Wenn Griechenland, Portugal und Spanien es jetzt so ähnlich anfingen, kämen die Resultate viel zu spät. Und eine Gegenbewegung gegen die Sparmaßnahmen und Reformen wäre unausweichlich. Was hilft, ist der Ausstieg aus dem Euro.

ZEIT: Ein schwächerer Euro könnte auch helfen, Produkte aus Südeuropa wieder in Amerika oder Asien wettbewerbsfähiger zu machen.

Roubini: Ja, aber die deutsche Wirtschaft ist so überwettbewerbsfähig und stark, dass ein Sturz des Euro-Kurses unwahrscheinlich ist. Außerdem zieht die Europäische Zentralbank (EZB) gerade die geldpolitischen Zügel an, während die US-Notenbank Fed weiter an der Niedrigzinspolitik festhält. Das schwächt den Dollar gegenüber dem Euro ebenso wie die Schulden- und Haushaltsprobleme in den USA .

"Alle westlichen Industrienationen sind hochgradig verschuldet"

ZEIT: Viele Europäer sehen die Ursache der aktuellen EU-Krise in dem angelsächsisch geprägten weltweiten Finanzsystem.

Roubini: Das ist aber naiv. Dies ist eine globale Krise, die außer durch die USA auch durch hausgemachte Probleme in der Euro-Zone hervorgerufen wurde. Die Immobilienblasen in Island , Irland und Spanien waren sogar noch schlimmer als die in den USA. Die Haushaltsschieflagen in Griechenland und Portugal sind auch nicht durch die USA verursacht. Italien hat eine Verschuldungsrate von 120 Prozent seines Sozialprodukts, das ist kaum die Schuld der Wall Street . Und ehrlich gesagt: Die fundamentale Frage, ob die heutige Euro-Zone die optimale Währungsregion ist, ist auch nicht durch die USA aufgekommen.

ZEIT: Aber Sie müssen zugeben, die USA ziehen seit Jahren die Weltwirtschaft runter.

Roubini: Derzeit ist die Krise in Europa akuter, aber ich gebe Ihnen recht: Auch die USA kämpfen weiterhin mit massiven Problemen. Die Infrastruktur und das Bildungssystem brauchen dringend Investitionen, zugleich sind die privaten wie die öffentlichen Haushalte hochgradig verschuldet. Alle westlichen Industrienationen haben im Augenblick dieses Verschuldungsproblem, und unglücklicherweise gibt es keine rasche Lösung dafür.

ZEIT:Washington leistet sich außerdem noch einen Grabenkrieg zwischen Republikanern, die drastische Haushaltskürzungen wollen, und Demokraten, die mehr Einnahmen fordern...

Roubini: Das ist Politiktheater, auf die Realwirtschaft hat diese Schuldendiskussion keinen Einfluss. Der Realwirtschaft geht es aber auch so scheußlich. Mindestens bis ins kommende Jahr wird das Wachstum der US-Wirtschaft bei bloß knapp zwei Prozent liegen. Der Arbeitsmarkt ist in einer schlechten Verfassung. Die Konzerne feuern wieder massenhaft Leute. Die Lage am Immobilienmarkt ist schrecklich, die Preise brechen weiter zusammen.

ZEIT: Auch in den USA gab es umfassende Konjunkturprogramme...

Roubini: ...aber jetzt kürzt die öffentliche Hand ihre Ausgaben und baut Stellen ab. Das wird auch die privaten Haushalte schwächen. Amerikas Privatleute konnten ihren Konsum zuletzt nur wegen der öffentlichen Transferleistungen und der niedrigeren Steuern aufrechterhalten. Beides läuft jetzt aus.

ZEIT: Die Supermacht und Super-Wirtschaftsmacht USA steigt ab.

Roubini: Und auch das ist keine große Hilfe bei der Problembewältigung. Ohne die Führung der USA zerfällt die Welt mehr und mehr in Kleinstaaterei. Mehr Kooperation und Koordination wären eigentlich nötig. Aber in allen wichtigen Punkten – etwa Energiesicherheit, Nahrungsmittelsicherheit, Finanzmarktregulierung – besteht Uneinigkeit. Auch in der Geldpolitik: Die USA bleiben bei der Niedrigzinspolitik, Europa zieht die Zügel an, auch China und die USA streiten wegen der Währungsfrage. Und alle streiten über die weitere Handelsliberalisierung.

ZEIT: Mit der Supermacht USA war das besser?

Roubini: Historisch war es immer so, dass eine wohlwollende Hegemonialmacht globale öffentliche Güter gefördert hat – Freihandel, freien Geldverkehr, Weltsicherheit. Im 19. Jahrhundert war das Großbritannien , im 20. Jahrhundert waren es die USA.

ZEIT: China sehen Sie noch nicht in der Rolle des wohlwollenden Vorherrschers?

Roubini: Kaum. Großbritannien und die USA sind liberale Demokratien, trotz aller Fehler, die sie haben mögen; und ihre Modelle haben breite Vorbildfunktion. China ist ein autoritäres Land, trotz allen Fortschritts. Die Führung zeigt sich bisher auch gar nicht willens, im Gegenzug mehr internationale Verantwortung zu übernehmen.

 " Uns stehen harte Jahre mit schmerzhaften Einschnitten bevor"

ZEIT: Platzt die chinesische Blase bald?

Roubini: Ich mache mir Sorgen um eine harte Landung in zwei oder drei Jahren. Das chinesische Erfolgsmodell setzt auf mehr Export als Import. Als 2009 die Finanzkrise das Exportwachstum abwürgte, konnten die Chinesen ihr Wachstum von acht Prozent trotzdem halten – das war ein Wunder. Erreicht wurde es nicht etwa durch mehr heimischen privaten Konsum, sondern durch massive Investitionen in Infrastruktur und Produktionskapazität. Zehntausende Meilen Autobahnen, Schnellbahnstrecken, 45 neue Flughäfen – zusätzlich zu den 50, die kurz zuvor eröffnet worden sind – und dazu der Ausbau von Fabriken. China investiert auf diese Art inzwischen knapp 50 Prozent des Sozialprodukts.

ZEIT: Klingt doch vorbildlich...

Roubini: ...ist aber nicht durchzuhalten und wird zu Überkapazitäten führen. Und zu Kreditproblemen. Wenn man lokale, regionale und nationale Schulden zusammenzählt, liegt die Verschuldungsrate der Chinesen jetzt schon bei 80 Prozent – also gar nicht so weit hinter der USA mit ihren 99 Prozent.

ZEIT: Sie haben den nächsten großen Knall für 2013 vorhergesagt. Warum gerade dann?

Roubini: Überall auf der Welt gibt es politische Gründe, die Lösung fundamentaler Probleme ein bis zwei Jahre hinauszuschieben. In den USA sind 2012 Präsidentschaftswahlen. Auch in China steht im Herbst kommenden Jahres ein Führungswechsel an. Da wird man alles versuchen, eine harte Landung zu vermeiden – durch noch mehr Investitionen. Doch das wird die Überhitzung nur beschleunigen. In Japan wird der Konjunkturimpuls durch den Wiederaufbau nach dem Erdbeben auslaufen, und das Land wird wieder unter seinem mangelnden Wirtschaftswachstum und fehlenden Reformen leiden.

ZEIT: Und in Europa?

Roubini: In Europa warten alle darauf, bis der Euro-Krisenfonds ESM 2013 permanent in Kraft tritt. Aber wenn Italien oder Spanien kippt, kann die Krise früher ausbrechen.

ZEIT: Eine unausweichliche Katastrophe?

Roubini: Wenn sie verhindert werden soll, müsste die Euro-Zone eine volle Union eingehen – sprich: Alle Steuereinnahmen und alle Schulden müssten in einen gemeinsamen Pool. Aber das wollen weder die Politiker noch die Wähler. Die deutschen Steuerzahler bürgen jetzt schon für die Schulden Griechenlands, Portugals und Irlands, und ich bezweifle ja schon, dass sie auch noch bereit sind, für Spanien, Italien, Belgien und so weiter geradezustehen.

ZEIT: Und was passiert jetzt?

Roubini: Uns stehen harte Jahre mit sehr schmerzhaften Einschnitten bevor. Wir müssen uns aus dem Teufelskreis der Schulden befreien.

ZEIT: So kennt man das von Dr. Doom. Sehen Sie überhaupt einen Lichtblick?

Roubini: Ja. Die Schwellenländer wachsen robust, ihre Haushalte sehen besser aus, ihre Maßnahmen sind ausgereifter. Auf Unternehmensseite ist saniert worden, und die Bilanzen sind in guter Verfassung. Innovation und Technologie sollten das Wachstum treiben. Der Aktienmarkt ist bis vor Kurzem gut gelaufen.

ZEIT: Die Börsianer verdienen also, während alle anderen den Gürtel enger schnallen müssen?

Roubini: Die Erholung am Aktienmarkt hat doch auch bei vielen Institutionen dafür gesorgt, dass die Bilanzen wieder solider aussehen.

ZEIT: Was denn jetzt: Erholung oder schlimme, magere Jahre?

Roubini: Es gibt eine Erholung, weltweit gesehen. Aber nach einer solchen Krise verläuft sie eben anämisch, das ist so. In diesem schwierigen Umfeld müssen wir in den Industrieländern schmerzhafte, sehr schmerzhafte Anpassungen vornehmen.

ZEIT: Aufmunternd klingt das nicht.

Roubini: Ich sehe den Tatsachen gern ins Auge.